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Laut Studie

Pferde können unsere Angst tatsächlich riechen

Frau und Pferd
Wussten Sie, dass Pferde unsere Angst riechen können? Foto: GettyImages/brittak
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Werkstudentin

16. Januar 2026, 14:29 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Viele Pferdehalter kennen das: Man hat ein komisches Gefühl im Reitunterricht und auf einmal scheint das Pferd darauf zu reagieren. Pferde gelten als hochsensible Tiere, aber wie bemerken sie Angst oder Unsicherheit bei ihrem Menschen? Eine aktuelle Studie liefert dazu neue Erkenntnisse.

Wie nehmen Pferde unsere Emotionen wahr?

Pferde gelten als hochsensible Tiere. Wer länger mit ihnen zu tun hat, hört eines Tages den Satz: „Pferde sind der Spiegel der Seele.“ Auch ich habe das oft erlebt – mit meiner Ponystute Little Princess. Wenn ich traurig oder gestresst war, schien sie es zu spüren. An manchen Tagen suchte sie dann besonders viel Nähe. In anderen Momenten, etwa im Training, spiegelte sie meine Unsicherheit fast eins zu eins. Als würde sie genau fühlen, was in mir vorging – ganz ohne Worte.

Doch wie genau nehmen Pferde unsere Emotionen wahr? Und können sie sie vielleicht sogar riechen? Genau dieser Frage ist ein Forschungsteam unter der Leitung von Plotine Jardat nachgegangen. In Kooperation mit Einrichtungen wie der Universität Tours und dem Institut Français du Cheval et de l’Équitation untersuchten die Wissenschaftler, ob Pferde auf emotionale Körpergerüche von Menschen reagieren – und ob sich das in ihrem Verhalten oder ihrer Physiologie zeigt.

Veröffentlicht wurde die Studie am 14. Januar 2026 in der Fachzeitschrift PLOS ONE. Es ist die erste Untersuchung, die diesen Aspekt der Mensch-Tier-Kommunikation bei Pferden systematisch erforscht hat – mit einem klaren Ergebnis: Pferde riechen unsere Angst. Und sie reagieren darauf mit messbarer Zurückhaltung und Stress.1

Warum der Geruchssinn für Pferde wichtig ist

Gerüche sind in der Tierwelt ein zentrales Kommunikationsmittel. Sie dienen zur Orientierung, zur Warnung vor Gefahren und zur Fortpflanzung. Dass Menschen über ihren Schweiß emotionale Zustände wie Angst oder Freude unbewusst aussenden, ist bereits bekannt.

Hunde etwa können Angstschweiß von Menschen erkennen und zeigen daraufhin verändertes Verhalten. Könnten auch Pferde auf solche Signale reagieren? Immerhin gelten sie als hochsoziale Tiere mit feinem Gespür für menschliche Mimik, Stimme und Körpersprache. Die Studie von Jardat und ihrem Team liefert nun überzeugende Belege dafür, dass auch Gerüche ein wichtiger Bestandteil dieser sensiblen Kommunikation sind.

Angstschweiß durch Horrorvideos

Für die Untersuchung wurden 43 Welsh-Ponystuten aus einer französischen Forschungseinrichtung ausgewählt und zufällig drei Gruppen zugeteilt. Eine Gruppe wurde mit dem Körpergeruch von Menschen konfrontiert, die sich zuvor in einer freudigen Stimmung befunden hatten, eine zweite mit Angstschweiß nach dem Anschauen von Horrorvideos. Eine dritte Gruppe diente als Kontrolle und erhielt geruchsneutrale Wattepads.

Die menschlichen Geruchsproben wurden unter kontrollierten Bedingungen gesammelt, eingefroren und den Pferden mithilfe einer speziell entwickelten Maske direkt vor die Nüstern gesetzt. Anschließend beobachteten die Forscher, wie die Tiere in typischen Testsituationen reagierten – etwa beim Kontakt mit einem Menschen, bei einem plötzlichen Schreckmoment oder im Umgang mit einem unbekannten Gegenstand. Ergänzend wurden Herzfrequenz und Speichelproben analysiert, um körperliche Stressreaktionen zu erfassen.

