Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Interview Katzenverhalten Alle Themen
Große Verhaltensstudie

Wissenschaftler bitten um Katzenvideos: »Wollen Körpersprache besser verstehen

Katze macht ein Selfie
Im Rahmen eines Citizen-Science-Projektes bittet die Ruhr-Universität Bochum um Katzenvideos, um die Körpersprache der Tiere zu analysieren. Foto: Getty Images
Artikel teilen
Dennis Agyemang
Dennis Agyemang Autor

7. August 2025, 6:11 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Kaum etwas erfreut sich im Internet so großer Beliebtheit wie Katzenvideos. Diese sollen nun der Wissenschaft helfen, Katzen und ihre Körpersprache noch besser zu verstehen. Die Ruhr-Universität Bochum ruft Katzenhalter dazu auf, Videos ihrer Vierbeiner für eine neue Studie einzusenden. PETBOOK sprach mit Patrick Reinhardt, dem Versuchsleiter des Forschungsprojekts, über die Ziele der Studie und was für Katzenvideos überhaupt benötigt werden.

Studie soll helfen, die Körpersprache von Katzen besser zu verstehen

PETBOOK: Worum geht es in Ihrer Studie?
Patrick Reinhardt: „Ganz simpel gesagt: Die Körpersprache von Katzen ist bisher noch nicht umfassend erforscht. Wir wollen hier eine bestehende Forschungslücke schließen. Unsere Gruppe ist ein internationales Team mit Forschenden aus verschiedenen Disziplinen. In Deutschland stammen wir größtenteils aus den Neurowissenschaften. Uns interessiert vor allem das Verhalten und was es uns über das Gehirn verraten kann – zum Beispiel durch sogenannte lateralisierte Verhaltensweisen, etwa welche Pfote bevorzugt wird. Die Kollegen in der Veterinärmedizin – vor allem aus Italien und der Türkei – interessieren sich mehr für Wohlbefindensmarker: Ist die Katze gestresst? Geht es ihr gut?“

Viele würden erwarten, dass Sie Katzen unter kontrollierten Bedingungen beobachten. Aber Sie verfolgen ja einen anderen Ansatz. Sie haben einen Aufruf gestartet, um Katzenvideos von ihren Haltern zu erhalten. Wie kam es dazu?
„Ja, das haben wir intensiv diskutiert. Kollegen in Italien, die mit Hunden arbeiten, laden z. B. Tierbesitzer mit ihren Hunden in die Universität ein, um dort Tests durchzuführen. Für Katzen funktioniert das aber meist nicht gut – sie lassen sich ungern aus ihrer gewohnten Umgebung reißen und machen dann auch keine Aufgaben mit. Deshalb haben wir uns entschieden, die Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten, um realistischere Daten zu erhalten.“

Auch interessant: 5 Gründe, warum Katzen beim Streicheln plötzlich beißen

Schon über 7000 Katzen registriert

Was genau sollen die Teilnehmenden filmen und worauf kommt es an?
„Wer sich online registriert, erhält eine Anleitung. Wir interessieren uns für drei Hauptverhaltensweisen:

  1. Schwanzhaltung beim Herankommen: Die Katze wird gerufen, und es wird gefilmt, wie sie auf den Menschen zuläuft. Dabei wollen wir sehen, wie sie den Schwanz hält, als Ausdruck von Begrüßungsverhalten.
  2. Schlafposition: Wir haben dazu schon Vorarbeiten publiziert. Wir wollen wissen, ob die Katze bevorzugt auf der linken oder rechten Seite schläft – und ob das konstant ist.
  3. Pfotenpräferenz: Das ist der aufwendigste Teil. Die Katze soll mit einer Pfote ein Leckerli holen. Wir analysieren, ob sie eine Pfotenpräferenz hat und ob diese stabil ist.“

Wie viele Einsendungen haben Sie denn schon erhalten?
„Wir sind überwältigt! Bis gestern hatten sich über 7000 Katzen registriert, und wir haben schon mehr als 2100 Videoeinsendungen erhalten. Wegen des großen Interesses werden wir die Studie über die nächsten Monate weiterlaufen lassen. Selbst wenn später weniger neue Einsendungen kommen, freuen wir uns über jede weitere Teilnahme.“

