18. Mai 2026, 13:17 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Wie seriös sind Hundetrainer und „Akademien“, die auf Social Media präsent sind? Hundetrainer Torsten Bencke aus Hamburg war mehr als vierzehn Jahre lang Ausbilder für Schutzhunde. Heute trainiert er Privathunde – neben zahlreichen Jagdhunden und Führungshunden auch die Terrier-Hündin von PETBOOK-Autorin Nina Ponath. Im Interview erzählt er von Hundetrainern auf Instagram und warum jeder Hund eine individuelle Lernmethode braucht.
„Auf Social Media sieht immer alles einfach aus“
PETBOOK: Torsten, wenn ich Instagram öffne, sehe ich Trainer, die 20 Hunde gleichzeitig führen oder mit einem Keks bewaffnet jeden Aggressionsbolzen bändigen. Du kommst aus der Ausbildung von Diensthunden. Wenn du das siehst – was geht dir da durch den Kopf?
Torsten Bencke: „Ganz ehrlich? Ich bin teilweise völlig fassungslos. Das ist sehr viel Selbstdarstellung. Als Nutzer sollte man auch nicht alles glauben, was man da sieht. Viele Trainer zeigen ihren eigenen Hund, der locker 14 Jahre oder älter ist – natürlich macht der keinen Quatsch mehr. Oder sie arbeiten mit funktionierenden, bestehenden Rudeln. Bei solchen Hunden funktioniert alles, aber so läuft es eben nicht immer.“
Wenn Leckerlis plötzlich die Lösung für alles sein sollen
Hast du ein konkretes Beispiel?
„Ich habe neulich einen Beitrag gesehen: Eine Trainerin wurde vor ihrem Auto von einem Hund angegriffen, weil sie mit ihm ins Auto wollte. Sie hat ihn daraufhin ganz klar begrenzt – ohne Gewalt natürlich, aber sie hat körperlich gezeigt, dass es hier nicht weitergeht. Darunter ist dann eine Diskussion entstanden. Gefühlt hat jeder Hobby-Hundetrainer, ohne überhaupt einen Trainerschein gemacht zu haben, seine Meinung kundgetan – nach dem Motto, man hätte ja auch mal mit einem Leckerli rangehen können. Oder: ‚Dann darf der Hund eben nicht ins Auto!‘
Ich denke mir da nur: ‚Ja, ja, genau.‘ Als wäre das die Lösung – einen Hund zu sich zu nehmen und, weil er dich angreift, einfach nicht mehr Auto zu fahren. Da ist mir zum ersten Mal aufgefallen, wie stark vereinfacht solche Diskussionen sind. Es wird immer alles sehr allgemein gehalten: Leckerli rein, Richtung ändern, wenn der Hund zieht – es wird sehr wenig auf rassespezifische Dinge eingegangen und auf die individuelle Geschichte der Hunde. Ein Hund aus dem Tierschutz, der bis ins Erwachsenenalter kein „richtig“ und „falsch“ kennengelernt hat, hat ganz andere Bedürfnisse.“
Auch interessant: Hundetrainerin verrät: „Diese 5 Aufträge würde ich auf jeden Fall ablehnen“
In einem Jahr Hundetrainer? Die Realität sieht oft anders aus
Wie wird man denn eigentlich Hundetrainer? Wie ist da der Ausbildungsweg und gibt es eine geschützte Berufsbezeichnung?
„Die Bezeichnung ist immer noch nicht geschützt; es gibt aber so etwas wie den klassischen Weg. Dafür wendet man sich an ein zertifiziertes Institut. In Hamburg ist das zum Beispiel „Ziemer und Falke“. Das arbeitet eng mit dem Hamburger Veterinäramt zusammen. Ich glaube, die ILS (Institut für Lernsysteme) bietet mittlerweile auch Ausbildungen im Fernstudium an. Dann gibt es noch Crashkurse – die werden aber so gut wie gar nicht anerkannt. Die gehen nur drei, vier Wochenenden.
Das Amt hat inzwischen erkannt, dass die nicht viel taugen. Deshalb muss man eine Ausbildung nachweisen, die ungefähr ein Jahr dauert, und zusätzlich 60 bis 80 Praxisstunden mit einem verifizierten Hundetrainer machen. Das heißt, man kann zwar eine Ausbildung machen, aber ohne die anschließenden Praxisstunden, die man mit einem Hundetrainer am Hund arbeitet, erhält man noch keinen sogenannten Paragraf-11-Schein. Den braucht man allerdings, um mit Tieren zu arbeiten.“
»Viele wissen nicht, dass sie Praxisstunden absolvieren müssen
Und diesen Schein muss man offiziell haben?
