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Studie untersucht Lebensqualität

Ist Ihre Katze glücklich? Warum Halter oft gefährlich danebenliegen

Katze liegt in einem Körbchen und schaut entspannt
Ist eine Katze häufig entspannt und frisst gut, sind viele Halter davon überzeugt, dass sie glücklich ist. Allerdings braucht es laut einer Studie mehr als das. Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

5. März 2026, 15:47 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Ob eine Katze „glücklich“ ist, beurteilen viele Halter aus dem Bauch heraus – sie wirkt aufmerksam, frisst gut, kuschelt gern. Doch reicht dieser Eindruck aus, um ihre Lebensqualität realistisch einzuschätzen? Eine Untersuchung der Veterinärmedizinischen Universität Wien zeigt: Die persönliche Einschätzung erfasst nur einen Teil des tatsächlichen Wohlbefindens. Bestimmte Faktoren wie Alter, Körperkondition oder Umweltgestaltung bleiben dabei häufig unter dem Radar – mit möglichen Folgen für die Lebensqualität und die Gesundheit der Katze.

Positive Selbsteinschätzung zeigt Lücken auf

Die meisten Menschen sind überzeugt, dass ihre Katze ein gutes Leben führt. Sie wirkt aufmerksam, bewegt sich neugierig durch die Wohnung und genießt ihr Futter – all das wird als Zeichen von Zufriedenheit gewertet. Doch diese Einschätzung greift offenbar zu kurz. Darauf weist eine Studie der Veterinärmedizinischen Universität Wien hin, die im Juni 2026 im Fachjournal „Applied Animal Behaviour Science“ veröffentlicht wird und vorab digital verfügbar ist.

Das Forschungsteam um Andrea Sommese hat untersucht, welche Faktoren die Einschätzung der Lebensqualität („Quality of Life“, QoL) von Katzen durch ihre Halter prägen – und wie diese subjektive Bewertung mit einer systematisch aufgebauten, mehrdimensionalen Erfassung des Wohlbefindens zusammenhängt. Der Begriff Lebensqualität wird in der Tiermedizin häufig mit Tierwohl gleichgesetzt, ist jedoch nicht eindeutig definiert.

Moderne Konzepte – etwa das „Fünf-Säulen-Modell“ – betonen neben körperlicher Gesundheit vor allem emotionale Zustände. Lebensqualität umfasst für Katzen also nicht nur, dass sie keine Krankheiten haben, sondern auch positive Erfahrungen machen, soziale Beziehungen führen und die Möglichkeit haben, arttypisches Verhalten auszuleben. Viele Forschungsansätze konzentrierten sich bislang vor allem auf die körperliche Gesundheit. Die Mensch-Katze-Beziehung und andere Faktoren spielten kaum eine Rolle.

Wie bewerten Halter selbst die Lebensqualität ihrer Katze?

Hier setzten Sommese und Kollegen an. Grundlage ihrer Untersuchung war eine umfangreiche Online-Befragung von 421 Katzenhaltern im deutschsprachigen Raum, die verschiedene Aspekte des Katzenwohls erfasste.

Der Fragenkatalog umfasste 81 Aussagen zu Verhalten (z. B. Spielverhalten, Aggression), emotionalen Zuständen (z. B. ängstlich, entspannt), körperlichem Erscheinungsbild (z. B. glänzendes Fell), Gesundheitsstatus, Haltungsbedingungen und Interaktionen mit Menschen und anderen Katzen.

Die Halter bewerteten die Lebensqualität ihrer Katze zusätzlich auf einer Skala von 0 („katastrophal“) bis 100 („exzellent“). Diese einfache Einschätzung wurde für die Studie als „QoL_scale“ bezeichnet.

Im zweiten Schritt beantworteten die Befragten einen detaillierten Fragebogen mit 54 Merkmalen zu Verhalten, Gesundheit und Umfeld. Auf dieser Grundlage entwickelten die Forscher eine strukturierte, weniger subjektive Einschätzung des Tierwohls. Diese umfasste sechs Kategorien: Vitalität, Aufmerksamkeit sowie Appetit und Genussverhalten, negative Emotionen, gesundes Erscheinungsbild, Zuneigung und Aggression gegenüber vertrauten Menschen. Diese umfassendere Kennzahl wurde „QoL_extensive“ genannt.

