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Nicht schwierig, sondern krank

Warum die Schilddrüse das Verhalten Ihres Hundes verändern kann

Ein Hund beißt beim Spazieren in die Leine
Wenn der Hund plötzlich aggressives Verhalten zeigt, kann dahinter die Schilddrüse stecken Foto: Getty Images
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2. Juni 2026, 17:21 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

„Mein Hund ist plötzlich so anders.“ Diesen Satz hört Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth häufig. Hunde, die auf einmal aggressiv reagieren, ängstlich werden oder sich schlechter konzentrieren können, werden schnell als „schwierig“ abgestempelt. Doch was, wenn hinter den Verhaltensänderungen keine Erziehungsfrage steckt, sondern eine Erkrankung? Ein oft unterschätzter Auslöser ist die Schilddrüse – ein kleines Organ mit großem Einfluss auf Körper, Gehirn und Verhalten. 

Die Schilddrüse beim Hund – das unterschätzte Organ 

Die Schilddrüse ist eine kleine, schmetterlingsförmige Drüse am Hals, direkt unterhalb des Kehlkopfes. Sie produziert vor allem die Hormone T3 und T4, die nahezu jeden Stoffwechselprozess im Körper regulieren. Dazu zählen die Herzfrequenz, Körpertemperatur, Energiehaushalt, Gewicht, Fellqualität und das Gehirn.1 

Hypothyreose, also eine Schilddrüsenunterfunktion, ist tatsächlich die häufigste hormonelle Erkrankung bei Hunden. In rund 95 Prozent der Fälle liegt ihr entweder eine lymphozytäre Thyreoiditis (eine Autoimmunerkrankung) oder eine idiopathische Atrophie der Schilddrüse zugrunde. Das Organ produziert schlicht zu wenig von dem, was der Körper braucht. 

Die klassischen Symptome, die die meisten Tierbesitzer kennen, sind Gewichtszunahme, stumpfes Fell, Lethargie, Kälteempfindlichkeit. Was deutlich weniger bekannt ist: In vielen Fällen treten Verhaltensveränderungen bereits auf, bevor die typischen körperlichen Symptome überhaupt sichtbar werden. Der Hund zeigt also längst, dass etwas nicht stimmt. Aber niemand erkennt den wahren Hintergrund.

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Wenn die Neurochemie kippt 

Warum verändert eine Schilddrüsenunterfunktion das Verhalten so fundamental? Die Antwort liegt in der Biochemie. Eine mögliche Erklärung liegt im Serotonin. Dieser wichtige Botenstoff im Gehirn hilft dabei, Emotionen und Impulse zu regulieren. Bei einer Schilddrüsenunterfunktion kann der Serotoninspiegel sinken. Damit kann die Wahrscheinlichkeit steigen, dass Hunde schneller gereizt oder sogar aggressiv reagieren.2

Zu den beobachteten Verhaltensveränderungen zählen plötzliche Aggression, oft gegen den Besitzer oder andere Hunde, Ängstlichkeit, übermäßiges Wimmern, Nervosität in neuen Situationen oder gegenüber Fremden sowie Zwangsverhalten wie Schwanzjagen und Umherlaufen. Auch Trennungsangst kann sich scheinbar aus dem Nichts entwickeln. 

Der genaue Mechanismus, über den eine verminderte Schilddrüsenfunktion das Verhalten beeinflusst, ist noch nicht vollständig geklärt. Bei Hunden mit einer Schilddrüsenunterfunktion laufen zudem verschiedene hormonelle Prozesse aus dem Gleichgewicht. So wird das Stresshormon Cortisol langsamer abgebaut, während die Produktion wichtiger Schilddrüsenhormone vermindert ist.

Dauerhaft erhöhte Cortisolspiegel versetzen den Körper dabei in einen Zustand, der einem permanenten Stressmodus ähnelt. Der Hund steht gewissermaßen unter ständigem, körperlich bedingtem Stress – nicht, weil er „schwierig“ ist, sondern weil er leidet und gar nicht anders kann.

Was die Forschung sagt 

Eine der meistzitierten Untersuchungen zu diesem Thema stammt von Nicholas Dodman und Kollegen der Tufts University, veröffentlicht im Fachjournal Journal of Veterinary Behavior. In dieser klinischen Studie wurde die Wirksamkeit einer Schilddrüsenhormontherapie bei Hunden mit einer Schilddrüsenfunktion im unteren Normalbereich und aggressivem Verhalten untersucht. Das Ergebnis: Hunde, die mit dem synthetisch hergestellten Hormon Levothyroxin behandelt wurden, verhielten sich deutlich weniger aggressiv.

Eine weitere Studie, aus dem Journal of Veterinary Internal Medicine, begleitete Hunde mit Schilddrüsenunterfunktion über mehrere Wochen während ihrer Behandlung mit Levothyroxin. Dabei zeigte sich: Viele Hunde wirkten vor Beginn der Therapie auffallend antriebslos, müde und geistig weniger aufmerksam. Diese Symptome besserten sich oft bereits innerhalb weniger Wochen nach Beginn der Behandlung. Auch Reizbarkeit und aggressive Reaktionen gegenüber Menschen oder anderen Tieren gingen bei vielen Hunden deutlich zurück.

Das Problem mit den „normalen“ Laborwerten 

Hier beginnt der vielleicht wichtigste und gleichzeitig am häufigsten unterschätzte Teil des Themas. Denn viele Hunde mit schilddrüsenbedingten Verhaltensproblemen erhalten Laborbefunde, auf denen alle Werte als „im Normbereich“ markiert sind. Trotzdem kann mit der Schilddrüse bereits etwas nicht stimmen.

