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ADHS gibt es auch bei Hunden – das sind die Symptome

Verspielter Hund, der ein Kissen zerstört hat
Manche Hunde scheinen nie ihre Energie zu verlieren. Neue Studien zeigen nun, dass es bei den Tieren auch so etwas wie das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) gibt. Foto: Getty Images / Photoboyko
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

24. November 2025, 17:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Reizempfindlichkeit, übermäßiger Aktivitätsdrang und Aufmerksamkeitsstörungen – manche Hunde zeigen Auffälligkeiten, die an eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) beim Menschen erinnern. Doch können auch Hunde an einer Art ADHS leiden? Ein Forschungsteam der Eötvös-Loránd-Universität (ELTE) in Budapest ist dieser Frage nachgegangen und lieferte mit einem Fragebogen 2024 bereits wichtige Puzzleteile. Jetzt gibt es neue Erkenntnisse: Aktuelle Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen ADHS-ähnlichen Merkmale bei Hunden mit Selbstkontrolle, kognitiver Flexibilität und sogar Schlaf.

Was gilt beim Hund überhaupt als auffällig?

„Hyperaktiv, hibbelig und leicht abzulenken“ beschreibt zwar viele Hunde im Alltag – ist aber noch kein Diagnosekriterium. Genau hier setzt die Forschung an: Bisherige Tests unterschieden oft nicht zwischen Impulsivität (schnelle Kurzschlussreaktionen), Hyperaktivität (ständige motorische Unruhe) und Aufmerksamkeitsstörungen (schwaches Fokussieren, langsames Lernen).

Die ELTE-Gruppe um die Biologin Barbara Csibra entwickelte deshalb die Dog ADHD and Functionality Rating Scale (DAFRS) – einen validierten Fragebogen, den mehr als 1.000 Halter ausgefüllt haben. Er erfasst getrennt die drei Kernbereiche und fragt Alltagsbeeinträchtigungen ab.

In der Veterinärmedizin wurde bislang oft das Hypersensitivitäts-Hyperaktivitäts-Syndrom (HSHA) als „Hunde-ADHS“ verwendet (Kernsymptome: Hyperaktivität, geringe Sättigung, kürzere Schlafdauer). Die neuen Hundefragebögen (DAFRS) helfen nun, Aufmerksamkeitsstörungen, Hyperaktivität und Impulsivität getrennt zu erfassen – und genauere Behandlungsansätze zu entwickeln.

Vier verschiedene Verhaltensprobleme können bei Hunden für ADHS sprechen

Bei ADHS gibt es vor allem drei verschiedene Verhaltensweisen, die diese Diagnose nahelegen. In ihrem Fragenkatalog wollten die Wissenschaftler diese auch bei Hunden genauer unterscheiden und abfragen. Mithilfe von Hundetrainern, Biologen und Veterinären, die auf Verhalten spezialisiert sind, haben sie die Fragen entwickelt. Denn besonders Hundetrainer sind, wie Lehrer auch, am häufigsten mit den Problemen, die Lernfähigkeit einschränken, vertraut. So entstanden Fragen zu den Themenkomplexen Impulsivität, Hyperaktivität und Aufmerksamkeitsstörungen.

Das Team kam bereits in der Erhebung der Daten zu folgenden Schlussfolgerungen:1

  • Impulsivität äußert sich bei Hunden dadurch, dass blitzartige Reize beim Schnuppern zu Kurzschlussreaktionen führen. Auch fehlende motorische Kontrolle und eine Intoleranz, wenn Leckerli verspätet angeboten werden, sind Zeichen von impulsiven Verhalten.
  • Hyperaktivität dagegen zeigt sich vor allem bei Tieren, die selbst auf Kommando nicht stillsitzen können, zappeln oder plötzlich unkontrolliert lospreschen.
  • Aufmerksamkeitsstörungen ließen sich bei Hunden besonders dann feststellen, wenn sie sich nicht auf das Training konzentrieren konnten. So lernten diese Tiere Tricks und Kommandos viel langsamer. Insgesamt hatten sie Probleme sich zu fokussieren, oder vergaßen, was sie bereits gelernt hatten. Auch haben diese Tiere eine gewisse Unlust, Puzzle oder Suchspiele zu lösen.

Bei der Entwicklung des neuartigen „Dog ADHD and Functionality Rating Scale“, auch DAFRS genannt, stießen die Wissenschaftler noch auf ein viertes Anzeichen, das für ADHS bei Hunden sprechen kann: die Vokalisation. Sprich, Hunde, die sehr viele Verhaltensauffälligkeiten in puncto plötzlicher Aktivitätsschübe hatten, zeigten gleichzeitig Bellen und Jaulen. Die Forscher verglichen dies mit Kindern, die bei jeder unpassenden Gelegenheit hereinreden oder Antworten geben, ohne gefragt zu sein.

