6. Februar 2026, 11:12 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Sie tauchen immer wieder auf und sorgen für Millionen Klicks: Videos, in denen Katzen beim Fressen hoch in die Luft springen, weil plötzlich eine Gurke hinter ihnen liegt. Was für viele nach harmlosen Spaß aussieht, wirft bei genauerem Hinsehen ernste Fragen auf. Haben Katzen tatsächlich Angst vor Gurken – oder steckt etwas ganz anderes hinter den extremen Reaktionen? PETBOOK hat mit Tierschützern gesprochen.
Katzen und Gurken – die Videos erklärt
Vor einigen Jahren waren die Clips allgegenwärtig, heute flackert der Trend immer wieder auf. Der Ablauf gleicht sich fast immer. Eine Katze frisst ruhig aus ihrem Napf, während sich der Besitzer von hinten nähert. Unbemerkt wird eine Gurke direkt hinter dem Tier platziert. Dreht sich die Katze um, folgt der Schreck: ein Satz nach oben oder zur Seite, oft begleitet von lautem Gelächter hinter der Kamera.
Nachdem die ersten Clips 2015 viral gingen, wurde das Prinzip vielfach kopiert. Statt Gurken kamen auch Bananen, Auberginen und Zucchini zum Einsatz. Teilweise legten Halter das Gemüse sogar neben den Schlafplatz der Tiere, sodass diese direkt nach dem Aufwachen erschraken.
Schreckreaktion statt Gurkenangst
Die auffälligen Reaktionen lassen sich jedoch nicht auf eine spezielle Angst vor Gurken zurückführen. Katzen gelten grundsätzlich als schreckhaft und reagieren sensibel auf plötzliche Reize. Laute Geräusche, unerwartete Bewegungen oder neue Objekte können starke Überreaktionen auslösen.
Der Verhaltensbiologe und Katzenexperte Dennis Turner erklärte gegenüber Spektrum, dass eine Angst vor Gemüse keinen evolutionären Nutzen habe. „Die Katzen in den Videos erschrecken wegen des Überraschungseffekts, da die Gurken immer unbemerkt direkt hinter ihnen abgelegt werden.“
Auch die auf Verhaltensmedizin spezialisierte Tiermedizinerin Dr. Daphne Ketter betonte, dass Katzen an ihrem Fressplatz normalerweise keine Gefahr erwarten. Deshalb seien sie in dieser Situation besonders unaufmerksam gegenüber ihrer Umgebung. Denkbar sei, dass Gurken besonders effektiv wirken, weil sie grob einem Tier ähneln: Größe, Form und ein für Katzen ungewohnter Eigengeruch könnten die Reaktion verstärken.
Gurke erinnert an Schlange? „Weit hergeholt“
Die Vermutung, dass die Gurke einem Reptil oder einer Schlange ähnelt, geistert schon seitdem der Internet-Trend 2015 aufkam, durch die Medien. Verifiziert wurde die Vermutung, die Angst sei ein Überbleibsel aus der Zeit, in der Katzen noch wild lebten, bislang jedoch nicht.
Lea Schmitz, Pressesprecherin des Deutschen Tierschutzbunds, ordnet die Vermutung für PETBOOK mit folgenden Worten ein: „Katzen sind von Natur aus fremden Dingen gegenüber eher skeptisch.“ Die Kombination von Überraschungseffekt und einem der Katze fremden Gegenstand löse in solch einer Situation, ähnlich wie beim Menschen, Erschrecken aus. Die Vorstellung, dass die Gurke mit einer gefährlichen Schlange verwechselt würde, beurteilt Schmitz ebenfalls als etwas weit hergeholt.
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Klare Warnung der Tierschützer
So amüsant die Videos für Außenstehende wirken mögen – aus Sicht des Tierschutzes sind sie problematisch. Fachleute raten dringend davon ab, Katzen absichtlich zu erschrecken. 1
Der Deutsche Tierschutzbund formuliert das deutlich: „Für Katzen ist das Ganze weniger amüsant, als es auf den Betrachter wirken mag. Es gibt zwar einige Tiere, die recht entspannt reagieren, aber gerade in den häufig geklickten Videos reagieren die Tiere teils extremer. Da ist es offensichtlich, dass sie sich bei ihren ersten Reaktionen nicht kontrollieren können, Verletzungen an Wänden oder Möbelstücken sind möglich. Zudem kann es natürlich auch passieren, dass sich die Katze verschluckt, wenn sie ja gerade erst Futter aufgenommen hat.“
Grundsätzlich gelte: „Der Fress- und Schlafplatz stellt für Katzen einen Funktionsbereich dar, in dem sie keinesfalls gestört werden sollten.“ Der plötzliche Schreck löse eine ausgeprägte Fluchtreaktion aus – mit steigendem Blutdruck, schnellerem Herzschlag und erhöhter Muskelaktivität. Darauf folge ein Adrenalinausstoß, der die erste Fluchtreaktion verursache. Anschließend die Ausschüttung von Cortisol, was für eine länger anhaltende Wachsamkeit sorge.
Mögliche Folgen für das Tier
Wird eine Katze wiederholt erschreckt, kann das langfristige Auswirkungen haben. Im schlimmsten Fall verändert sich ihr Fressverhalten: Der Napf wird gemieden oder das Tier stellt das Fressen ganz ein. Was als kurzer Scherz gedacht war, kann so nachhaltigen Stress verursachen.
„Gerade nach dem Fressen braucht ein Tier jedoch – genauso wie ein Mensch – Ruhe, um den Verdauungsvorgang weiter durchzuführen. Katzen sind sehr sensible Tiere. Kann sich das Tier beim Fressen oder sonst wo in seinen Behaglichkeitszonen nicht sicher fühlen, kann dies zu Verhaltensproblemen führen“, so Lea Schmitz.
Die Einschätzung der Expertin ist daher eindeutig: Gurken-Videos mögen Klicks bringen, für Katzen bedeuten sie unnötige Angst – und sollten nicht nachgeahmt werden.