Systematische Analyse statt Bauchgefühl

Die durchschnittliche Lebensqualitätsbewertung durch die Halter lag bei 89 Punkten auf der Skala von 0 bis 100. Die statistischen Modelle dagegen zeigten deutliche Unterschiede zwischen subjektiver Einschätzung und der strukturierten Analyse. Für die einfache Halterbewertung (QoL_scale) waren vor allem sichtbar wahrnehmbare Faktoren, aber auch bekannte Erkrankungen entscheidend:

  • Sichtbare chronische Erkrankung wirkte sich negativ aus.
  • Aufmerksamkeit, Appetit und Freude wirkten positiv.
  • Negative Emotionen wie Angst oder Niedergeschlagenheit wirkten negativ.
  • Die Möglichkeit, natürliche Verhaltensweisen auszuleben und selbstständig Bereiche zu wechseln, wirkte positiv.

Für die strukturierte Gesamtbewertung (QoL_extensive) ergab sich ein Bild mit weitaus mehr Details:

  • Höheres Alter war der stärkste negative Prädiktor
  • Ideale Körperkondition wirkte positiv.
  • Ruhige, entspannte Mensch-Katze-Interaktionen wirkten positiv.
  • Zugang zu Aktivitätsbereichen und Förderung von Spiel und Beschäftigung wirkten ebenfalls positiv.

Bemerkenswert: Die Korrelation zwischen beiden Gesamtmaßen war schwach (r = 0,295; p < 0,001). Das bedeutet, dass beide Verfahren nur teilweise dieselben Aspekte von Lebensqualität erfassen.

Bewertung muss nicht mit tatsächlichem Zustand übereinstimmen

Die Auswertung zeigte, dass Halter bei ihrer ersten Einschätzung vor allem offensichtliche Signale berücksichtigten. Wirkt eine Katze lebhaft, neugierig oder frisst entspannt, wird ihr schnell eine hohe Lebensqualität zugeschrieben. Tiere, die ängstlich erscheinen, sich zurückziehen oder gesundheitliche Probleme deutlich zeigen, werden hingegen negativer bewertet.

Die strukturierte Analyse offenbarte jedoch ein differenzierteres Bild. Wichtige Einflussfaktoren auf das Wohlbefinden werden im Alltag häufig übersehen. Dazu zählen insbesondere schleichende Veränderungen wie eine allmähliche Gewichtszunahme, nachlassende Beweglichkeit oder ein Rückgang von Spiel- und Erkundungsverhalten. Auch das Alter erwies sich als bedeutsamer Faktor: Ältere Katzen erzielten in der systematischen Bewertung schlechtere Werte, wurden von ihren Besitzern jedoch häufig ähnlich positiv eingeschätzt wie jüngere Tiere.

Solche Entwicklungen fallen weniger auf, möglicherweise weil Halter ihre Tiere täglich sehen und Veränderungen dadurch weniger deutlich wahrnehmen. Obwohl die Körperkondition, also Über- oder Untergewicht, laut wissenschaftlichen Daten gesundheitliche Risiken mit sich bringt. Sie könnte also eine deutliche Einschränkung der Lebensqualität bedeuten.

Umgebung und arttypisches Verhalten entscheidend

In die objektive Bewertung flossen ruhige, entspannte Interaktionen zwischen Mensch und Katze – etwa gemeinsames Sitzen oder sanftes Streicheln – positiv ein. Besonders relevant war zudem, ob die Tiere ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben konnten. Klettern, Kratzen, Erkunden oder die Möglichkeit, ihre Umgebung selbstständig zu kontrollieren, wirkten sich günstig aus. Auch Zugang nach draußen spielte eine Rolle.

