2. April 2026, 12:48 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Viele Beißvorfälle mit Hunden passieren nicht draußen, sondern zuhause – oft mit dem eigenen Haustier. Für Halter kommt das Verhalten dann häufig völlig überraschend. Doch beißt ein Hund wirklich „aus dem Nichts“? Und welche Warnsignale werden im Alltag übersehen? PETBOOK sprach mit Hundetrainerin Katharina Marioth darüber, warum es zu solchen Situationen kommt – und wie Halter sie besser erkennen und vermeiden können.
Wir interpretieren Signale falsch
„In den seltensten Fällen beißt ein Hund tatsächlich aus dem Nichts“, sagt Hundetrainerin Katharina Marioth. Aus ihrer Sicht gehe den meisten Vorfällen eine ganze Reihe von Signalen voraus – nur würden diese von Menschen oft nicht erkannt oder missinterpretiert.
Gleichzeitig mahnt sie, mögliche medizinische Ursachen nicht zu unterschätzen. Hormonelle Erkrankungen wie Probleme mit der Schilddrüse, bestimmte Herzkrankheiten oder auch Schmerzen im Bewegungsapparat könnten dazu führen, dass Hunde plötzlich aggressiv reagieren. „Gerade wenn Verhalten sich scheinbar abrupt verändert, sollte das unbedingt tierärztlich abgeklärt werden“, so Marioth.
Oft geht es um Ressourcen
Abseits solcher medizinischer Gründe liegt die Ursache vieler Konflikte jedoch im Alltag selbst. Vor allem im direkten Zusammenleben komme es zu Missverständnissen. „Wir beachten die Bedürfnisse und die Kommunikationsweise unserer Hunde häufig zu wenig“, erklärt die Trainerin.
Besonders häufig entstünden kritische Situationen rund um sogenannte Ressourcen – also etwa Futter, Spielzeug oder auch den Liegeplatz des Hundes. Selbst Bezugspersonen könnten aus Hundesicht eine Ressource darstellen. Kein Zufall also, dass viele Vorfälle im oder am Körbchen passieren.
Typische Warnsignale, bevor der Hund zubeißt
Dabei senden Hunde oft deutliche Warnsignale – nur werden diese nicht immer als solche erkannt. Ein klassisches Beispiel: Der Hund liegt in seinem Körbchen, jemand nähert sich, und das Tier dreht sich auf den Rücken. Was viele als Einladung zum Streicheln verstehen, sei in Wahrheit ein Beschwichtigungssignal, erklärt Marioth.
Bleibt die gewünschte Distanz aus, folgen weitere Zeichen: Der Hund schließt kurz das Maul, schmatzt vielleicht, wendet den Blick ab oder legt die Ohren nach hinten an. Auch das sogenannte „Walauge“, bei dem ein weißes Dreieck im Auge sichtbar wird, kann darauf hinweisen, dass sich der Hund unwohl fühlt.
Besonders wichtig sei es, das Knurren ernst zu nehmen. „Das ist im Grunde das Gelb der Ampel“, sagt Marioth. Früher sei es verbreitet gewesen, Hunden das Knurren abzugewöhnen – ein fataler Fehler. Denn damit falle eine wichtige Warnstufe weg. „Dann kann es passieren, dass der Hund direkt von Grün auf Rot springt“, also ohne Vorwarnung zubeißt.
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Darum beißen Hunde scheinbar „aus dem Nichts“ zu
Trotzdem gibt es Situationen, in denen ein Angriff für Menschen völlig überraschend wirkt. Das liegt laut Marioth oft daran, dass Hunde bereits mehrere Strategien erfolglos durchlaufen haben. Grundsätzlich verfügen sie über verschiedene Möglichkeiten, mit Stress umzugehen: ausweichen, beschwichtigen, erstarren – und erst zuletzt angreifen.
Hat ein Hund jedoch keine Fluchtmöglichkeit, etwa weil er in einer Ecke oder im Körbchen bedrängt wird, und werden seine vorherigen Signale ignoriert, bleibt ihm irgendwann nur noch die letzte Option. „Aus seiner Sicht hat er dann schon alles andere versucht“, so die Trainerin.
Wie verhält man sich nach einem Biss?
Kommt es tatsächlich zu einem Biss oder auch nur zu einem Abschnappen, ist die Situation für den Hund meist bereits geklärt. Denn in der Regel weicht der Mensch automatisch zurück – genau das, was der Hund erreichen wollte. Schimpfen bringe in diesem Moment nichts, betont Marioth. Sinnvoller sei es, die Situation im Nachhinein in Ruhe zu analysieren: Wo befand sich der Hund? Hat er etwas verteidigt? Wurde er bedrängt? Gab es eine Möglichkeit, auszuweichen?
Auf dieser Grundlage sollte möglichst schnell professionelle Unterstützung hinzugezogen werden. „Das ist kein Fall, den man allein lösen sollte“, sagt Marioth. Es gehe nicht nur um Training, sondern auch darum, das Vertrauen zwischen Mensch und Hund wieder aufzubauen. Denn ein solcher Vorfall hinterlasse oft Spuren – viele Halter bewegten sich danach unsicher oder angespannt im eigenen Zuhause.
Die gute Nachricht: In vielen Fällen lässt sich das Verhalten gut bearbeiten. Voraussetzung ist jedoch, die Ursachen zu verstehen – und die oft leisen Signale der Hunde künftig frühzeitig wahrzunehmen.
Das gesamte Interview mit Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.