10. Dezember 2025, 6:57 Uhr | Lesezeit: 9 Minuten
Wenn das Verhalten der eigenen Katze plötzlich zur Belastung wird, fühlen sich viele Halter hilflos. Genau an diesem Punkt kommt Lucy Hoile ins Spiel. Die britische Katzenverhaltensberaterin hat es sich zur Aufgabe gemacht, Mensch und Katze wieder näher zusammenzubringen – mit viel Empathie, fundiertem Wissen und dem geschulten Blick für jene subtilen Signale, die wir allzu leicht übersehen. Im PETBOOK-Interview verrät sie, warum Katzen nicht „distanziert“, sondern einfach weniger deutlich sind, wieso ein Fauchen kein aggressives Verhalten ist – und weshalb es ein großes Kompliment ist, wenn eine Katze neben uns anstatt auf uns schläft.
Lucy Hoile widmet jedem Missverständnis mit Katzen ein Kapitel
Seit über einem Jahrzehnt arbeitet Lucy Hoile mit Katzen, deren Verhalten ihre Menschen verzweifeln lässt. Sie hört zu, fragt nach – auch nach dem Unbequemen – und hilft dadurch zu verstehen, warum eine Katze so handelt, wie sie handelt. Und sobald dieses „Warum“ klar wird, lassen sich auch Lösungen finden.
Die Expertin hat nicht nur ein spezialisiertes Masterstudium im Verhalten von Haustieren abgeschlossen, sondern ist auch als klinische Verhaltenstherapeutin für Katzen offiziell anerkannt. Zudem gehört sie mehreren wichtigen Fachverbänden an, die strenge Qualitätsstandards in der Tierverhaltensberatung setzen. Dazu zählen unter anderem die Association of Pet Behaviour Counsellors sowie die International Feline Behaviourists.
Trotz all dieser Fachkenntnis bleibt Lucy Hoile nahbar und verständlich – und genau das spiegelt auch ihr Buch wider. Dessen Titel „Das Buch, von dem deine Katze sich wünscht, du würdest es lesen“ ist ein echtes Statement und zugleich der Anlass unseres Gesprächs: eine Einladung, Katzen endlich so zu lesen, wie sie wirklich sind.
„Die Unterschiede in ihrem Verhalten haben mich fasziniert“
PETBOOK: Wie sind Sie zum ersten Mal dazu gekommen, sich für das Verhalten von Katzen zu interessieren? Gab es eine bestimmte Katze oder Erfahrung, die Sie dazu inspiriert hat, Ihre Karriere ihrem Verständnis zu widmen?
Lucy Hoile: „Als Kind habe ich es geliebt, meine Katzen zu beobachten, denn sie waren alle so unterschiedlich. Meine Katze Spooky war eine schlanke Tabbykatze und eine begeisterte Jägerin, während meine andere Katze Lily winzig und reinweiß war und keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Beide waren ganz besondere Katzen, und ich habe mich sehr an sie gebunden gefühlt. Die Unterschiede in ihrem Verhalten haben mich fasziniert, und ich habe alles über Katzen gelernt, was ich konnte – und lerne immer noch dazu! Ich hätte nie gedacht, dass ich eines Tages daraus meinen Beruf machen würde!“
Was finden Sie am lohnendsten daran, Menschen zu helfen, ihre Katzen besser zu verstehen?
„Ich liebe es, zu sehen, wie Menschen auf eine ganz neue Art und Weise mit ihren Katzen in Kontakt treten. Es kann einen großen Unterschied machen, Menschen dabei zu helfen, die Gründe für das lustige (und manchmal nervige!) Verhalten ihrer Katze zu verstehen. Ich beobachte, wie Menschen, die zuvor wütend und frustriert auf ihre Katzen waren, nun Empathie und Verständnis für sie entwickeln, was zu einer viel stärkeren Beziehung führt.“
Lucy Hoile: »Wir müssen lesen, was sie nicht sagen
Sie haben einen wirklich aussagekräftigen Titel für Ihr Buch gewählt. Können Sie wirklich sagen, dass Katzen möchten, dass Sie es lesen?
