15. Juni 2026, 17:29 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Ibuprofen und Paracetamol liegen in vielen Haushalten griffbereit in der Hausapotheke. Für Menschen sind sie gängige Schmerzmittel; für Hunde und Katzen können sie jedoch lebensgefährlich werden. Tierärztin Heike Listmann von Tierarzt Dr. Hölter klärt gegenüber PETBOOK auf, warum schon geringe Mengen problematisch sein können, welche Symptome auf eine Vergiftung hindeuten und was Halter im Notfall tun sollten.
Warum Ibuprofen und Paracetamol für Haustiere gefährlich sind
Wenn der Hund humpelt oder die Katze plötzlich Schmerzen zu haben scheint, greifen manche Halter aus Sorge zu Medikamenten aus der eigenen Hausapotheke. Genau dieser gut gemeinte Gedanke kann für Haustiere schwere Folgen haben.
„Ibuprofen und Paracetamol gehören zu den häufigsten Auslösern von Medikamenten-Vergiftungen bei Hund und Katze – gerade weil sie in fast jedem Haushalt liegen und für harmlos gehalten werden. Tatsächlich vertragen unsere Haustiere diese Wirkstoffe völlig anders als Menschen“, erklärt Tierärztin Heike Listmann.
Humanmedikamente sollten niemals ohne tierärztliche Rücksprache verabreicht werden. Schmerzmittel wie Ibuprofen, Paracetamol, Aspirin oder Diclofenac können bei Hunden und Katzen Magen, Darm, Nieren, Leber oder rote Blutkörperchen schädigen. Im schlimmsten Fall sogar lebensbedrohlich.1
Ibuprofen kann Magen, Nieren und Nervensystem schädigen
Besonders tückisch ist Ibuprofen, weil es bei Hunden und Katzen anders verarbeitet wird als beim Menschen. „Ibuprofen wird beispielsweise von Hunden und Katzen viel schneller und besser ins Blut aufgenommen als von Menschen, aber gleichzeitig langsamer abgebaut.“
Ibuprofen kann bei Haustieren zu Magen-Darm-Blutungen führen und die Nieren schädigen. Typische Symptome sind unter anderem Erbrechen, Durchfall, Geschwüre, Bauchschmerzen, blutiger Kot, vermehrter Durst und Harnabsatz, neurologische Störungen oder Anfälle sowie Blutungen im Magen-Darm-Trakt. „In größeren Mengen schädigt Ibuprofen die Nieren und das Nervensystem“, so die Expertin.
Erste Beschwerden können dabei schon auftreten, bevor Halter die Situation als Notfall erkennen. Laut Listmann können bei Hunden bereits geringe Mengen von 5 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht erste Magen-Darm-Reizungen auslösen.
„Katzen reagieren noch deutlich empfindlicher. Hunde, die aufgrund von Vergiftungserscheinungen in die Tierarztpraxis gebracht werden, haben meist 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht Ibuprofen oder mehr aufgenommen, Katzen meist 25 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht oder mehr – was nicht bedeutet, dass geringere Mengen unbedenklich wären. Eine gängige 400 Milligramm Tablette Ibuprofen kann kleine Tiere also schon zum Notfall machen.“
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Paracetamol ist vor allem für Katzen hochgefährlich
Noch dramatischer ist die Lage bei Paracetamol. Während viele Menschen den Wirkstoff als harmloses Schmerz- oder Fiebermittel kennen, kann er für Katzen tödlich sein.
„Paracetamol ist vor allem für die Katze hochgefährlich: Es schädigt die roten Blutkörperchen – das Blut kann dann keinen Sauerstoff mehr transportieren (Methämoglobinämie) – sowie die Leberzellen.“ Laut Einschätzung von Listmann können bereits 10 Milligramm Paracetamol je kg Körpergewicht für Katzen tödlich sein.
„Beim Hund ist eine Menge von 50 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht bereits besorgniserregend – also eine handelsübliche 500 Milligramm Tablette für einen 10 Kilogramm schweren Hund. Leberschäden sind laut Fachliteratur bei Hunden ab etwa 100 Milligramm pro Kilogramm Körpergewicht zu erwarten.“
Warum Katzen besonders empfindlich reagieren
Dass Paracetamol für Katzen gefährlicher ist als für Hunde, liegt an ihrem Stoffwechsel. Die Tierärztin erklärt, dass Katzen ein bestimmtes Leberenzym weitgehend fehle, das für die sogenannte Glucuronidierung zuständig ist. Dabei handelt es sich um einen Stoffwechselprozess, mit dem andere Tiere und Menschen unter anderem Paracetamol in der Leber entgiften und so ausscheiden können.
