27. November 2025, 16:36 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wenn Böller krachen und der Himmel über Berlin in grelles Licht getaucht wird, beginnt für viele Hunde der blanke Horror. Eine neue Analyse der Hunde-Community-App Dogorama offenbart nun, in welchen deutschen Städten die Gefahr für entlaufene Hunde rund um den Jahreswechsel besonders hoch ist – mit erschreckendem Spitzenreiter.
Berlin führt die Liste der Silvester-Hotspots an
Keine andere Stadt in Deutschland verzeichnet so viele entlaufene Hunde zum Jahreswechsel wie die Hauptstadt. Laut einer Auswertung von Dogorama wurden in den vergangenen vier Jahren allein in Berlin 493 entlaufene Hunde rund um Silvester gemeldet. Das entspricht etwa einem Viertel aller in diesem Zeitraum erfassten Fälle deutschlandweit.
Mit deutlichem Abstand folgen die Städte
- Hamburg mit 211 Fällen,
- Frankfurt am Main (138),
- Leipzig (112) und
- Köln (110).
Auch München, Dortmund, Wiesbaden, Essen und Hannover gehören zu den Top Ten der gefährlichsten Städte für Hunde an Silvester.
Im Schnitt gehen mehr als 150 Hunde jährlich
Die Zahlen beziehen sich auf einen Zeitraum von vier Jahren. Das bedeutet, dass allein in Berlin im Schnitt mehr als 120 Hunde jedes Jahr zu Silvester verloren gehen. Nimmt man die Zahl aller Top-5-Städte zusammen, ergibt sich ein jährlicher Durchschnitt von über 150 Hunden jährlich.
Laut dem Haustierregister Tasso wurden in der Nacht von 2024 zu 2025 bundesweit 428 Hunde entlaufen (PETBOOK berichtete). Auch wenn die Zahlen nicht direkt vergleichbar sind und die Dunkelziffer sicher viel höher ist, ist doch bemerkenswert, dass über 35 Prozent der vermissten Hunde allein in den Top 5 Städte verloren gehen und Berlin hier sogar einen Anteil von nahezu 30 Prozent hat.
Warum gehen in Berlin so viele Hunde zu Silvester verloren?
Warum die Zahl der als vermisst gemeldeten Hunde in Berlin so überproportional hoch ist, kann die Auswertung so nicht beantworten. Die erste Vermutung, die auskommt, ist, dass es in Berlin einfach deutlich mehr Hunde gibt. Im Vergleich zu den Städten Frankfurt, Leipzig und Köln stimmt das auch. Schaut man sich jedoch die Hundezahl in Hamburg an, kommt diese nah an Berlin ran – trotzdem gingen in den letzten vier Jahren nur weniger als die Hälfte der Tiere verloren im Vergleich zu Berlin:
Anzahl der gemeldeten Hunde der Top-5-Städte:
- Berlin: 131.440 Hunde (Stand Ende 2023)1
- Hamburg: 107.387 Hunde (Stand Ende Juni 2024)2
- Frankfurt am Main: rund 22.000 Hunde (Stand 2022)3
- Leipzig: 25.706 Hunde (Stand: 31. Juli 2025)4
- Köln: fast 39.000 Hunde (Stand Ende 2020)5
Ein Grund könnte sein, dass es in Berlin überdurchschnittlich viele User der Dogorama-App gibt und die Zahl deshalb soviel höher liegt. So werden in Berlin auch deutlich mehr Giftköder über die App gemeldet (PETBOOK berichtete). „Genaue Daten liegen hierzu leider nicht vor“, wie Jan Wittmann, Gründer der Dogorama-App, auf Anfrage von PETBOOK mitteilt. „Meine persönliche Einschätzung ist jedoch, dass das nahe gelegene Küstengebiet – etwa Sylt und vergleichbare Regionen – eine Rolle spielt.“ Dort sei an Silvester deutlich weniger Feuerwerk zu erwarten, was eine schnellere ‚Flucht‘ vor der Knallerei ermöglicht. Zudem sei das durchschnittliche Monatsnettoeinkommen in Hamburg höher, was Urlaube in ruhigeren Regionen für viele Halter leichter realisierbar mache.
Viele Vorfälle bleiben ungemeldet
Die Zahlen basieren ausschließlich auf Meldungen über Dogorama und ähnliche Systeme. Nicht registrierte Fälle oder Hunde, die ohne offizielle Meldung verschwinden, sind nicht enthalten. Die tatsächliche Zahl dürfte also deutlich höher liegen.
„Unsere Auswertung zeigt ganz deutlich: Silvester ist für viele Hunde gefährlich. Berlin ist ein besonderer Hotspot – und das, was wir sehen, ist nur ein Bruchteil dessen, was tatsächlich passiert. Die Dunkelziffer ist weit höher“, erklärt Jan Wittmann, Gründer und Geschäftsführer von Dogorama.
