12. Juli 2025, 6:40 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Die Voraussetzung, seinen Hund ganz ohne Leine laufen zu lassen, ist ein verlässlicher Rückruf. Doch damit tun sich viele Hundehalter schwer. Oft wird dem Hund hinterhergerufen, der ignoriert dies und am Ende rennt der Mensch hinter seinem Vierbeiner her, um diesen einzufangen. Wie Sie es schaffen, dass Ihr Hund gerne und immer zu Ihnen zurückkommt, verrät Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth.
Ein verlässlicher Rückruf beim Hund ist die Königsdisziplin im Training. Vor allem, wenn der Frühling beginnt, steigt auch die Herausforderungen für Hundehalter, ihren Vierbeiner sicher abzurufen. Denn die Brut- und Setzzeit bringt viele neue Reize für unsere Hunde mit sich: Wildtiere ziehen ihre Jungen auf, Vögel nisten in niedrigen Büschen, und es gibt eine Fülle neuer Gerüche, die für unsere Vierbeiner äußerst spannend sind. In dieser sensiblen Zeit ist es besonders wichtig, den Hund sicher abrufen zu können, um Wildtiere zu schützen und den Hund selbst nicht in gefährliche Situationen geraten zu lassen. Ein konsequentes Rückruftraining ist daher essenziell. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, wie Sie den Rückruf mit Schleppleine, Orientierungstraining und gezielten Übungen zuverlässig aufbauen – und was die meisten beim Rückruf mit ihrem Hund falsch machen.
Klare Kommunikation und positive Verstärkung
Ein sicherer Rückruf beginnt mit einer stabilen Basis. Hunde müssen lernen, dass das Zurückkommen zu ihrem Menschen immer lohnenswert ist. Dafür braucht es eine klare Kommunikation und positive Verstärkung. Viele Hundehalter machen den Fehler, den Hund nur dann zu rufen, wenn Gefahr droht oder wenn der Spaziergang endet. Dies führt dazu, dass der Hund den Rückruf mit negativen Konsequenzen verknüpft und ihn womöglich ignoriert. Stattdessen sollte der Rückruf regelmäßig und in unterschiedlichen Situationen geübt werden.
Schleppleine verwenden
Die Schleppleine ist ein wertvolles Hilfsmittel, um den Rückruf unter kontrollierten Bedingungen zu trainieren. Sie gibt dem Hund Bewegungsfreiheit, während der Halter weiterhin Einfluss nehmen kann. Die Länge der Schleppleine sollte individuell angepasst werden, meist sind fünf bis zehn Meter eine gute Wahl. Die Leine sollte immer am Geschirr und nicht am Halsband befestigt werden, um Verletzungen zu vermeiden.
Zunächst erfolgt das Training in einer reizarmen Umgebung, damit der Hund nicht von äußeren Einflüssen abgelenkt wird. Der Hund darf sich frei bewegen, und der Halter ruft ihn mit einem klaren Kommando, beispielsweise „Hier“ oder „Zu mir“. Sobald der Hund den ersten Schritt in Richtung Halter macht, wird er sofort gelobt und belohnt. Dabei ist es wichtig, dass die Belohnung hochwertig ist. Besonders schmackhafte Leckerchen, ein Lieblingsspielzeug oder eine kleine Spieleinheit steigern die Motivation.
Falls der Hund nicht sofort reagiert, kann die Schleppleine sanft genutzt werden, um ihn in Bewegung zu setzen. Sobald der Hund den Halter erreicht, wird er freudig empfangen und bekommt seine Belohnung. Dies wird in vielen Wiederholungen gefestigt.
Rückruf unter Ablenkung
Wenn der Hund die ersten Schritte verinnerlicht hat, kann das Training anspruchsvoller gestaltet werden. Nun sollte der Rückruf auch unter Ablenkung geübt werden. Hierbei hilft es, in verschiedenen Umgebungen zu trainieren, beispielsweise im Wald, auf Wiesen oder in Parks. Auch andere Hunde oder spielende Kinder sind mögliche Ablenkungen. Wichtig ist, dass die Ablenkung nicht zu groß ist, damit der Hund weiterhin Erfolgserlebnisse hat. Wird der Rückruf nicht befolgt, darf nicht geschimpft werden. Stattdessen wird das Training eine Stufe zurückgesetzt und an einfacheren Situationen weiter geübt.
Orientierungstraining
Neben der Schleppleine spielt das Orientierungstraining eine große Rolle. Hunde, die sich an ihrem Halter orientieren, bleiben auch in schwierigen Situationen abrufbar. Das Training beginnt damit, dass der Mensch sich für den Hund interessanter macht als die Umgebung. Eine einfache Übung ist es, unerwartet die Richtung zu wechseln, wenn der Hund nicht auf den Halter achtet. Dies schult den Hund darauf, regelmäßig nach seinem Menschen zu sehen.
Eine weitere Möglichkeit ist es, sich kurz zu verstecken, sodass der Hund lernt, dass es seine Aufgabe ist, auf den Halter zu achten. Natürlich sollte dies nur in sicheren Umgebungen geschehen. Mit der Zeit entwickelt der Hund eine stärkere Bindung und bleibt auch ohne Leine aufmerksam.