„Dadurch entstehen bei der Katze giftige Abbauprodukte, die sich anreichern und die roten Blutkörperchen sowie die Leber schädigen. Was für uns ein gängiges Schmerzmittel ist, kann eine Katze deshalb schon in kleinster Menge das Leben kosten.“
Dahinter steckt eine Besonderheit der Katze: „Katzen sind reine Fleischfresser. Im Gegensatz zu Allesfressern brauchten sie in ihrer Entwicklungsgeschichte nicht die Fähigkeit, Pflanzenstoffe zu entgiften, mit denen sich Pflanzen vor Fressfeinden schützen – etwa auch ätherische Öle. Bei der Glucuronidierung in der Leber wird normalerweise ein Gift- oder Arzneistoff an Glucuronsäure gebunden. Dadurch wird der Stoff wasserlöslich und kann über den Urin ausgeschieden werden.“
Diese Symptome können auf eine Vergiftung hindeuten
Eine Medikamentenvergiftung ist nicht immer sofort eindeutig zu erkennen. Bei Ibuprofen können erste Symptome sogar erst zwei bis sechs Stunden nach der Aufnahme auftreten, sagt Listmann. Anzeichen für eine Vergiftung sind etwa Appetitlosigkeit, Bauchschmerzen, vermehrter Speichelfluss oder Erbrechen , später auch schwarzer Kot durch Blutungen im Darm. „Ernste Komplikationen wie ein Nierenversagen (vermehrtes Trinken und Urinieren) oder Krämpfe können auch erst Tage später auftreten“, fügt die Tierärztin hinzu.
Bei Paracetamol zeigen sich andere Warnzeichen. Vor allem bei Katzen können Schleimhäute, Atmung und Kreislauf betroffen sein. Listmann zählt bläulich-bräunlich verfärbte Schleimhäute, schnelle oder angestrengte Atmung, Schwäche, Teilnahmslosigkeit, Speicheln, eine Schwellung von Gesicht oder Pfoten und eine niedrige Körpertemperatur als mögliche Symptome auf. Zudem kann eine Braunfärbung des Urins durch Ausscheidung von Blutfarbstoff, sogenannte Methämoglobinurie, zu erkennen sein.
Jede versehentliche Aufnahme ist ein Notfall
Deshalb rät die Tierärztin: „Wenn ein Tier nach möglichem Kontakt mit Medikamenten plötzlich verändert wirkt, sollte man nicht abwarten.“ Gerade weil in vielen Ratgebern mit Milligramm-Angaben gearbeitet wird, könnten Halter versucht sein, selbst zu rechnen. Davon rät Listmann ausdrücklich ab.
„Wichtig für die Einordnung: Diese Zahlen sind Orientierungswerte, keine ‚sicheren‘ Grenzen. Für Tierhalter gilt ausnahmslos – jede versehentliche Aufnahme ist ein Notfall, der sofort in tierärztliche Hände gehört. Bitte rechnen Sie nie selbst nach, ob eine Menge ‚noch in Ordnung‘ sein könnte.“
Was Halter im Notfall tun sollten
Tierärztin Heike Listmann appelliert an Halter, die beobachtet haben oder vermuten, dass der Hund oder die Katze Ibuprofen, Paracetamol oder ein anderes Medikament aufgenommen hat, einzugreifen: „Das Wichtigste: ruhig bleiben und sofort handeln, denn je früher behandelt wird, desto besser stehen die Chancen. Rufen Sie umgehend Ihre Tierarztpraxis oder die nächste Tierklinik an. Versuchen Sie bitte nicht, Ihr Tier selbst zum Erbrechen zu bringen; das kann gerade bei Katzen zusätzlich schaden. Hilfreich ist, die Verpackung bereitzuhalten und Wirkstoff, geschätzte Menge und Zeitpunkt zu notieren.“
Die Expertin hat aber auch eine gute Nachricht: „Für Paracetamol gibt es ein Gegenmittel (N-Acetylcystein) und auch bei Ibuprofen lässt sich viel erreichen, wenn schnell behandelt wird.“
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Weitere gefährliche Medikamente aus der Hausapotheke
Ibuprofen und Paracetamol sind nicht die einzigen Medikamente, die für Haustiere riskant sein können. Auch andere Präparate aus der menschlichen Hausapotheke können bei Haustieren schwere Vergiftungen auslösen.
„Riskant sind weitere Schmerz- und Entzündungshemmer wie Acetylsalicylsäure (Aspirin), Naproxen und Diclofenac (auch als Gel, das abgeleckt wird), Antidepressiva, Schlaf- und Beruhigungsmittel, Mittel gegen ADHS, hoch dosierte Vitamin-D- und Eisenpräparate sowie Produkte mit dem Süßstoff Xylit“, sagt Listmann. Im Zweifel, so die Ärztin, sollte immer erst gefragt, dann gegeben werden. Außerdem sollten Medikamente immer außer Reichweite von Tieren aufbewahrt werden, um eine versehentliche Aufnahme zu verhindern.
Vorsicht bei Gesundheitstipps aus den sozialen Medien
Auf TikTok, Instagram oder Facebook kursieren zahlreiche Tipps zur Behandlung von Haustieren. Manche sind hilfreich, andere können gefährlich werden – besonders wenn es um Medikamente oder Dosierungen geht.
Tierärztin Heike Listmann hat eine klare Meinung dazu: „Es freut uns sehr, wenn Menschen sich für die Gesundheit ihrer Tiere einsetzen und sich informieren – das ist ein echter Gewinn. Auch in sozialen Netzwerken finden sich viele wertvolle Tipps, und wir erleben im Praxisalltag immer wieder, dass Tierhalter heute besser informiert sind als früher. Dass auch sehr viele Falschinformationen kursieren, ist bei tiermedizinischen Themen leider nicht anders als bei allen anderen. Das betrifft auch KI-generierte Gesundheitsratschläge. Gerade bei Gesundheitsfragen ist es daher sehr wichtig, Informationen kritisch zu hinterfragen: mehrere Quellen nutzen, auf nachweisbare Qualifikationen achten und im Zweifel in der Tierarztpraxis nachfragen.“