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Studie zeigt

Hunde können Emotionen über Stimme wahrnehmen – und reagieren entsprechend

Frau übt mit ihrem Hund Sitz in einer Fußgängerzone
Hunde können unsere Emotionen an der Stimme erkennen. Laut einer Studie reagieren sie darauf sogar körperlich. Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

30. Januar 2026, 17:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Wie reagiert ein Hund instinktiv, wenn er eine zornige oder fröhliche Stimme hört? Eine Studie zeigt, dass es messbare körperliche Veränderungen gibt – sogar im Gleichgewicht. Besonders eine Emotion sorgt für mehr Wankelmut im Stand. Was das über die emotionale Wahrnehmung unserer Vierbeiner verrät und was Hundehalter daraus lernen können, beleuchtet diese Untersuchung.

Hunde reagieren körperlich auf unsere Stimmen

Die Fähigkeit, das Gleichgewicht zu halten, ist eine komplexe, aktive Körperfunktion. Dabei wirken Sinnesinformationen aus dem Gleichgewichtsorgan, der Tiefensensibilität und dem Sehen zusammen. In den vergangenen Jahren zeigte sich auch in der Humanmedizin, dass akustische Reize, insbesondere emotionale, das Gleichgewicht beeinflussen können.

In der Wissenschaft spricht man von „Approach-Withdrawal“-Reaktionen: Angenehme Reize können zu Annäherung, unangenehme zu Rückzug führen. Bei Hunden ist die Wirkung von Geräuschen bislang vor allem im Zusammenhang mit Verhaltensreaktionen – etwa auf Feuerwerk – bereits erforscht. Welche körperlichen Effekte emotionale Sprache auf das Gleichgewicht von Hunden haben könnte, war bisher weitgehend unerforscht.

Ein Forschungsteam der Veterinärmedizinischen Universität Wien (Vetmeduni Vienna) unter der Leitung von Nadja Affenzeller hat deshalb untersucht, wie Hunde auf menschliche Stimmen mit emotionalem Ausdruck reagieren – mit einem Fokus auf biomechanische Effekte. Die Ergebnisse wurden am 28. Januar 2026 in der Fachzeitschrift „Plos One“ veröffentlicht. Die Forscher versuchen, diese Wissenslücke zu füllen, und haben sich gefragt: Verändert sich das Gleichgewicht eines Hundes, wenn er emotionale menschliche Stimmen hört?

Wie die Forscher vorgingen

Untersucht wurden 23 gesunde Hunde im Alter von 1,4 bis 6,3 Jahren und einem Körpergewicht zwischen 13,5 und 30,6 Kilogramm. Die Tiere mussten im Stand auf einer speziellen Druckmessplatte verweilen, während ihnen über Lautsprecher verschiedene menschliche Sprachaufnahmen vorgespielt wurden. Dabei wurden drei akustische Bedingungen getestet: eine fröhlich klingende Stimme, eine ärgerlich klingende Stimme und eine geräuschfreie Kontrollbedingung.

Jede Aufnahme bestand aus dem portugiesischen Ausdruck „venha cá“ („komm her“) in fröhlichem oder ärgerlichem Tonfall. Eingesprochen von jeweils einer männlichen und einer weiblichen Person. Alle Stimuli wurden jeweils dreimal pro Hund abgespielt. Analysiert wurden fünf sogenannte COP-Parameter (Center of Pressure), die Aufschluss über Gleichgewicht und Körperstabilität geben. Die Studie wurde von der Ethikkommission der Vetmeduni Wien genehmigt.

Sie verwendeten dazu eine Standard-Forschungstechnik, bei der die Hunde auf einer druckempfindlichen Plattform standen, die kleine Bewegungen entsprechend fünf mit dem Gleichgewicht verbundenen Parametern erfasste. Die deutlichsten Effekte zeigten sich beim Parameter des Körperschwerpunktschwankens. Die Hunde schwankten deutlich mehr unter der Bedingung „ärgerliche Stimme“ im Vergleich zur geräuschlosen Kontrollbedingung. Bei der „fröhlichen Stimme“ war kein signifikanter Unterschied zur Kontrollbedingung messbar.