„Auf jeden Fall! Ich habe das Gefühl, dass Katzen uns normalerweise nicht aktiv etwas mitteilen wollen. Wir müssen uns auf sie einstellen und anhand ihrer subtileren Körpersprache und ihres eigenwilligen Verhaltens lesen, was sie nicht sagen. Wenn wir das tun, wird jede Katze glücklicher sein, und genau das ist das Ziel meines Buches.“
War die kurze, „häppchenartige“ Struktur über Dinge, die Katzen tun, bewusst gewählt, um widerzuspiegeln, wie Katzen in kleinen, subtilen Signalen kommunizieren?
„Ehrlich gesagt nein, es ging mir eher darum, Katzenbesitzern zu helfen, sich auf die für sie gerade relevanten Teile des Buches zu konzentrieren, anstatt es von vorne bis hinten durchlesen zu müssen. Hauskatzen werden oft bis weit in ihre Teenagerjahre hinein alt, und in dieser Zeit kann sich unser Lebensstil stark verändern. Mein Buch soll Sie bei den Veränderungen unterstützen, die wir durchlaufen, aber auch bei den Veränderungen im Lebenszyklus einer Katze.“
Fauchen ein Zeichen von Aggression? Ganz im Gegenteil!
Was waren einige der häufigsten Missverständnisse über das Verhalten von Katzen, die Sie in Ihrem Buch richtigstellen wollten?
„Ich stelle fest, dass viele Menschen glauben, ihre Katze sei aggressiv, wenn sie ihren Besitzern gegenüber faucht. Das ist ein großes Missverständnis, denn eigentlich versucht sie nur, jede Aggression zu vermeiden. Das mag beängstigend aussehen, ist aber eigentlich ein sehr positives Verhalten, wenn man darauf achtet und der Katze etwas Freiraum lässt.“
Wie haben Sie entschieden, welche Verhaltensweisen oder Themen Sie aufnehmen, angesichts der vielen Missverständnisse zwischen Katzen und Menschen?
„Die Inspiration für viele Themen in diesem Buch stammt aus meinen eigenen Erfahrungen. Ich habe meine Katzen Fig und Sparx seit 16 Jahren und sie haben neue Häuser, neue Babys und einen Welpen erlebt, sodass dieser Teil einfach war. Ich habe mit so vielen Katzen und ihren Besitzern gearbeitet, dass ich festgestellt habe, dass immer wieder die gleichen Probleme auftauchen, sodass ich eine Vorstellung davon bekam, was ich aufnehmen sollte. Zum Beispiel machen sich alle Sorgen, wenn sie eine neue Katze zu sich holen, und tun alles, damit es funktioniert.“
Schmusekatze vs. „Pfoten weg“
Welcher Teil des Buches war am schwierigsten zu schreiben – emotional oder intellektuell?
„Der Abschnitt ‚Die richtige Katze finden‘ war für mich der schwierigste. Es gibt so viele unterschiedliche ‚Typen‘ von Katzen – Streuner, Rassekatzen, Tiere aus dem Tierschutz, selbstbewusste, schüchterne, verspielte oder territoriale Katzen. Es ist schwer zu wissen, wonach eine Person sucht und ob sie das richtige Umfeld bieten kann. Außerdem weiß man oft nicht, was eine Katze von ihrem Menschen braucht. Manche Menschen wünschen sich eine Schmusekatze, aber manche Katzen bevorzugen hingegen einen eher ‚hands-off‘-Ansatz.“
Wie lange hat der Recherche- und Schreibprozess gedauert, und wie sah dieser Weg aus?
„Es dauerte ungefähr neun Monate, das Buch zu recherchieren und zu schreiben. Die Recherche- und Vorbereitungsphase war die schwierigste, weil ich meine Gedanken ordnen musste. Aber als es ans Schreiben ging, schien alles einfach aus meinem Kopf auf die Seite zu fließen – diesen Teil habe ich wirklich genossen!“
Viele Menschen glauben immer noch, Katzen seien „distanziert“ oder „nicht trainierbar“. Was antworten Sie darauf aus Ihrer Erfahrung heraus?