Petiepaw Katzenspielzeug

Wiederaufladbares Automatisches Katzen Laser Spielzeug

Mehr zum Thema

KI kommt bei der Auswertung der Studie nicht zum Einsatz

Wie werten Sie die Daten letztlich aus?
„Wir beginnen mit einem kurzen demografischen Fragebogen zur Katze: Ist sie männlich oder weiblich? Wird sie als ängstlich oder zutraulich beschrieben? Zusätzlich erheben wir Daten über das Bindungsverhalten zwischen Katze und Mensch über einen wissenschaftlichen Fragebogen. Die eingesendeten Videos werden anschließend von geschultem Personal manuell gesichtet und ‚gescored‘ – das heißt, wir analysieren das beobachtete Verhalten systematisch und überführen es in auswertbare Daten. Am Ende heißt das: Wir sitzen sehr viel vor dem Bildschirm und schauen Katzenvideos – allerdings mit wissenschaftlichem Blick.“

Wird KI bei der Auswertung eingesetzt?
„Der Einsatz von KI ist aktuell nicht geplant. Es gibt da einige Herausforderungen, insbesondere durch Datenschutzrichtlinien in Deutschland – alle Videos müssen zunächst gesichert und geprüft werden. Außerdem funktioniert KI besonders gut bei standardisierten Bedingungen, wie in einem Labor mit identischer Kameraeinstellung und -umgebung. Unsere Videos sind jedoch sehr heterogen, da sie aus unterschiedlichen Haushalten kommen. Daher wäre der Einsatz von KI in unserem Fall methodisch fragwürdig. Deshalb setzen wir stattdessen auf manuelle Auswertung – auch wenn das deutlich arbeitsintensiver ist.“

Haben Sie bereits lustige oder überraschende Einsendungen erhalten?
„Tatsächlich ist das für uns das erste große Projekt im Bereich Citizen Science, und wir sind positiv überrascht, wie gut es funktioniert. Wir hatten zunächst Sorge, dass viele Videos unbrauchbar sein könnten – wegen schlechter Qualität oder unklarer Umsetzung der Anleitungen. Aber das Gegenteil ist der Fall: Die meisten Einsendungen sind hervorragend geeignet. Spannend ist auch, dass wir zusätzliches Material bekommen haben – etwa Kommentare wie: ‚Meine Katze kann noch viel mehr, schauen Sie sich das auch an!‘ Viele Teilnehmende sind sehr engagiert.“

„Katzen schlafen tendenziell eher auf der linken Seite“

Haben Sie selbst einen Bezug zu Katzen? Wie kam es zu dieser Forschungsfrage?
„Ja, in unserem Team hat tatsächlich jeder mindestens eine eigene Katze. Die Idee entstand ursprünglich ganz informell – wir haben in der Anfangszeit YouTube-Videos von Katzen analysiert. Daraus sind erste wissenschaftliche Erkenntnisse entstanden, die bereits in einer Fachzeitschrift publiziert wurden und auch medial Beachtung fanden. Diese Ergebnisse waren so vielversprechend, dass wir sie mit gezielteren und strukturierten Daten weiterentwickeln wollten. So ist das aktuelle Projekt entstanden.“

Können Sie schon erste Tendenzen aus den bisherigen Daten verraten?
„Zur aktuellen Studie möchte ich mich noch nicht äußern – wir stehen noch ganz am Anfang der Auswertung. Die Menge an Einsendungen ist enorm, und wir sind derzeit hauptsächlich damit beschäftigt, alles zu sichten und zu organisieren. Was wir allerdings aus früheren Untersuchungen wissen – etwa basierend auf YouTube-Videos – ist:

  • Katzen schlafen tendenziell eher auf der linken Seite. Das könnte evolutionär bedingt sein.
  • Katzen mit einer starken Pfotenpräferenz (also „Links- oder Rechtspfötler“) lösen knifflige Aufgaben oft besser.

Das sind zentrale Hypothesen, auf denen unsere aktuelle Studie aufbaut.“

Bis wann kann man Ihnen noch Videos schicken? Und wann rechnen Sie mit ersten Ergebnissen oder gar einer Veröffentlichung?
„Ein konkretes Enddatum gibt es derzeit noch nicht. Wie bereits gesagt, wollen wir die Studie über die nächsten Monate weiterlaufen lassen – solange das Interesse besteht. Mit den ersten großen Ergebnissen rechnen wir in etwa einem Jahr. Teilnehmer, die bei der Registrierung angegeben haben, dass sie über Ergebnisse informiert werden möchten, erhalten zwischendurch Updates, zum Beispiel zur Anzahl der Einsendungen und zu ersten Tendenzen.“

Sie wollen der Ruhr-Universität mit Videos ihrer Katze helfen? Interessenten können sich hier melden.

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.