Pferde reagieren mit erhöhter Herzfrequenz auf Angst

Pferde, die dem Geruch von menschlichem Angstschweiß ausgesetzt waren, reagierten auffällig: Sie zeigten mehr Anzeichen von Nervosität und hielten sich stärker vom Menschen zurück als die Tiere in den anderen Gruppen. Im sogenannten Annäherungstest suchten sie seltener den Kontakt zur Versuchsperson.

In einem weiteren Test mit einem unbekannten Gegenstand blickten sie häufiger und länger dorthin. Besonders deutlich wurde der Effekt beim plötzlichen Erschrecken durch einen aufspringenden Regenschirm: Die Pferde aus der Angstgruppe zeigten dabei heftigere Schreckreaktionen und hatten eine deutlich höhere maximale Herzfrequenz.

Der Stresshormonspiegel (Cortisol) veränderte sich dagegen nicht messbar – möglicherweise, weil dieser Wert langsamer reagiert. Die stärksten Unterschiede zeigten sich im Verhalten und im Herzschlag – klare Hinweise auf eine unmittelbare körperliche Reaktion auf den Angstgeruch.

Auch bei Pferden ist Kommunikation das A und O

Die Studie zeigt, dass Pferde den Angstgeruch von Menschen nicht nur wahrnehmen, sondern auch klar darauf reagieren – mit erhöhter Wachsamkeit, Stressanzeichen und weniger Kontaktbereitschaft. Emotionen wie Angst scheinen sich über den Körpergeruch direkt auf das Tier zu übertragen. Das unterstreicht, wie fein Pferde auf menschliche Zustände eingestellt sind – auch jenseits von Stimme oder Körpersprache.

Für den Umgang mit Pferden bedeutet das vor allem eines: mehr Bewusstsein für die eigene innere Verfassung. Wer mit einem Tier kommunizieren will, das so sensibel auf Stimmungen reagiert, benötigt auch ein gewisses Maß an Selbstreflexion. Empathie für das Pferd beginnt damit, sich der eigenen Ausstrahlung bewusst zu sein – denn sie kommt an, ganz gleich ob ausgesprochen oder nicht.

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Bisher nur eine Pferderasse untersucht

Die Untersuchung beschränkt sich auf eine Pferderasse und ein Geschlecht, sodass Aussagen über andere Gruppen nicht möglich sind. Auch die geringe Zahl an menschlichen Geruchsspendern und individuelle Unterschiede könnten das Ergebnis beeinflusst haben.

Positive Gerüche zeigten keine eindeutige Wirkung, und die Cortisolwerte blieben unauffällig – möglicherweise wegen der kurzen Testdauer oder natürlicher Schwankungen.

Geruch als stille Botschaft

Die Studie macht deutlich, dass Pferde emotionale Körpergerüche von Menschen wahrnehmen – besonders dann, wenn diese mit Angst verbunden sind. Sie reagieren darauf mit erkennbarer Unsicherheit und Stress. Das ist nicht nur für die Forschung zur Mensch-Tier-Kommunikation relevant, sondern auch für die Praxis im Alltag mit Pferden.

Ob beim Reitunterricht, im Therapieeinsatz oder im Stall: Die emotionale Verfassung des Menschen kann das Verhalten des Pferdes spürbar beeinflussen. Wer mit Pferden arbeitet, sollte sich bewusst machen, dass innere Unruhe sich über den Körpergeruch übertragen kann – ganz ohne Worte, aber mit Wirkung.

Quellen

  1. Jardat P, Destrez A, Damon F, Tanguy-Guillo N, Lainé A-L, Parias C, et al. (2026). Human emotional odours influence horses’ behaviour and physiology. PLOS ONE, 21(1): e0337948. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0337948 ↩︎

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