4. November 2025, 10:38 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Wie stark Gebrechlichkeit im Alter das Leben verkürzen kann, hängt offenbar davon ab, wie lange der Hormonhaushalt eines Hundes intakt war. Eine Studie an außergewöhnlich langlebigen Rottweilern zeigt: Bei Rüden, die früh kastriert wurden, stieg das Sterberisiko mit zunehmender Gebrechlichkeit stark an. Während bei spät oder gar nicht kastrierten Tieren dieser Zusammenhang komplett verschwand. Das wirft neue Fragen zur optimalen Kastrationspraxis auf.
Lässt sich der altersbedingte Verfall von Hunden aufhalten?
Rottweiler haben normalerweise eine Lebenserwartung von acht bis zehn Jahren. Die Studie nutzt Daten aus der „Exceptional Aging in Rottweilers Study“ (EARS), einem einzigartigen Langzeitprojekt in Nordamerika, das sich mit besonders langlebigen Rottweilern (über 13 Jahre) beschäftigt. Ziel war es, herauszufinden, welche Faktoren entscheidend dafür sein könnten, dass Rottweiler (und andere Hunde) besonders alt werden.
Die Forschung zu Gebrechlichkeit im Alter konzentriert sich meist darauf, wie sich der altersbedingte Verfall verlangsamen lässt. Wesentlich seltener wird untersucht, ob und wie bestimmte biologische Faktoren die Folgen von Gebrechlichkeit abmildern können – also zur sogenannten Frailty Resilience (Gebrechlichkeitsresistenz) beitragen.
Hier setzte das Forscherteam um David J. Waters vom Gerald P. Murphy Cancer Foundation Center for Exceptional Longevity Studies (USA) in Zusammenarbeit mit der Purdue University an. Die bemerkenswerte Studie erschien in der Fachzeitschrift Scientific Reports (2025). Dabei untersuchten die Wissenschaftler, ob es einen Einfluss hat, wie lange einer der langlebigen Rottweiler unkastriert war.
Sind unkastrierte Rüden weniger gebrechlich?
Die Forscher analysierten 87 männliche Rottweiler im Alter von mindestens 13 Jahren. Alle Tiere wurden mit einem validierten, 34 Punkte umfassenden klinischen Gebrechlichkeitsindex (EARS-FI) bewertet. Anschließend wurden sie bis zu ihrem natürlichen Tod weiter beobachtet. Die Hunde unterschieden sich stark in der Dauer ihres „intakten“ HPG-Systems – je nachdem, wann (oder ob) sie kastriert wurden.
Hatten die Hunde lange ein intaktes „hypothalamisch-hypophysär-gonadales (HPG) System“ – also eine funktionstüchtige hormonelle Achse, die unter anderem Testosteron steuert –, wurden die negativen Folgen altersbedingter Gebrechlichkeit bei Rüden beeinflusst.
Ein ähnlicher Zusammenhang zwischen niedrigem Testosteronspiegel und höherer Gebrechlichkeit ist auch bereits beim Menschen bereits erforscht. Dabei wird das hormonelle Gleichgewicht über die HPG-Achse reguliert. Eine frühzeitige Störung – etwa durch Kastration – kann daher möglicherweise langfristige Auswirkungen auf die Gesundheit haben.
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Intakte Rottweiler hatten laut Studie Schutzwirkung
Die Ergebnisse zeigen eindrücklich, dass die Mortalitätsgefahr durch Gebrechlichkeit stark vom hormonellen Lebensverlauf abhängt. In der gesamten Gruppe stieg das Sterberisiko tendenziell mit zunehmendem Gebrechlichkeitsindex.
Am stärksten betroffen waren Hunde mit weniger als 2 Jahren intakter HPG-Achse: Ihr Sterberisiko stieg um 16 Prozent. In einer zweiten Gruppe, die 2 bis 9,8 Jahre lang unkastriert waren, war das Risiko nur leicht erhöht. Und in der Gruppe mit mehr als 9,8 Jahren intakter HPG-Achse bestand gar kein signifikanter Zusammenhang mehr zwischen Gebrechlichkeit und Sterblichkeit.
Diese Schutzwirkung bestand auch, wenn man Faktoren wie Körperkondition, Geburtsjahr oder Kastrationsgrund berücksichtigte. Eine Interaktionsanalyse ergab: Jedes zusätzliche Jahr mit intakter HPG-Achse reduzierte das gebrechlichkeitsassoziierte Sterberisiko um etwa ein Prozent.
Kastration muss tiermedizinisch neu gedacht werden
Die Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass ein länger intaktes HPG-System die gesundheitlichen Folgen altersbedingter Gebrechlichkeit deutlich abschwächen kann – zumindest bei Rüden. Ob auch ein ähnlicher Zusammenhang bei Hündinnen existiert, müssen weitere Studien zeigen.
Während bisher meist der Einfluss von Hormonen auf die Entstehung von Gebrechlichkeit untersucht wurde, beleuchtet diese Arbeit einen neuen Aspekt: die Rolle der Hormonachse für die Widerstandskraft gegen bereits vorhandene Gebrechlichkeit. Die Resultate legen nahe, dass frühe Kastration – also die frühzeitige Unterbrechung der Hormonachse – langfristig die Fähigkeit zur Resilienz im Alter beeinträchtigen könnte.
Die Autoren schlagen vor, die Integrität des HPG-Systems künftig verstärkt als potenziellen biologischen Regulator für Frailty Resilience zu betrachten. Und das möglicherweise auch im Hinblick auf die Altersforschung beim Menschen. Eine lebensverlaufsorientierte Perspektive, wie man sie in dieser Studie nutzte, erscheint dabei besonders vielversprechend.
Einschränkend muss man jedoch betonen, dass die Einschätzung der Körperkondition durch die Besitzer selbst erfolgte und nicht durch Tierärzte. Dies könnte zu Fehleinschätzungen geführt haben. Außerdem bleibt offen, ob bestimmte Zeitfenster für die Schutzwirkung der Hormonachse besonders entscheidend sind – eine Frage, die künftige Studien mit größeren Stichproben klären müssten. 1