„Ich glaube, Katzen haben diesen Ruf, weil sie mit ihrer Körpersprache ziemlich subtil sind. Die Menschen suchen nach deutlichen Zeichen der Zuneigung, wie man sie von einem freundlichen Hund erwarten würde. Aber ein heimliches langsames Blinzeln, das Herankommen mit erhobenem Schwanz und leises Schnurren sind ebenso positive Zeichen, die uns jedoch entgehen, wenn man nicht weiß, worauf man achten muss.“
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Nature vs. Nuture – was ist erlernt, was angeboren?
Wie viel des Katzenverhaltens ist Ihrer Meinung nach instinktiv und wie viel ist erlernt durch den Umgang mit ihrem menschlichen Umfeld?
„Das ist eine ausgezeichnete Frage, denn ich glaube, dass beide Aspekte gleichermaßen eine Rolle spielen. Ein Großteil ihres Verhaltens ist instinktiv, wie beispielsweise ihre Raubtiernatur und ihr Urbedürfnis, sich selbst zu schützen. Und doch sehen wir, wie sie sich an unseren Lebensstil anpassen und ihr Verhalten ändern, damit es funktioniert. Sie beginnen, sich in unsere Routinen einzufügen, und lernen, uns mitzuteilen, was sie brauchen. Sie wissen, dass sie sich an die Hintertür setzen müssen, damit Sie sie irgendwann öffnen. Oder dass sie in der Nähe des Futterregals miauen müssen, damit Sie Mitleid mit ihnen haben und sie füttern. Sie lernen wirklich schnell.“
Beobachten Sie kulturelle Unterschiede – zum Beispiel darin, wie Katzenhalter in verschiedenen Ländern das Verhalten ihrer Katzen interpretieren?
„Ja, auf jeden Fall, und es fasziniert mich. Ich würde gerne mehr über Katzen auf der ganzen Welt erfahren. Ich habe in Indien einen Mann getroffen, der mir erzählte, dass die Menschen in den umliegenden Dörfern Katzen lieben, weil sie ihnen helfen, Nagetiere von ihren Lebensmitteln fernzuhalten. Ich fand es sehr interessant, dass sie für ihren natürlichen Instinkt geschätzt werden, während sie in anderen Teilen der Welt aus dem gleichen Grund ausschließlich im Haus gehalten werden.“
Lucy Hoile: »Jede Katze ist ein Individuum
Wenn jemand aus Ihrem Buch nur eine einzige Erkenntnis mitnehmen könnte – welche sollte es sein?
„Dass jede Katze ein Individuum ist. Wir alle müssen uns Zeit nehmen, um zu lernen, was sie von uns brauchen und welche einzigartigen Nuancen sie haben, um wirklich eine Verbindung zu ihnen aufzubauen.“
Welche alltägliche Verhaltensweise zeigen Katzen, die fast alle Menschen falsch interpretieren?
„In Ihrer Nähe schlafen, aber nicht auf Ihnen. Ich glaube, Menschen fühlen sich von ihren Katzen zurückgewiesen, wenn diese nicht besonders anhänglich sind. Aber neben einem Menschen zu schlafen und dabei vollkommen entspannt zu sein, ist ein so großes Zeichen von Vertrauen und Zufriedenheit, dass es ein riesiges Kompliment ist, das wir oft falsch interpretieren.“
Was ist das Überraschendste, das Sie über Katzen gelernt haben, seit Sie mit ihnen arbeiten?
„Für mich war es zu lernen, dass selbst sehr aggressive Katzen keine ‚bösen‘ Katzen sind. Sie sind durch ihre Erfahrungen geprägt und versuchen, mit einer schwierigen Situation zurechtzukommen. Jede Katze braucht Empathie und Verständnis, um ihr Verhalten zu verbessern – auch die wirklich herausfordernden.“
Gibt es Mythen über die Beziehung zwischen Mensch und Katze, von denen Sie sich wünschen, dass sie endlich verschwinden?
„Dass jede Katze glücklich wäre, mit anderen Katzen zusammenzuleben. Sie sind zwar keine einzelgängerische Spezies mehr, aber sie haben sehr spezifische soziale Bedürfnisse, und manche Katzen sind in Haushalten mit nur einer Katze glücklicher. Ich finde es wirklich schwer zu sehen, dass einige Katzen in großen Katzengruppen sehr unglückliche Leben führen.“

