5. August 2025, 17:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Wenn ich als Kind Gräser und Kräuter für meine Kleintiere sammelte, achtete ich penibel darauf, dass alles Grünfutter trocken war. Mir wurde versichert: Nasses Gras macht Kaninchen und Meerschweinchen Bauchweh. Und wenn doch einmal ein wenig Tau auf den Blättern lag, tupfte ich jeden einzelnen Tropfen sorgfältig mit Küchenpapier ab – aus Sorge um die empfindlichen Mägen meiner Tiere. Eine Regel, die mir früh eingebläut wurde – und die ich viele Jahre lang nie hinterfragt habe. Doch wie viel Wahrheit steckt wirklich hinter diesem verbreiteten Ernährungsmythos?
Wasser im Futter = Problem im Bauch?
Die Vorstellung, dass nasses Frischfutter – sei es Gras, Kräuter oder Gemüse – Kaninchen oder Meerschweinchen schadet, hält sich hartnäckig. Besonders häufig heißt es, die Feuchtigkeit könne zu Blähungen, Durchfall oder gar tödlichen Verdauungsstörungen führen. Doch so pauschal lässt sich diese Aussage nicht halten.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und die Erfahrungen vieler Halter und Züchter sprechen eine andere Sprache: Wenn Tiere an Frischfutter gewöhnt sind, spielt es kaum eine Rolle, ob dieses trocken oder nass ist. Im Gegenteil – Wildkaninchen etwa nehmen bei Regen ohne Zögern feuchte Pflanzen auf.
Auch Meerschweinchen, die artgerecht in Außenhaltung leben, fressen regelmäßig nasses Gras – schlicht, weil es sich in der Natur nicht vermeiden lässt. Und die zusätzliche Feuchtigkeit sorgt sogar dafür, dass die Tiere genug Wasser zu sich nehmen.
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Woher kommt der Mythos dann?
Ganz falsch ist die Warnung vor nassem Frischfutter allerdings nicht – sie ist nur zu allgemein formuliert. Tatsächlich kann nasses Gras für Meerschweinchen und Kaninchen problematisch werden, wenn es falsch gelagert oder zu lange warm liegt. Feuchtigkeit in Kombination mit Wärme und Luftabschluss (etwa in gepressten Haufen) führt dazu, dass das Futter zu gären beginnt. Solch vergorenes Futter ist für Kaninchen wie Meerschweinchen unverträglich – es kann zu Magen-Darm-Problemen führen und im schlimmsten Fall sogar gefährlich werden.
Der eigentliche Grund ist jedoch, dass viele Meerschweinchen und Kaninchen lange vorwiegend mit Heu ernährt wurden, auch wenn frisches Grün eigentlich eher ihrer natürlichen Ernährung entspricht. Wollen Halter ihren Tieren also nach dem Winter etwas Gutes tun und nehmen einen plötzlichen Wechsel von Heu auf frisches, proteinreiches Gras vor, kann dies durchaus zu Verdauungsbeschwerden führen, vor allem bei Meerschweinchen.
Gerade im Frühjahr sind viele gern gepflanzte Gräser sehr reichhaltig. Die Kleintiere sind jedoch auf eine strukturreiche Nahrung mit viel Rohfaser angewiesen. Daher können Gräser mit hohem Eiweißgehalt und wenig Ballaststoffen, wie zum Beispiel gewöhnlicher Rasenschnitt, Blähungen und weichen Kot verursachen, wenn sie zu schnell und in großen Mengen angeboten werden. 1
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Eine Frage der artgerechten Ernährung
Entscheidend ist die Gewöhnung: Tiere, die regelmäßig Frischfutter bekommen, können auch nasses Futter problemlos verdauen. Werden neue Futtersorten hingegen plötzlich und in großen Mengen eingeführt, kann das zu Irritationen führen – unabhängig davon, ob das Futter nass oder trocken ist.