Feuerwerk als Stressfaktor – Appell an die Politik
Die Auswirkungen des Silvesterlärms auf Hunde schildert Wittmann eindrücklich: „In unserer Community hören wir immer wieder, wie sehr die Tiere unter der Knallerei leiden. An den Tagen rund um Silvester können viele Hunde kaum noch das Haus verlassen. Für zahlreiche Halter bleibt nur ein regelrechter Spießrutenlauf, um den Hund kurz vor die Tür zu bringen und sofort wieder in die ‚sichere‘ Wohnung zu flüchten. Die Böller sind eine enorme Belastung für Tiere, die die Geräusche nicht einordnen können und aufgrund dessen in Panik den Fluchtreflex aktivieren. Ein eingeschränktes oder stärker reguliertes Böllern würde vielen Hunden enorm helfen.“
Mehrheit der Hundehalter fordert Böllerverbot
Eine aktuelle Umfrage von Dogorama unter 1.200 Teilnehmenden verdeutlicht, wie stark Hundehalter unter dem Jahreswechsel leiden – und welche Maßnahmen sie ergreifen:
- 91 Prozent sprechen sich für ein bundesweites Böllerverbot aus.
- 63 Prozent geben an, dass ihre Hunde mit der Knallerei schlecht oder gar nicht zurechtkommen.
- 15 Prozent planen, der Stadt zu entfliehen und Silvester auf dem Land zu verbringen.
- 11 Prozent greifen zu Hanf- oder CBD-haltigen Beruhigungsmitteln.
Halter berichten von drastischen Auswirkungen
Für viele Hunde beginnt der Ausnahmezustand bereits Tage vor dem Jahreswechsel. Zwei Halter berichten, wie extrem ihre Tiere auf die Geräuschkulisse reagieren.
„Man merkt einfach, wie sehr Silvester Hunde belastet. Unser Rüde verkriecht sich schon Tage vorher und frisst kaum. Die Zahlen von Dogorama überraschen mich nicht – die Nächte sind hier unglaublich laut. Wir planen unseren Jahreswechsel mittlerweile komplett nach dem Wohl des Hundes und versuchen jedes Jahr weg zu fahren, sodass Gaston einigermaßen ‚überleben‘ kann“, berichtet Olga Kramer (43) aus Berlin-Prenzlauer Berg, Besitzerin von Dackel Gaston (7).
Auch Dominik Glaser (25) aus Leipzig-Zentrum schildert dramatische Szenen: „Ich kann mit meiner Hündin Wendy mindestens zwei Tage vor und fünf Tage nach Silvester das Haus überhaupt nicht verlassen. Sie hat reinste Panik, speichelt ununterbrochen, verkriecht sich in Ecken und wirkt völlig apathisch. Deshalb bringe ich sie jedes Jahr von Weihnachten bis Heilige Drei Könige zu meinen Eltern aufs Land. Dort ist es wenigstens etwas ruhiger – hier in der Stadt wäre es für sie schlicht nicht auszuhalten. Das wäre reine Tierquälerei.“
Achtung Giftköder! In diesen Städten leben Hunde besonders gefährlich
In diesen deutschen Städten werden die meisten Giftköder gemeldet
So lassen sich Stress und Fluchtrisiko verringern
Wer einen geräuschempfindlichen Hund hat, sollte frühzeitig mit den Vorbereitungen beginnen. Die wichtigsten Maßnahmen im Überblick:
- Doppelte Sicherung: Hund an Halsband und Geschirr gleichzeitig sichern, um Ausbrechen zu verhindern.
- Reize abschirmen: Fenster und Türen schließen, Rollos herunterlassen. Musik oder Fernseher können eine beruhigende Geräuschkulisse bieten.
- Rückzugsorte schaffen: Einen sicheren, gemütlichen Platz in der Wohnung vorbereiten.
- Hilfsmittel nutzen: Beruhigungswesten oder Gehörschutz – rechtzeitig daran gewöhnen.
- Medikamente: Nur nach tierärztlicher Rücksprache verabreichen.
Unter Hundehaltern kursiert zudem der Geheimtipp, Schutz an größeren Flughäfen zu suchen. In deren Umfeld darf nicht geböllert werden. Doch davon rät Hundetrainer Dennis Panthen eher ab, wie Sie hier nachlesen können: Mit Angsthund Silvester am Flughafen verbringen? Trainer warnt: »Eine Katastrophe!
Mit gezieltem Training langfristig helfen
Wer frühzeitig beginnt, kann mit verhaltenstherapeutischen Maßnahmen die Angst des Hundes langfristig abbauen. Bewährt haben sich unter anderem:
- Gegenkonditionierung
- Entspannungsübungen
- Desensibilisierung
- Verhaltenstherapeutische Begleitung durch Fachpersonal
Besonders in lauten Städten wie Berlin kann dies entscheidend sein, um den Silvesterstress für Hund und Halter zumindest etwas zu lindern.
Noch mehr Tipps, wie Sie Ihren Hund zu Silvester unterstützen, gibt Hundetrainer André Voigt in diesem PETBOOK-Artikel.