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Japanische Forscher entdecken

Hunde verbessern das Sozialverhalten von Jugendlichen – durch Bakterien

Jugendliche mit ihrem Hund
Hunde sind treue Begleiter – und laut Studie auch ein möglicher Schub für soziale Entwicklung. Foto: Getty Images
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Redaktionsleiterin

4. Dezember 2025, 17:06 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Ein Hund ist mehr als nur ein treuer Freund – er könnte auch die psychische Gesundheit stärken. Eine aktuelle Studie aus Japan liefert erstmals Hinweise darauf, dass das Zusammenleben von Hunden mit Jugendlichen das Mikrobiom im Mund beeinflusst – und dadurch soziale Fähigkeiten verbessert. Doch was passiert dabei genau im Körper? Und kann man aus Hundeliebe wirklich bessere Beziehungen entwickeln?

Mikrobiom kann die Hirnfunktion beeinflussen

Die Pubertät ist eine Schlüsselphase für soziale und emotionale Entwicklung, da das Gehirn in dieser Zeit besonders empfänglich für Umwelteinflüsse ist. Hunde gelten als förderlich für das seelische Gleichgewicht – sie spenden Trost, reduzieren Stress und stärken soziale Bindungen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen, etwa: Wie genau beeinflusst Hundehaltung das Wohlbefinden?

Frühere Studien zeigen, dass Hunde nicht nur die Psyche, sondern auch das Mikrobiom ihrer Besitzer verändern können. Denn der enge Kontakt durch Streicheln oder Ablecken ermöglicht eine Übertragung von Mikroben zwischen Hund und Mensch. Zudem ist bekannt, dass das Mikrobiom die Hirnfunktion beeinflusst – insbesondere durch die sogenannte Darm-Hirn-Achse, über die Bakterien unter anderem das soziale Verhalten steuern können. Aber haben Hunde auch einen Einfluss auf das orale Mikrobiom von Jugendlichen? Und wenn ja, wie wirkt sich dies auf deren psychisches und soziales Verhalten aus?

Verbesser Hundebesitz das Sozialverhalten?

Um diese Frage zu beantworten, untersuchten japanische Forscher unter Leitung von Eiji Miyauchi und Takefumi Kikusui der Azabu University, wie sich das Zusammenleben mit Hunden auf das psychische Wohlbefinden Jugendlicher auswirkt. Die neue Studie wurde im Fachmagazin „iScience“ veröffentlicht.

Die Forschenden analysierten nicht nur psychologische Daten von 343 Jugendlichen, sondern transplantierten deren orale Mikrobiota auch in keimfreie Mäuse, um mögliche Effekte auf das Sozialverhalten zu beobachten. Die Ergebnisse zeigen einen Zusammenhang zwischen Hundebesitz, veränderter Mikrobenzusammensetzung und verbessertem Sozialverhalten – sowohl bei Menschen als auch bei Mäusen.1

Speichelproben wurden in Mäuse transplantiert

Untersucht wurden 343 Jugendliche, die zum Zeitpunkt der Datenerhebung 13 bis 14 Jahre alt waren. Davon besaßen 96 Jugendliche einen Hund, während 247 keine Hunde hielten. Ein Jahr später wurde der psychische Zustand der Jugendlichen anhand der sogenannten Child Behavior Checklist (CBCL) erfasst. Dabei handelt es sich um Fragebögen, die der Erfassung von Verhaltensauffälligkeiten, emotionalen Auffälligkeiten, somatischen Beschwerden sowie sozialen Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen im Schulalter aus Sicht der Eltern dienen.2

Um mögliche kausale Zusammenhänge zu klären, wurden von allen Jugendlichen (mit und ohne Hund) Speichelproben analysiert, um das orale Mikrobiom zu bestimmen. Diese transplantierten die Forscher dann in keimfreie Mäuse. Danach wurden die sozialen Verhaltensweisen der Tiere untersucht.

Mikrobiota von Hundebesitzern begünstigen soziales Annäherungsverhalten

Jugendliche mit Hund zeigten signifikant weniger soziale und emotionale Probleme als Gleichaltrige ohne Hund. Insbesondere soziale Probleme, Rückzug, aggressive und delinquente Verhaltensweisen waren deutlich reduziert. Diese Effekte blieben auch nach Anpassung an demografische Faktoren bestehen.

Mikrobiomanalysen ergaben, dass bestimmte Bakteriengattungen – insbesondere Streptococcus – im Speichel von Hundebesitzern häufiger vorkamen. Die Vielfalt der Mikroben blieb insgesamt gleich, jedoch unterschieden sich spezifische Mikroben in ihrer Häufigkeit.