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Neue Befunde: Training macht den Unterschied

In einer 2025 publizierten Studie mit 50 Familienhunden meisterten Tiere mit höheren Gesamt-ADHS-Werten kürzere Wartezeiten in einem speziellen Verhaltenstest. Dabei zeigte sich der Effekt zeigte sich nur bei Hunden mit einer Grundausbildung im Training. Bei fortgeschritten trainierten Hunden verschwand der Zusammenhang. Gezieltes Training kann Defizite also offenbar abpuffern. Zudem hing die Leistung mit Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität zusammen, nicht mit der Impulsivitätsskala.2

Schlaf spielt wichtige Rolle bei ADHS

In einer weiteren Studie aus dem Jahr 2025 untersuchten Forschende, wie flexibel Hunde im Denken sind – also, wie gut sie sich an neue Situationen anpassen können. Dafür mussten die Tiere eine Lernaufgabe lösen, danach durften sie eine Stunde schlafen, und anschließend wurde die Aufgabe noch einmal wiederholt.

Das Ergebnis: Vor dem Schlaf schnitten Hunde mit höheren ADHS-Werten schlechter ab – sie brauchten mehr Versuche, um zu verstehen, dass sich die Aufgabe geändert hatte. Nach dem Schlaf sah das anders aus: Wenn die Hunde wirklich geschlafen hatten (mindestens etwa 40 Prozent der Zeit), lernten sie beim zweiten Mal deutlich besser. Schlaf schien also zu helfen, die neuen Informationen zu verarbeiten und zu behalten.3

Hunde mit Konzentrationsproblemen profitieren von klaren Routinen

Besonders spannend: Hunde, die zuvor sehr unruhig und leicht ablenkbar waren, profitierten am meisten vom Schlaf und vom wiederholten Üben. Das zeigt, dass Training und ausreichend Ruhe auch bei „Zappelphilippen“ große Fortschritte bringen können.

Die Forschenden bemerkten außerdem, dass Hunde mit starken ADHS-ähnlichen Verhaltensweisen sich beim Anbringen der EEG-Elektroden schwerer taten – sie waren unruhiger und ließen sich schlechter anfassen. Das ist vor allem für weitere Studien interessant, zeigt aber auch, wie wichtig Geduld, Gewöhnung und eine ruhige Umgebung sind.

Für Hundehalter bedeutet das konkret: Hunde mit viel Energie oder Konzentrationsproblemen profitieren besonders von klaren Routinen, ausreichend Schlaf und wiederholtem Training. Regelmäßige Pausen und ein ruhiger Schlafplatz sind für sie kein Luxus, sondern helfen, das Gelernte wirklich zu festigen.

Welche Rolle spielen Kastration, Alter und Training?

Frühere Auswertungen deuteten an: Kastrierte Tiere waren teils weniger hyperaktiv, aber auch weniger aufmerksam – ein ambivalenter Befund, der weiterer Forschung bedarf. Insgesamt lässt Hyperaktivität mit dem Alter eher nach; Impulsivität und Unaufmerksamkeit bleiben eher bestehen. Der Trainingsstand wirkt als Puffer: Fortgeschritten geschulte Hunde schneiden in Selbstkontroll- und Flexibilitätsaufgaben robuster ab.

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Was Betroffene konkret tun können

  • Strukturiertes Training: kurze, häufige Einheiten; klare Signale; Belohnungen planbar aufbauen (positive Verstärkung).
  • Impulskontrolle üben: z. B. „Warte“-Signale, Futterfreigaben, Sitz-Bleib mit steigender Reizdichte.
  • Kognitive Auslastung: Nasenarbeit, Problemlöse- und Suchspiele – dosiert, damit Frust niedrig bleibt.
  • Schlaf & Erholung: feste Tagesstruktur, ruhiger Schlafplatz, „Runterfahr-Rituale“ vor dem Schlaf.
  • Profi-Support: Bei massiven Problemen frühzeitig verhaltenstierärztlichen Rat einholen – besonders, wenn Aggression, Angst oder Zwangsverhalten hinzukommen.

Fazit

Ob Hunde wirklich eine klinische Entsprechung von ADHS haben, ist noch nicht abschließend geklärt. Aber: Mit den Fragebögen und neuen Studienerkenntnissen lassen sich ADHS-ähnliche Verhaltensdimensionen beim Hund valide differenzieren. Neue Daten zeigen Parallelen zum Menschen: Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität hängen mit geringerer Selbstkontrolle zusammen; Training kann kompensieren; Wiederholung plus ausreichender Schlaf verbessern die kognitive Flexibilität. Das ebnet den Weg für präzisere Diagnostik – und alltagsnahe Interventionen, die Hunden (und ihren Menschen) messbar helfen.

Quellen

  1. Csibra, B., Bunford, N., & Gácsi, M. (2024). „Development of a human-analogue, 3-symptom domain Dog ADHD and Functionality Rating Scale (DAFRS)“. Scientific Reports, 14(1), 1808. ↩︎
  2. Kovács, T., Szűcs, V., Gácsi, M. (2025). „Self-control is associated with the interaction of ADHD-like traits and training level in dogs“. The Veterinary Journal, Volume 314, 106483, https://doi.org/10.1016/j.tvjl.2025.106483. ↩︎
  3. Kovács, T., Reicher, V., Csibra, B., Csepregi, M., Kristóf, K., & Gácsi, M. (2025). „Repeated Task Exposure and Sufficient Sleep May Mitigate ADHD-Related Cognitive Flexibility Impairments in Family Dogs“. Animals, 15(21), 3074. https://doi.org/10.3390/ani15213074 ↩︎

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