29. November 2025, 16:54 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wer Katzen nicht mag, hat möglicherweise mehr über sich zu verraten, als es auf den ersten Blick scheint – zumindest wenn es nach einem viralen TikTok-Video geht. Eine Gesundheitsbloggerin schlägt darin eine erstaunliche Verbindung zwischen Katzenhassern und Narzissten vor. Doch was sagt die Psychologie wirklich dazu? PETBOOK hat nachgefragt.
TikTok-These: Katzenhasser könnten Narzissten sein
„Wisst ihr, was eine riesige Red Flag ist? Wenn jemand zu euch sagt: ‚Ich hasse Katzen‘“, sagt TikTokerin und Gesundheitsbloggerin Vreni Frost in einem Video. Der Begriff „Red Flag“ stammt ursprünglich aus dem Englischen und bedeutet wörtlich „rote Fahne“. Im übertragenen Sinn steht er für ein Warnsignal – also ein Verhalten oder eine Aussage, die darauf hindeutet, dass mit einer Person oder Situation etwas nicht stimmt. In zwischenmenschlichen Beziehungen beschreibt eine „Red Flag“ oft ein potenziell problematisches oder toxisches Muster.
Der Einschätzung von Frost nach sei der Hass auf Katzen häufig ein Anzeichen für narzisstische Persönlichkeitszüge. Der Grund: „Weil Katzen Grenzen setzen, weil Katzen sich nicht kontrollieren lassen.“ Das sei genau das, was Menschen mit einem starken Kontrollbedürfnis, also vor allem Narzissten, triggern würde. „Katzen spiegeln, ob du Grenzen respektierst oder ob du Nähe nur zu deinen Bedingungen zulässt“, so Frost.
Psychologin ordnet ein
Am Ende schränkt Frost ihre These jedoch auch selbst ein. Nicht jeder, der keine Katzen möge, sei automatisch ein Narzisst. „Das wäre auch viel zu einfach.“ Aber wenn jemand sagen würde, dass er Katzen „scheiße findet“ oder die Tiere sogar „hasst“, dann solle zumindest eine Alarmglocke schon mal angehen.
PETBOOK hat bei Sandra Jankowski, Diplom-Psychologin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, nachgefragt, was sie von solchen Zuschreibungen hält. „Diese Aussagen sind pauschal. Paradox ist: Häufig verwenden gerade narzisstische Persönlichkeiten pauschale Aussagen, um andere zu manipulieren“, sagt Jankowski.
Generell funktionieren psychologische Zuschreibungen auf Social Media laut der Psychologin sehr gut. „Diese Medien sind darauf ausgerichtet, Emotionen und Affekte zu inszenieren, herzustellen und zirkulieren zu lassen. Soziale Urteile prägen aber unser Selbstbild maßgeblich und beeinflussen unser Handeln, egal ob diese pauschalisiert sind.“
Der Wahrheitsgehalt werde jedoch oft nicht hinterfragt. „Zudem handelt es sich bei dieser Aussage um eine negative Zuschreibung. Wenn wir solche Aussagen lesen, dann sind wir froh, dass wir keine Katzen hassen. Eben, weil wir emotional glauben wollen, dass wir keine Narzissten sind. So funktioniert das Spiel mit unseren Gefühlen auf Social Media.“
Der Post habe also bei demjenigen Angst und Erleichterung ausgelöst, und wenn er diese Aussage „liket“, könne er allen zeigen, dass er kein Narzisst sei, so Jankowski weiter.
Können Haustiervorlieben wirklich etwas über unsere Psyche aussagen?
Seit dem Erscheinen des Videos haben sich viele auch in den Kommentaren zu Wort gemeldet. So fiel häufiger die Aussage, Narzissten seien tatsächlich Katzenhasser und würden daher Hundehaltung bevorzugen, denn diese Tiere ließen sich besser kontrollieren. Zudem erzeugten Menschen mit diesen Tendenzen häufig gezielt Abhängigkeiten. Die starke Bindung von Hund zu Halter und dass sie häufig dem Menschen „nachtrauern“, wenn dieser das Haus verlässt, würden da gut ins Bild passen.