In der Mausstudie zeigten Tiere, die mit Mikrobiota von Hundebesitzern behandelt wurden, ein stärkeres soziales Annäherungsverhalten gegenüber Artgenossen. Auffällig war, dass Streptococcus-Arten (genauer gesagt bestimmte ASVs – amplicon sequence variants) sowohl mit dem Sozialverhalten der Mäuse als auch mit psychologischen Parametern der Jugendlichen korrelierten. Manche dieser Bakterien waren mit positiver Sozialität assoziiert, andere hingegen mit eher negativem Verhalten – was auf funktionelle Unterschiede innerhalb dieser Gattung hindeutet.

Bakterien vom Hund beeinflussen Mikrobiom und Verhalten bei Jugendlichen

Die Ergebnisse weisen auf einen möglichen biologischen Mechanismus hin, wie Hundehaltung in der Jugend das Sozialverhalten verbessern kann: durch Veränderungen des oralen Mikrobioms, das über komplexe Signalwege mit dem Gehirn kommuniziert. Besonders bemerkenswert ist, dass sich einige Mikroben in Mäusen ähnlich auswirkten wie in den jugendlichen Spendern – was auf eine gemeinsame Wirkung über die Mikrobiota hinweist.

„Mehrere Studien haben die psychischen Vorteile des Hundebesitzes berichtet, und wir haben gezeigt, dass das Mikrobiom ein beteiligter Mechanismus sein könnte“, zitiert die britische Tageszeitung „TheGuardian“ Prof. Takefumi Kikusui von der Azabu-Universität in Japan, der die Arbeit leitete. Allerdings bleibe unklar, ob die Unterschiede bei den Mikroben unter Hundebesitzern von den Hunden selbst stammen oder ob der Besitz von Hunden den Stress reduziert hat, was zu den daraus resultierenden Veränderungen der Mikrobiota führt, schränkt Kikusui die Aussagekraft der Ergebnisse ein.

Die Studie liefert erste Belege dafür, dass mikrobielle Veränderungen durch Haustierhaltung nicht nur im Verdauungstrakt, sondern auch im Mund bedeutsam sein könnten. Die Identifikation von bestimmten Streptococcus-Arten als potenziell förderlich für Sozialverhalten ist dabei ein vielversprechender Ansatzpunkt für zukünftige Forschung.

Studie basiert nur auf Jugendlichen aus urbanen Raum in Tokio

Trotz der spannenden Ergebnisse hat die Studie mehrere Einschränkungen. So wurden beim Menschen nur Speichelproben untersucht, während bei Mäusen Stuhlproben analysiert wurden – was die Vergleichbarkeit einschränkt. Auch besitzt die 16S-rRNA-Sequenzierung, die in der Studie genutzt wurde, um unterschiedliche Bakterienstämme zu differenzieren, nur eine begrenzte Aussagekraft. Für genauere Ergebnisse wären sogenannte Metagenomdaten nötig.

Ein weiterer Punkt: Es ist unklar, ob die Unterschiede im Mikrobiom durch den Hund selbst oder durch Folgeeffekte (z. B. Stressreduktion) entstehen. Zudem basiert die Studie auf Jugendlichen aus dem urbanen Raum in Tokio, was die Übertragbarkeit der Ergebnisse einschränken könnte. Nicht zuletzt bleibt offen, ob die beobachteten Effekte langfristig bestehen bleiben – hierzu sind längere Längsschnittstudien erforderlich.

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Sollten alle Jugendlichen einen Hund besitzen?

Hundebesitz während der Jugend scheint mit einem verbesserten Sozialverhalten und einem veränderten oralen Mikrobiom verbunden zu sein. Sollte also jeder Jugendliche mit einem Hund zusammenleben? Studienleiter Kikusi sagt dazu im „The Guardian“: „Auch ohne Hund kann die Pflege eines vielfältigen Mikrobiom potenziell die psychischen Gesundheitswerte verbessern“.

Tatsächlich kann es für manche eine negative Erfahrung sein, einen Hund zu besitzen. „Es ist bekannt, dass Hunde mit vielen Verhaltensproblemen ihren Besitzern Stress ausüben können“, so Kikusui.

Fazit: Ergebnisse zeigen, wie eng psychisches Wohlbefinden und Haustiere zusammenhängen können

Die vorliegende Studie weist erstmals darauf hin, dass bestimmte Bakterien – insbesondere Streptokokken-ASV – eine Rolle in der psychischen Gesundheit spielen könnten. Auch wenn die Kausalität noch nicht abschließend geklärt ist, zeigen die Ergebnisse, wie eng psychisches Wohlbefinden, Haustiere und Mikrobiologie miteinander verflochten sein könnten. Für Haustierhalter und Forschende gleichermaßen ergeben sich daraus neue Perspektiven auf das Zusammenspiel von Tier und Mensch.

Quellen

  1. Miyauchi, Eiji et al. (2025) „Dog ownership during adolescence alters the microbiota and improves mental health“. iScience, 03 Dezember, 113948 ↩︎
  2. testzentrale.de, „Deutsche Schulalter-Formen der Child Behavior Checklist von Thomas M. Achenbach“ (aufgerufen am 04.12.2025) ↩︎

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