Gerade bei Meerschweinchen ist es sinnvoll, den Speiseplan abwechslungsreich, aber ballaststoffreich zu gestalten. Gräser mit hohem Rohfaseranteil – wie etwa Lieschgras oder Wiesenschwingel – sind besonders geeignet und fördern gleichzeitig den Zahnabrieb.
Fressbare Gräser für Meerschweinchen und Kaninchen – auch nass
Viele Gräser sind in der Regel bedenkenlos fütterbar. Wer sich unsicher ist, kann zur Bestimmung auch verschiedene Apps wie iGräser, Flora Incognita oder PlantNet verwenden. Zu den essbaren Gräsern zählen:
- Acker-Fuchsschwanz (Alopecurus myosuroides)
- Borstenhirse / Fuchshirse (Setaria)
- Deutsches Weidelgras / Englisches Raygras (Lolium perenne, Lolium multiflorum)
- Glatthafer (Arrhenatherum elatius)
- Gemeine Hühnerhirse (Echinochloa crus-galli)
- Kammgras / Wiesen-Kammgras (Cynosurus cristatus)
- Knäuelgras (Dactylis glomerata)
- Quecke (Elymus)
- Rispengras – Gemeine Rispe (Poa trivialis) oder Wiesenrispe (Poa pratensis)
- Ruchgras (Anthoxanthum odoratum)
- Schwingel – Rohrschwingel, Rotschwingel (Festuca arundinacea)
- Straußgras – Weißes, Rotes, Flecht- (Agrostis alba / tenuis / stolonifera)
- Trespe – Taube, Weiche, Flaum- (Bromus sterilis, Bromus hordeaceus)
- Wald-Reitgras (Calamagrostis arundinacea)
- Wiesen-Fuchsschwanz (Alopecurus pratensis)
- Wiesenlieschgras (Phleum pratense)
- Wolliges Honiggras (Holcus lanatus)
- Zittergras – Gewöhnliches Zittergras (Briza media)
Auch Sauergräser wie die Hänge-Segge (Carex pendula) sind essbar, aber weniger beliebt. Feuchtgräser wie Rohrkolben (Typha latifolia) oder Schilfrohr (Phragmites australis) kann man ebenfalls als Futter ausprobieren.
Vorsicht ist jedoch bei Wiesen-Goldhafer (Trisetum flavescens) geboten, denn dieser kann bei häufiger Fütterung zu einer Überversorgung mit Vitamin D führen. Auch Grannen an blühendem Getreide oder Gräsern können gefährlich sein, da sie sich in die Haut bohren und wandern können.
Generell gilt: Junges Gras ist protein- und energiereich, sollte langsam angefüttert werden. Älteres Gras enthält viele Fasern und ist besonders gut für übergewichtige Tiere oder zum Zahnabrieb geeignet. Blühendes Gras ist eher energiearm, weil die Blüten den größten Teil der Nährstoffe enthalten. Nur in Maßen füttern.
Fazit: Nässe ist nicht das Problem – Gärung und falsche Fütterung schon
Der Irrglaube, nasses Gras würde Meerschweinchen und Kaninchen schaden, ist also hausgemacht. Wenn die Tiere vorwiegend Heu zu fressen bekommen – was lange als das Grundnahrungsmittel schlechthin galt –, ist die artgerechte Versorgung mit Grünfutter ungewohnt. Nasses Grünzeug an sich ist für gesunde Kaninchen und Meerschweinchen kein Problem – sofern:
- die Tiere daran gewöhnt sind,
- das Futter frisch bleibt und nicht zu gären beginnt,
- auf eine strukturreiche, ausgewogene Ernährung geachtet wird. 2
Der Mythos vom „bösen nassen Gras“ ist also ein Missverständnis mit einem wahren Kern – wie so viele Mythen in der Kaninchen- und Meerschweinchenhaltung. Und trotzdem denke ich bei jedem Regenschauer noch an das mit Löwenzahn gefüllte Küchentuch aus meiner Kindheit.