Der Rückruf muss für den Hund immer etwas Angenehmes sein
Ein weiterer wichtiger Punkt für den sicheren Rückruf ist die positive Verknüpfung. Der Rückruf muss für den Hund immer mit etwas Angenehmem verbunden sein. Wenn der Hund weiß, dass es nach dem Rückruf immer nur nach Hause geht oder die Leine angelegt wird, wird er ihn meiden. Stattdessen sollte der Hund nach jedem erfolgreichen Rückruf zwischendurch wieder laufen dürfen oder eine Belohnung erhalten. Dadurch lernt er, dass es sich für ihn lohnt, zu kommen.
Gerade in der Brut- und Setzzeit ist es zudem sinnvoll, gezielt auf Alternativen zur Jagdverhaltensteuerung zu setzen. Apportierspiele, Fährtenarbeit oder kontrollierte Jagdersatzspiele können dazu beitragen, den Hund auszulasten und den Jagdtrieb in kontrollierte Bahnen zu lenken.
Spezielles Signal für den „Super-Rückruf“
Für Hunde, die besonders jagdmotiviert sind, kann es sinnvoll sein, ein spezielles Signal als „Super-Rückruf“ zu etablieren. Dies kann eine Hundepfeife oder ein besonderes Wort sein, das ausschließlich für den Notfall genutzt wird. Dieses Signal wird zunächst mit einer extrem hohen Belohnung verknüpft, beispielsweise mit einer besonderen Futterportion oder einem intensiven Spiel. Der Hund lernt, dass dieses Signal immer etwas ganz Großartiges bedeutet. Es wird in entspannten Situationen geübt und erst dann in schwierigen Umgebungen eingesetzt.
Ein häufiges Problem ist, dass Hunde den Rückruf verweigern, wenn sie mit etwas Spannendem beschäftigt sind. Hier hilft es, ein Konkurrenzverhalten zu nutzen. Ein Trick ist, selbst mit einem interessanten Gegenstand zu spielen oder so zu tun, als hätte man etwas besonders Spannendes entdeckt. Hunde sind neugierig und kommen oft von selbst. Alternativ kann ein zweites Rückrufsignal genutzt werden, das mit einer Bewegung kombiniert wird, beispielsweise ein Weglaufen in entgegengesetzte Richtung.
Dem Hund den Rückruf beibringen
Hund ignoriert Sie? Was das über Ihre Beziehung aussagt
Beziehung und innere Haltung sind nicht zu unterschätzen
Ein oft unterschätzter, aber entscheidender Faktor für einen zuverlässigen Rückruf ist die Beziehungsqualität zwischen Mensch und Hund. Hunde orientieren sich nicht nur an klaren Signalen, sondern auch an der emotionalen Ausstrahlung und inneren Haltung ihres Menschen. Ein Hund, der seinem Halter vertraut, gerne in dessen Nähe ist und sich sicher fühlt, wird deutlich eher und zuverlässiger kommen – selbst in schwierigen Situationen.
Deshalb ist es wichtig, den Rückruf nicht nur als technische Übung zu sehen, sondern als Teil einer vertrauensvollen und stabilen Bindung. Wer seinen Hund im Alltag fair, klar und liebevoll führt, ihm Sicherheit bietet und regelmäßig positive gemeinsame Erlebnisse schafft, baut ein Fundament auf, das sich auch in Konfliktsituationen bewährt.
Auch die Art und Weise, wie der Rückruf gegeben wird, hat großen Einfluss auf die Reaktion des Hundes. Ein aufgeregter oder ärgerlicher Ton kann den Hund verunsichern oder zum Zögern bringen. Stattdessen sollte das Rückrufsignal freundlich, motivierend und souverän gegeben werden – mit einem Lächeln in der Stimme. Wer dabei ruhig bleibt und gleichzeitig Begeisterung ausstrahlt, erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass der Hund gern und schnell reagiert.
Solche emotionalen Feinheiten lassen sich kaum in konkreten Trainingsschritten messen, haben aber in der Praxis oft einen deutlich spürbaren Effekt – vor allem bei sensiblen oder unsicheren Hunden.
Fazit
Das Training für den sicheren Rückruf beim Hund erfordert Geduld und Konsequenz. Es gibt Rückschläge, und nicht jeder Hund wird sofort perfekt reagieren. Wichtig ist es, Trainingseinheiten kurz und positiv zu halten. Wer täglich wenige Minuten investiert, wird langfristig große Fortschritte sehen. Gerade in der Brut- und Setzzeit ist es sinnvoll, den Hund nicht einfach unkontrolliert laufen zu lassen, sondern bewusst an seinem Verhalten zu arbeiten. Die Kombination aus Schleppleinentraining, Orientierungstraining und positiver Verstärkung führt zu einem zuverlässigen Rückruf und sorgt dafür, dass Spaziergänge auch in dieser sensiblen Zeit entspannt und sicher bleiben.
Zur Autorin: Katharina Marioth ist IHK und behördlich zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeite ich eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen.