Wie ist das möglich? Zum einen haben etwa 20 bis 40 Prozent der Hunde mit einer nachgewiesenen Schilddrüsenunterfunktion dennoch einen unauffälligen TSH-Wert. TSH ist ein Hormon, das der Schilddrüse das Signal gibt, Hormone zu produzieren. Obwohl dieser Wert häufig zur Beurteilung der Schilddrüsenfunktion herangezogen wird, reicht er allein nicht aus, um eine Unterfunktion sicher auszuschließen.

Auch der sogenannte T4-Wert, der die Menge eines wichtigen Schilddrüsenhormons im Blut misst, liefert nicht immer ein eindeutiges Bild. Andere Erkrankungen oder bestimmte Medikamente können den Wert beeinflussen. Zudem unterscheiden sich die natürlichen T4-Werte je nach Alter, Größe und Rasse des Hundes. So haben Windhunde oder Schlittenhunde oft niedrigere Werte als andere Hunde, ohne tatsächlich krank zu sein.

Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Eine Schilddrüsenerkrankung kann bereits beginnen, lange bevor die üblichen Blutwerte auffällig werden. Studien zeigen, dass manche Hunde schon Verhaltensveränderungen wie Reizbarkeit oder Aggression entwickeln, obwohl ihre T4- und TSH-Werte noch im Normalbereich liegen. Der Grund dafür kann eine Autoimmunreaktion sein – also ein Fehler des Immunsystems, bei dem der Körper die eigene Schilddrüse angreift und nach und nach schädigt.

Diese Prozesse lassen sich oft nur durch spezielle Antikörpertests erkennen. Für Besitzer bedeutet das: Auf dem Standard-Blutbild sieht zunächst alles unauffällig aus, während die Erkrankung im Hintergrund möglicherweise bereits begonnen hat. Ein Befund mit dem Vermerk „alles normal“ ist daher nicht immer das letzte Wort, sondern oft nur der Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen.

Die AAHA, die American Animal Hospital Association, empfiehlt daher ausdrücklich rassenspezifische Referenzbereiche bei der Interpretation von Hormonspiegel-Ergebnissen, insbesondere bei Windhunden, Alaskan Sled Dogs, Shar-Peis, Salukis und Deerhounds.

Kurz gesagt: Ein Befund, der sagt „alles im Normbereich“, ist keine Garantie. Er ist ein Ausgangspunkt. 

Was ein vollständiges Schilddrüsenprofil bedeutet 

Wer einen Hund mit unklaren Verhaltensveränderungen hat, sollte auf ein vollständiges Schilddrüsenpanel bestehen – nicht nur auf den T4-Schnelltest, der in vielen Praxen standardmäßig gemacht wird.

Oft lohnt sich ein Blick über die Standardwerte hinaus. Sogenannte Thyreoglobulin-Autoantikörper (TgAA) können zeigen, dass das Immunsystem die Schilddrüse bereits angreift, obwohl die üblichen Schilddrüsenwerte noch im Normalbereich liegen. Ein solcher Befund kann Monate oder sogar Jahre früher auffällig werden als die klassischen Laborwerte. Die Erkrankung läuft also möglicherweise schon im Hintergrund, lange bevor sie auf den ersten Blick erkennbar ist.

Es gibt also ein Zeitfenster, in dem der Hund bereits verhaltensauffällig ist, die klassischen Laborwerte aber noch nicht mitgezogen haben. Dieses Fenster ist genau der Moment, in dem viele Besitzer zu Trainern geschickt werden.

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Was das für den Alltag bedeutet 

Das alles ist kein Plädoyer dafür, jeden Hund mit einem Verhaltensproblem sofort als krank abzustempeln. Training, Bindungsarbeit, Stressreduktion – all das bleibt wichtig. Aber es ist ein Appell dafür, medizinische Ursachen konsequent auszuschließen, bevor man Jahre in Verhaltenstraining investiert, das am eigentlichen Problem vorbeigeht. 

Besonders aufmerksam sollten Besitzer sein, wenn Verhaltensveränderungen plötzlich auftreten. Wenn ein Hund, der jahrelang entspannt war, plötzlich aggressiv reagiert, Konzentration und Lernfähigkeit nachlassen, obwohl sich an der Trainingsroutine nichts verändert hat oder wenn Angstreaktionen ohne erkennbaren äußeren Auslöser zunehmen.

Wird eine Schilddrüsenunterfunktion festgestellt, lässt sie sich in den meisten Fällen gut behandeln. Die Standardtherapie besteht aus einem künstlich hergestellten Schilddrüsenhormon, das dem Hund regelmäßig verabreicht wird. Erste Verbesserungen zeigen sich oft bereits nach wenigen Wochen.

Der schwierige Hund, der keiner war 

Es ist eine der stilleren Tragödien im Zusammenleben mit Tieren: der Hund, der als schwierig gilt, der abgegeben wird, der das Vertrauen seines Menschen verliert, der aber einfach nur krank war.

Die Schilddrüse ist klein, doch ihr Einfluss ist es nicht. Wer einen Hund hat, dessen Verhalten sich verändert hat, der sollte das als Anzeichen sehen, einmal tiefer nachzuforschen und Hilfe beim Tierarzt zu suchen.

Quellen

  1. Tierärztliche Praxis Dr. med. vet. Birgitta Nahrgang, „Schilddrüsenunterfunktion und Kortisolüberproduktion“, (aufgerufen am 02.06.2026) ↩︎
  2. Wergowski, C. (2016) „Hypothyreose und Verhaltensauffälligkeiten beim Hund – Sind sie über- oder unterdiagnostiziert?“. kleintier konkret 19(05), S. 3–10. Georg Thieme Verlag. https://doi.org/10.1055/s-0042-113537 ↩︎

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