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Studie

Wie gut verstehen Sie Ihre Katze? Jeder 4. fällt durch

Katze wird auf der Fensterbank gestreichelt, obwohl sie dies nicht möchte
Diese Katze würde lieber dösen als gestreichelt werden. Aber würde sie auch mit Abwehrverhalten reagieren? Foto: Getty Images / rai
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

9. April 2026, 10:27 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Viele Katzenhalter glauben, ihre Tiere genau zu verstehen – doch stimmt das wirklich? Eine Studie aus Australien zeigt: Selbst erfahrene Katzenfreunde übersehen oft frühe Warnsignale von Stress oder Unwohlsein, vor allem beim Spielen. Sogar ein Schulungsvideo half nur bedingt – und führte sogar dazu, subtiles negatives Katzenverhalten eher öfter falsch zu interpretieren. Was bedeutet das für unseren Umgang mit Katzen? PETBOOK-Redakteurin und Katzensitterin Louisa Stoeffler stellt die Ergebnisse vor und verrät, ob sie bestanden hätte.

Menschen verstehen Spielsituationen falsch

Ein aufgestelltes Fell, zurückgelegte Ohren und ein drohendes Fauchen: eigentlich unmissverständliche Warnsignale einer gestressten Katze. Doch viele erkennen sie nicht – oder ignorieren sie. Und das, obwohl sich die Beziehung zwischen Mensch und Katze in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert hat. Katzen gelten zunehmend als Familienmitglieder, werden vorwiegend in der Wohnung gehalten und sollen unsere emotionalen Bedürfnisse erfüllen. Doch viele Vorstellungen von Katzenverhalten sind romantisiert oder vermenschlicht – was zu Missverständnissen führt.

Gerade Spielsituationen bergen ein hohes Risiko: Sie erfordern gegenseitiges Verstehen. Missinterpretationen können nicht nur zu Stress bei der Katze führen, sondern auch zu Kratzern oder Bissen beim Menschen. Frühere Studien zeigen, dass solche Verletzungen oft von der eigenen Katze verursacht werden. Auch zeigen sich bei Katzen durch Stress nicht selten gesundheitliche Probleme wie Harnwegserkrankungen oder Verhaltensauffälligkeiten. Gleichzeitig vermeiden viele Halter Spielsituationen aus Angst vor Verletzungen, weil sie nicht einschätzen können, wann das Verhalten der Katze „kippt“. Diese Studie wollte daher klären, wie gut Menschen subtile und eindeutige Verhaltenssignale erkennen – und ob ein kurzer Lernimpuls hilft, Katzenverhalten besser zu verstehen, oder ob es weiterhin falsch gedeutet wird.

So gingen die Forscher vor

Ein Forschungsteam der University of Adelaide wollte herausfinden, wie gut – oder schlecht – Menschen die Körpersprache von Katzen deuten können. Die Ergebnisse, veröffentlicht in „Frontiers in Ethology“, zeichnen ein alarmierendes Bild: Selbst bei klaren Anzeichen von Unwohlsein wie Fauchen oder einer aggressiven Körperhaltung erkannten 23,3 Prozent der Studienteilnehmer die negative Stimmung der Katze nicht. Bei subtileren Warnzeichen – wie angespannter Körperhaltung, leichtem Muskeltonus oder veränderten Schnurrhaaren – sank die Trefferquote sogar auf 48,7 Prozent.

Das Team führte dazu eine randomisierte, kontrollierte Online-Studie mit 368 Erwachsenen durch. Die Teilnehmer wurden zunächst nach Erfahrung, Wissen und Selbstvertrauen im Umgang mit Katzen befragt. Anschließend sahen sie jeweils zehn kurze Videos (je unter 15 Sekunden) von realen Mensch-Katze-Spielinteraktionen. Diese Videos wurden vorher von Experten in „positiv“ oder „negativ“ sowie „subtil“ oder „offensichtlich“ klassifiziert.

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Die Teilnehmer mussten jeweils die Stimmung (Valenz) der Katze beurteilen und angeben, wie sie selbst in der Situation reagieren würden. Danach sah eine Hälfte der Teilnehmer ein kurzes Schulungsvideo über Körpersprache von Katzen beim Spiel, die andere ein neutrales Kontrollvideo über Katzenpflege. Danach wurden erneut Videos gezeigt. Ziel war es, die Wirkung der Schulung auf das Erkennen von Emotionen bei Katzen zu messen. Dabei zeigte sich schnell, wie leicht Menschen Katzenverhalten falsch interpretieren.

