Was hinter dem Mythos vom „Vampir-Eichhörnchen“ steckt
Auf der Insel Borneo tummeln sich mehrere Eichhörnchenarten, darunter das Prevost-Hörnchen. Eine Art, das Borneo-Hörnchen, hat dabei einen ganz besonderen Ruf Foto: Getty Images
Eine urbane Legende, die klingt wie aus einem Horrorfilm: Ein Eichhörnchen soll sich auf Hirsche stürzen, ihnen die Halsschlagader aufbeißen und später Herz und Leber fressen. Auf Borneo nennt man das seltene Tier deshalb „Vampir-Eichhörnchen“. Aber was steckt wirklich hinter dem Mythos? Wissenschaftliche Beobachtungen haben sich den vermeintlichen Hirschkiller mal genauer angeschaut.
Die Legende vom „Vampir-Eichhörnchen“
Tief in den Regenwäldern Borneos lebt ein Tier, um das sich eine der wohl blutigsten Legenden der Tierwelt rankt. Das Borneo-Hörnchen (Rheithrosciurus macrotis) soll laut Erzählungen als einheimischer Jäger selbst Hirsche angreifen. Angeblich springt es ihnen auf den Rücken, verletzt sie mit seinen kräftigen Schneidezähnen an der Halsschlagader und wartet, bis sie verbluten.1
Anschließend, so erzählen es sich die Einheimischen, kehrt das Hörnchen zum Kadaver zurück und frisst Herz, Leber und Mageninhalt. Auch Hühner in Dörfern am Rand des Regenwaldes soll es getötet und ausgeweidet haben. Kein Wunder, dass dieses Tier den schaurigen Beinamen „Vampir-Eichhörnchen“ erhielt.
Beweise für die blutigen Angriffe?
So eindrucksvoll die Geschichten von dem kleinen Nager klingen, wissenschaftliche Belege dafür gibt es bislang nicht. Die Berichte beruhen vor allem auf lokalen Überlieferungen und auf entdeckten Tierkadavern, deren Verletzungen vermutlich fälschlicherweise dem Borneo-Hörnchen zugeschrieben wurden.
Im Jahr 2015 gelang es Forschern erstmals, das seltene Tier in freier Wildbahn zu filmen. Die Aufnahmen aus dem Gunung-Palung-Nationalpark im indonesischen Teil Borneos zeigten jedoch keinen Angriff auf einen Hirsch. Stattdessen bewegte sich das Hörnchen am Waldboden und suchte offenbar nach Nahrung. Generell ist über die Lebensweise dieser Wildtiere erstaunlich wenig bekannt und auch Fotos sind im Vergleich zu anderen Hörnchenarten eine Seltenheit. Das Borneo-Hörnchen lebt zurückgezogen im Regenwald und gerät deswegen nur selten vor Kamerafallen.2
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Seine Zähne sind für harte Samen gemacht
Eine wissenschaftliche Untersuchung zur Ernährung des Borneo-Hörnchens lieferte schließlich eine deutlich weniger blutrünstige Erklärung für sein ungewöhnliches Gebiss. Die besonders kräftigen Schneidezähne besitzen tiefe Rillen und eine beinahe sägeartige Kante. Damit knackt das Hörnchen extrem harte Samen, an die kaum ein anderes Tier herankommt. Besonders stark ist es auf die Samen von Canarium decumanum spezialisiert. Von 79 dokumentierten Mahlzeiten bestanden alle aus Samen. Hinweise darauf, dass die Hörnchen Hirsche, Hühner oder andere Wirbeltiere fressen, fanden die Forschenden dagegen nicht.3
Nicht nur die Zähne des Borneo-Hörnchens sind außergewöhnlich. Sein buschiger Schwanz besitzt ein Volumen, das etwa 30 Prozent größer ist als das des übrigen Körpers. Damit könnte das Tier im Verhältnis zur eigenen Größe einen der voluminösesten Schwänze aller Säugetiere besitzen.4
Wozu das auffällige Fell dient, ist ungeklärt. Als Wärmeschutz dürfte es im tropischen Klima Borneos kaum notwendig sein. Denkbar sind Tarnung, Partnerwahl oder eine Ablenkung von Fressfeinden. Greift ein Angreifer nach dem riesigen Schwanz, könnte das eigentliche Tier schwerer zu fassen sein.
Vom Hirschkiller bleibt nur die Legende
Die Vorstellung eines Eichhörnchens, das Hirsche tötet und ihnen die Organe herausfrisst, ist zwar spektakulär, aber nach dem bisherigen Forschungsstand ein Mythos. Es handelt sich bei dem Nagetier tatsächlich eher um einen hoch spezialisierten Samenfresser als um einen blutrünstigen Jäger. Ganz entzaubert ist das geheimnisvolle Tier damit trotzdem nicht. Denn noch immer wissen Forschende nur wenig über sein Verhalten und die Funktion seines riesigen Schwanzes.
Marshall, A. J., Meijaard, E., & Leighton, M. (2020). Extreme ecological specialization in a rainforest mammal, the Bornean tufted ground squirrel, Rheithrosciurus macrotis [Preprint]. bioRxiv. https://doi.org/10.1101/2020.08.03.233999↩︎
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