4 Parameter zunächst ohne signifikantes Ergebnis

„Allerdings konnten wir keinen der vier anderen Stabilisierungsparameter konsistent mit wütenden oder fröhlichen Stimmen in Verbindung bringen“, so Studien-Erstautorin Nadja Affenzeller in einer Pressemitteilung. Dies änderte sich, sobald man die individuellen Reaktionen der Hunde berücksichtigte. Diese variierten zwischen den Tieren erheblich. Fröhliche Stimmen waren bei 57 Prozent der Hunde mit einer Destabilisierung verbunden und bei 43 Prozent mit einer Stabilisierung – und zwar in allen fünf untersuchten Parametern.

Wütende Stimmen waren hingegen bei 30 Prozent der Hunde mit der stärksten Destabilisierung verbunden. 70 Prozent zeigten keine Veränderungen der Balance. Somit liefert die Untersuchung erste Belege dafür, dass Hunde auf emotionale Inhalte menschlicher Stimmen körperlich reagieren – auch ohne offensichtliche große Verhaltensveränderungen. Die größten Gleichgewichtsstörungen traten bei ärgerlich klingenden Stimmen auf, was für eine hohe emotionale Erregung der Tiere spricht.

Dennoch zeigen die teils gegensätzlichen Reaktionen – insbesondere bei fröhlichen Stimmen – dass emotionale Erregung (Arousal) eine größere Rolle spielt als der Gefühlswert (Valenz) der Stimme. „Im Vergleich zu völliger Stille wurde das Hören einer wütenden menschlichen Stimme mit höheren Werten eines Parameters assoziiert, den wir als Fläche des Druckmittelpunkts bezeichnen“, so Nadja Affenzeller weiter.

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Menschliche Stimmen rufen emotionale Erregung hervor

Hunde könnten also sowohl auf freudige als auch auf ärgerliche Stimuli mit Instabilität oder Stabilisierung reagieren. Je nach individueller Sensibilität, Erfahrung oder Erwartung. Die Studie legt nahe, dass emotionale akustische Reize bei Hunden auch biomechanisch messbare Wirkungen entfalten können, ohne dass sie äußerlich ängstlich oder gestresst wirken.

Die Wissenschaftler schließen daraus, „dass wütende und fröhliche menschliche Stimmen emotionale Erregung hervorrufen, die das Gleichgewicht sowohl stabilisieren als auch destabilisieren können.“

Da es sich um eine relativ kleine Studie handelt (Stichprobengröße 23 Hunde), sind die Ergebnisse vorsichtig zu interpretieren. Zudem wurden Hunde unterschiedlicher Rassen und Altersgruppen sowie mit verschiedenen Ohrformen untersucht. Was entsprechende Unterschiede beim Gleichgewichtsapparat bedeuten könnte.

Fazit

Nun seien weitere Studien erforderlich, beispielsweise um zu untersuchen, ob frühere Erfahrungen mit Menschen die Reaktionen einzelner Hunde beeinflussen. Oder ob die Gleichgewichtsstabilisierung bei fröhlichen Stimmen mit einer vorausschauenden Erwartung einer positiven Interaktion – wie einem Spiel mit dem menschlichen Partner – zusammenhängen könnte. Für die Praxis bedeutet das: Emotionale Inhalte in der Stimme können Hunde auf mehreren Ebenen beeinflussen – auch jenseits von sichtbarem Verhalten.1

Quellen

  1. Affenzeller N, Aghapour M, Lutonsky C, Peham C, Bockstahler B (2026): Effects of happy and angry human voice recordings on postural stability in dogs: An exploratory biomechanical analysis. PLOS ONE 21(1): e0339979. ↩︎

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