Subtile Signale noch nicht einmal in der Hälfte der Fälle erkannt – oder absichtlich ignoriert

Teilnehmer erkannten eindeutige (offen negative) Signale bei Katzen mit einer durchschnittlichen Trefferquote von 76,7 Prozent. Die Rate bei subtilen negativen Signalen (48,7 Prozent) entsprach nahezu dem Zufallsniveau. Positive Signale, ob subtil oder offensichtlich, ließen sich also deutlich besser identifizieren.

Frühere, auch berufliche Erfahrung mit Katzen erhöhte die Erkennungsrate vor allem bei subtilem negativem Verhalten. Das Schulungsvideo hatte insgesamt einen leicht positiven Effekt (+4,0 Prozent bei der Erkennung eindeutig negativer Signale). Paradoxerweise führte es aber auch dazu, dass noch mehr Katzenverhalten falsch benannt wurde. Die Erkennung subtiler negativer Signale verschlechterte sich deutlich.

Zudem zeigte sich: Selbst wenn Teilnehmer ein negatives Verhalten korrekt erkannten, wählten viele dennoch riskante Reaktionen – z. B. das Streicheln oder Spielen mit der Katze, wenn diese bereits deutlich genervtes Verhalten zeigte. Besonders bedenklich: 44,4 Prozent derjenigen, die ein subtil negatives Verhalten richtig erkannten, entschieden sich dennoch für eine Interaktion.

Katzenbisse nicht auf die leichte Schulter nehmen

Fast 20 Prozent gaben sogar an, sie würden auch dann mit dem Tier interagieren, wenn sie eine eindeutig negative Reaktion bemerken. Besonders riskant: 42 Prozent der Befragten sagten, sie würden auch den Bauch einer Katze streicheln, obwohl das Tier bereits subtile Anzeichen von Stress zeigte. Das birgt hohes Verletzungspotenzial – denn viele Katzen reagieren auf Berührungen am Bauch reflexartig mit Kratzen, Beißen oder einem Schlag mit der Pfote.

Katzenbisse gelten nicht nur als schmerzhaft, sondern können auch ernsthafte gesundheitliche Folgen haben. Ein Großteil aller infizierten Tierbisse, die medizinisch versorgt werden müssen, stammt von Katzen. Ihre langen, dünnen Zähne verursachen tiefe Stichwunden, die sich schnell verschließen – ideal für Bakterien, um sich darunter zu vermehren. Viele Katzenbisse entzünden sich, mit teils schweren Komplikationen wie Abszessen, Knochenentzündungen, septischer Arthritis oder im Extremfall sogar dauerhaften Behinderungen oder Todesfällen.

Auch Kratzer von Katzen bergen Risiken: Neben Verletzungen der Hornhaut am Auge können sie die sogenannte Katzenkratzkrankheit (Bartonellose) übertragen, die zu chronisch geschwollenen Lymphknoten führt und mit Depression oder Schizophrenie in Verbindung gebracht wurde. Kommt Speichel hinzu, könnte – gerade bei einer verwilderten Katze – sogar die tödliche Tollwut übertragen werden. Wer Katzenverhalten falsch liest, bringt also nicht nur das Tier, sondern auch sich selbst in Gefahr.

Auch Emotionen wurden falsch eingeschätzt

In der Studie sollten die Teilnehmer auch die Emotionen der Katzen benennen. Bei offensichtlichem negativen Verhalten wählten 40,2 Prozent korrekt „frustriert/genervt“. Klare positive Signale wurden mit „verspielt“ (79,8 Prozent) assoziiert.

Anders sah es wieder bei subtilen Verhaltensweisen aus: Bei leichten Anzeichen von Unbehagen waren die Probanden uneins. Manche wählten „verspielt“ (20,9 Prozent) und andere „frustriert/genervt“ (19,8 Prozent). Auch „entspannt“ und „glücklich“ wurden häufig gewählt – obwohl die Katze bereits erste Stresssignale zeigte. Dies erklärt, warum viele Menschen weiter mit dem Tier interagieren, obwohl es eigentlich Abstand wünscht.