Diese Aspekte – also Kontrolle über die eigene Umwelt und das Ausleben artspezifischer Bedürfnisse – wurden in der strukturierten Bewertung stärker gewichtet als in der spontanen Einschätzung der Halter. Laut dem Forschungsteam sind sie jedoch zentral für das tatsächliche Tierwohl.

Ein weiterer Befund betrifft Haushalte mit mehreren Katzen. Positive Interaktionen zwischen Artgenossen, etwa gegenseitiges Putzen oder entspanntes Beieinanderliegen, wirkten sich in der strukturierten Bewertung positiv aus. In der ersten Einschätzung der Halter spiegelte sich dieser Zusammenhang jedoch kaum wider. Möglicherweise werden feine soziale Signale zwischen Katzen weniger bewusst wahrgenommen als der direkte Kontakt zwischen Mensch und Tier.

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Sind unsere Katzen wirklich glücklich?

Insgesamt zeigte sich, dass die ersten Annahmen und die strukturierten Daten teils weit auseinanderlagen. Für die Forschung bedeutet dies: Eine rein subjektive Einschätzung reicht nicht aus, um Katzenwohl vollständig abzubilden. Die Autoren argumentieren daher, dass ein mehrdimensionaler Ansatz notwendig ist, um das komplexe Wohlbefinden von Hauskatzen angemessen zu erfassen.

Sie stellten die Hypothese auf, dass Faktoren wie Alter, Gesundheitszustand, Körperkondition, Freigang, Umweltanreicherung und Mensch-Katze-Interaktionen die Lebensqualität beeinflussen – und dass eine strukturierte Bewertung zu anderen Ergebnissen kommen könnte, die Aussage darüber treffen, ob unsere Katzen wirklich glücklich und gesund sind.

Die Studie ist methodisch gut ausgearbeitet und ermöglicht alltagsnahe Einblicke, birgt jedoch das Risiko subjektiver Verzerrungen, da beide Fragebögen nur von Haltern ausgefüllt wurden. Weder tierärztliche Untersuchungen noch direkte Verhaltensbeobachtungen wurden einbezogen.

Zudem bestand die Stichprobe überwiegend aus Frauen (90,4 Prozent) aus Deutschland und Österreich. Mögliche geschlechtsspezifische Unterschiede in der Wahrnehmung von Tierwohl wurden dabei nicht gesondert analysiert. Zudem arbeiteten 10,2 Prozent der Befragten beruflich mit Katzen, was die Sensibilität für bestimmte Anzeichen beeinflusst haben könnte.

Konkrete Fragen für den Alltag

Wer das Wohlbefinden seines Tieres realistisch einschätzen möchte, sollte neben Appetit und Stimmung auch Gewicht, Bewegungsmöglichkeiten, Spielangebote und die Qualität der gemeinsamen Zeit im Blick behalten. Für Tierärzte und Verhaltensexperten unterstreicht die Studie den Wert mehrdimensionaler Bewertungsinstrumente, um Katzenwohl umfassend zu erfassen und gezielt zu verbessern.

Für den Alltag von Katzenhaltern empfehlen die Forscher einfache Beobachtungsfragen: Ist die Katze heute noch so beweglich wie vor einigen Monaten? Zeigt sie Spiel- und Erkundungsverhalten in ähnlicher Häufigkeit? Hat sich ihr Gewicht verändert? Gibt es ausreichend ruhige, entspannte Momente?

Solche regelmäßigen Reflexionen können helfen, schleichende Veränderungen frühzeitig zu erkennen und das Wohlbefinden langfristig zu sichern. Denn entscheidend ist nicht allein, ob eine Katze zufrieden wirkt – sondern ob sie es tatsächlich ist. 1

Quellen

  1. Sommese, A., Galunder, K., Arhant, C., Lesch, R., Pakozdy, A., Virányi, Z., Windschnurer, I. (2026): Exploring the quality of life in cats: How caretaker perceptions shape simple and systematic assessments. Applied Animal Behaviour Science 299, 106962. https://doi.org/10.1016/j.applanim.2026.106962 ↩︎

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