Sandra Jankowski sagte PETBOOK auf die Frage, ob Haustier-Tendenzen wirklich etwas über unsere Persönlichkeitsmuster oder sogar Persönlichkeitsstörungen verraten können: „Eher nein. Man könnte genauso gut behaupten: ‚Narzissten würden nur Katzen lieben, weil diese so anmutig sind‘, was auch nicht stimmt.“
Laut Jankowski müssten großangelegte Studien durchgeführt werden, um wirklich eindeutige Ergebnisse zu erzielen. Das sei kaum machbar. „Ältere Studien dazu von 2010 sollen zwar solche Tendenzen belegen, aber die Frage ist, ob diese Studien auch das messen, was sie messen sollen, oder ob im Design der Studien nicht Verzerrungsfehler enthalten sind.“
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Studie belegt teils sogar das Gegenteil
Tatsächlich hat eine Studie, die 2023 im Fachmagazin „Frontiers in Psychology“ veröffentlicht wurde, das Gegenteil gezeigt. Bestimmte Formen von Narzissmus könnten laut der Studie zwar mit niedriger menschlicher Empathie einhergehen, aber trotzdem mit großer Tierliebe verbunden sein. Zuvor war die Frage, ob Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen trotz geringer Empathie gegenüber Mitmenschen emotionale Nähe zu Tieren aufbauen können, ein kaum erforschtes Feld, heißt es in der Untersuchung.
In der Studie wurden 259 Studierende untersucht, die sowohl einen Hund als auch eine Katze besitzen. Dies wurde über ein Screening sichergestellt, da frühere Forschung zeigt, dass Menschen mit mehreren Haustieren oft höhere Empathiewerte zeigen. Die Teilnehmer beantworteten umfassende psychologische Fragebögen, mit denen drei Facetten von Narzissmus erfasst wurden: Agentic Extraversion (Bewunderungssuche), Antagonismus (Feindseligkeit, Überlegenheit) und Narcissistic Neuroticism (emotionale Verletzlichkeit). Zudem wurden die Tier- und Menschenempathie, die Einstellungen zu Tieren sowie die emotionale Bindung zum Haustier gemessen.
Die Ergebnisse zeigen ein differenziertes Bild:
- Suche nach Bewunderung stand in keinem Zusammenhang mit Empathie für Menschen oder Tiere, noch mit Tierbindung oder Einstellungen zu Tieren.
- Antagonismus war klar negativ mit Empathie für Menschen und Tiere verbunden. Personen mit hohen Werten in dieser Kategorie zeigten zudem eine negativere Einstellung gegenüber Tieren. Sie berichteten häufiger über belastende Auswirkungen des Haustierbesitzes.
- Narzisstischer Neurotizismus war nicht mit menschlicher Empathie verbunden, jedoch positiv mit Tierempathie, positiver Einstellung zu Tieren sowie größerer emotionaler Unterstützung durch das Haustier.
Diese Unterschiede lassen sich mit den Bedürfnissen der jeweiligen Persönlichkeitsausprägung erklären. Während nur antagonistische Narzissten eher feindselig und distanziert auftreten, nutzen insbesondere verletzliche Narzissten ihre Haustiere offenbar zur emotionalen Selbstregulation und als Quelle von Trost und Sicherheit. Die Aussage, dass Katzenhasser Narzissten seien, ist somit nicht nur pauschal, sondern geht auch nicht auf die verschiedenen Ausprägungen der Erkrankung ein. 1
Nicht von „pauschalen Zuschreibungen verunsichern lassen“
Auch Sandra Jankowski, die auch systemische Paar- und Familientherapeutin ist, sieht die Möglichkeit, dass zwischen Menschen und Tieren eine Bindung entstehen kann, welche der Mensch-Mensch-Beziehung ähnele. „Sicher werden dann auch Themen wie Nähe, Grenzen und Kontrolle eine Rolle spielen. Aber selbst wenn ein Mensch eine unsichere Bindung zu anderen Menschen hat, kann er zu seinem Haustier eine sehr sichere Bindung aufbauen“, sagt die Diplom-Psychologin. Auch hier könne man nicht pauschalisieren.
Und Menschen, die sich nun fragen: „Ich liebe Hunde, aber keine Katzen! Bin ich deswegen schon schwierig?“, würde die Psychologin Entwarnung geben. Man könne sich zwar leicht von solch pauschalen Zuschreibungen verunsichern lassen, aber dass man grundsätzlich nicht durch die Bevorzugung eines Haustiers auf die Persönlichkeit eines Menschen schließen könne.