Subtile positive Signale wie Ruhe oder Zufriedenheit wurden häufig mit „gelangweilt“ verwechselt. Die Differenzierung zwischen einem entspannten und einem desinteressierten Tier fiel vielen schwer.

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Lernvideos und eigene Haustiere führten zu Selbstüberschätzung

Das später eingesetzte Schulungsvideo sollte helfen, positives und negatives Verhalten besser zu unterscheiden. Doch das Ergebnis war ernüchternd: Die Schulung erhöhte das Selbstvertrauen der Teilnehmer, obwohl ihre Fähigkeit zur richtigen Interpretation sank. Zwar verbesserten sich die Erkennungsraten für deutliche Signale leicht – um 1,9 Prozentpunkte bei positiven und 1,4 Punkte bei negativen Zuständen.

Doch für subtile negative Hinweise sank die Erkennungsquote drastisch – um 18,8 Prozentpunkte. Dieses Missverhältnis zwischen gefühltem Wissen und tatsächlichem Verständnis erhöhte also das Risiko von Fehlentscheidungen im Umgang mit Katzen. Unauffällige, aber wichtige Änderungen wurden im späteren Versuch dann übersehen oder missinterpretiert.

Die Forscher fragten auch ab, ob die Probanden selbst ein Haustier hielten. Dabei zeigte sich, dass selbst Katzenhaltung das Erkennen negativer Signale nur begrenzt verbesserte. Zwar lag die Erkennungsquote bei Katzenhaltern um elf Prozentpunkte höher, doch bei subtilen Hinweisen half auch die Erfahrung kaum. Deutlich besser schnitten Personen mit beruflichem Hintergrund ab: Tierärzte, -pfleger oder Mitarbeiter in Tierheimen zeigten eine um 8,1 Prozentpunkte bessere Leistung in der Erkennung subtiler negativer Körpersprache – doch auch sie interpretierten Katzenverhalten falsch, wenn es besonders fein oder mehrdeutig war. 1

So schneidet unsere Redakteurin und Katzensitterin ab

Louisa Stoeffler
Redakteurin

Bedenklich, wie viele sich Katzen absichtlich aufdrängen

„Die Videos aus dem Versuch liegen unserer Redaktion vor. Im ersten Durchgang hatte ich keine Probleme, die Verhaltensweisen in den zehn Videos zu unterscheiden – doch beim letzten Test habe ich eine subtile Änderung missinterpretiert und landete ‚nur‘ bei einer Punktzahl von 6 von 7. Das Schulungsvideo der Studie habe ich nicht gesehen, aber eines weiß ich sicher: Ich würde eine Katze, die Abwehrreaktion oder Ambivalenz zeigt, niemals am Bauch streicheln. Dort sind sie besonders empfindlich – und wenn sie das zulassen, ist das die Ausnahme, nicht die Regel.

Ich halte seit über 20 Jahren Katzen und sitte regelmäßig seit rund zehn Jahren – und trotzdem passieren mir noch Fehleinschätzungen. Ich halte es für bedenklich, dass viele Menschen Katzen offenbar so schlecht lesen können – und sich ihnen trotzdem aufdrängen, obwohl sie sehen, dass das Tier genervt ist. Viele Halter sind überzeugt, ihre Tiere genau zu verstehen – doch die Forschung zeigt nun das Gegenteil.

Selbst erfahrene Halter oder Profis übersehen subtile Warnsignale oder können den Moment, in dem das Verhalten kippt, nicht mit absoluter Sicherheit benennen. Das ist nicht nur ein Kommunikationsproblem, sondern auch ein Tierschutzthema. Eine Katze, die sich ständig missverstanden fühlt, gerät in Dauerstress. Und Stress macht krank – körperlich wie seelisch. Wer wirklich eine gute Beziehung zu seiner Katze will, sollte lernen, ihre Körpersprache zu respektieren und die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Ist man sich unsicher, sollte man immer eher Abstand nehmen und dem Tier seinen Freiraum lassen.

Katzen müssen nicht ‚mehr Mensch‘ werden – wir müssen lernen, sie als Katzen zu lesen. Nur dann kann zwischen beiden wirklich Vertrauen entstehen.“

Quellen

  1. Henning JSL, Nielsen T, Hazel S und Atkinson PJ (2025): Do you speak cat? Assessing the impact of a training video on human recognition of cat emotions and behaviours during play interactions. Frontiers in Ethology. doi: 10.3389/fetho.2025.1675587 ↩︎

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