„Ja. Viele Trainer, die auf Social Media aktiv sind, haben ihn allerdings nicht. Manche Trainer in der Ausbildung wissen auch gar nicht, dass sie solche Praxisstunden absolvieren müssen, weil das von den Schulen nicht richtig kommuniziert wird. Da heißt es vorher einfach: ‚In einem Jahr zum Hundetrainer‘. Ich hatte erst neulich so eine Kundin, die einen Trainerschein gemacht hat und dann ganz überrascht war, als sie noch zusätzliche Praxisstunden nachweisen musste. Mitunter ist es auch schwierig einen Trainer zu finden, der bereit ist, dich mitzunehmen und dich an seinen Kunden arbeiten zu lassen.“
Würdest du jemanden mitnehmen, der Hundetrainer werden will?
„Na klar, das habe ich schon gemacht. Eine ehemalige Kundin hatte so eine Begabung – zu der habe ich gesagt: ‚Du musst deinen Job kündigen und Hundetrainerin werden.‘ Die ist im Zuge ihrer Ausbildung fast sechs Wochen am Stück bei mir mitgegangen. Anschließend habe ich ihr ein Zertifikat ausgestellt, in dem stand, dass sie bei mir hospitiert hat, nicht aktiv eingegriffen hat und charakterlich geeignet ist. Im klassischen Privattraining ist das aber eher selten. Dafür ist eine Hundeschule besser geeignet.“
Wie groß schätzt du das Problem mangelnder Qualifikation ein?
„Einerseits will man begrenzen, wie viele Hunde es gibt – gleichzeitig werden es de facto immer mehr. Es gibt immer weniger Hundeauslaufflächen und in Hamburg eine Leinenpflicht, sofern man keine Befreiung durch eine bestandene Prüfung hat. Dafür brauchst du natürlich auch Trainer.“
Woran erkennt man gute Hundetrainer?
Wenn man online nach Hundetrainern sucht, findet man erst mal jede Menge auf YouTube und Instagram. Woran merke ich, ob solche Social-Media-Trainer wirklich kompetent sind?
„Wenn ein Trainer immer nur den Idealfall zeigt – wenn bei seinem Hund alles perfekt funktioniert –, dann wäre ich eher misstrauisch. Maßnahmen nur online anzusehen, greift oft zu kurz, weil man nicht individuell auf den Hund eingehen kann. Natürlich muss man auf Social Media kein ‚Best of negativ‘ zeigen – aber ein bisschen Realität wäre schon sinnvoll.“
Was würdest du Hundehaltern konkret raten, wenn sie einen guten Trainer suchen?
„Wichtig ist, dass der Trainer den Charakter des Hundes und auch die Rasse in den Vordergrund stellt. Einen Australian Shepherd oder Border Collie kannst du nicht so trainieren wie einen Vorstehhund, etwa einen Vizsla oder Weimaraner. Die Rassen machen da einen Unterschied.
Gerade heute, wo viele Hunde aus dem Tierschutz kommen, müssen Trainer flexibel sein. Sie sollten nach Rasse und Herkunft fragen – und vor allem danach, wo du hinwillst. Was soll im Alltag funktionieren?“
Ist Ballwerfen wirklich schlecht für Hunde? Das sagt ein Experte
Diese Hunderassen machen mit Ratten kurzen Prozess
»Es gibt YouTube-Trainer, die mit Schuldgefühlen arbeiten
Was ist deiner Meinung nach besonders wichtig?
„Ganz wichtig: Ein Trainer sollte dir kein schlechtes Gewissen machen. Neulich hatte ich eine Kundin mit einem acht Monate alten Kromfohrländer, die mit ihm beim Agility war. Der Hund war schon total im Teenageralter angekommen und hatte mit ganz anderen Dingen zu tun. Man hätte ihr als Trainer eigentlich sagen müssen: ‚Komm in zwei Jahren wieder – dann ist der Hund aus der Hochphase seiner Pubertät heraus.‘
Es gibt auch diese YouTube-Trainer, die mit Schuldgefühlen arbeiten: ‚Du rufst deinen Hund und er kommt nicht? Er ist nicht der Fehler – du bist es.‘ Dabei kennt das jeder, der Rückruftraining gemacht hat. Das ist kein persönliches Versagen. So ist das Leben – man macht nicht immer alles richtig. Es ist eben nicht alles schwarz-weiß. Wenn man sich ganz unsicher ist, kann man auf das Veterinäramt nach Trainern fragen.“
„Es gibt keine Patentlösung“
Du kommst aus der Schutzhundeausbildung. Das klingt nach einer harten Schule. Warum bist du in den Privatbereich gewechselt?
„Mir war die Schutzhundeausbildung irgendwann zu eintönig. Ich wollte gern auch mit anderen Rassen zu tun haben, als immer nur mit Schutzhund-Rassen.“
Was ist für dich heute der wichtigste Grundsatz im Hundetraining?
„Dass es keine Patentlösung gibt. Jeder Hund ist anders, jede Geschichte ist anders – und genau so sollte man auch trainieren.“