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Nachgefragt

Ist Ballwerfen wirklich schlecht für Hunde? Das sagt ein Experte

Ein Hund rennt mit einem Ball im Maul über eine Wiese
Wenn man als Hundebesitzer seinem Hund einen Ball oder einen Dummy wirft, wird man von anderen Hundehaltern mitunter wie ein Aussätziger behandelt. Darf man Hunden Spielzeug werfen oder nicht? Foto: picture alliance / dpa-tmn | Christin Klose
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25. Juli 2025, 17:08 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Darf man Hunden den Ball werfen? „Nein, eine Todsünde“, sagen die einen. Andere Hundehalter nutzen Ball und Spielzeug, um ihre Hunde auszulasten. Was denn nun? Schadet es Hunden, Spielzeug und Bällen nachzujagen, oder nicht?

„Und wie spielst du mit deinem Hund?“ Die Frage stellte mir neulich eine andere Hundehalterin auf der Hundewiese, als meine Hündin Pippa wild umhertobte und ihrem Terrier-Temperament wieder mal alle Ehre gemacht hatte.

„Das ist total schlecht für den Hund!“

„Naja, ich werfe meistens“, sagte ich und ahnte dabei schon, in was für ein Fettnäpfchen ich mich damit begab. Wer selbst einen Hund hat, weiß, dass hier unter nett gemeinten Ratschlägen der so harmlos aussehenden Menschen in Gummistiefeln und Übergangsjacke doch bei vielen ständig ein unterschwelliger Wettbewerb stattfindet, in dem es darum geht, wer am meisten über Futtermarken oder die richtige Leinenlänge weiß.

Wie erwartet fiel die Antwort aus: „Du solltest das lieber lassen. Das ist total schlecht für den Hund.“ Meine Hündin Pippa sieht das wahrscheinlich anders. Sie steht auf alles, was einmal kurz durch die Luft schwebt und dann möglichst weit weg irgendwo im Gras landet.

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Werfen gilt in vielen Hundekreisen als absolutes No-Go

Wenn sie ein Dummy oder ein Ball holt, rastet sie förmlich vor Freude aus, dreht erst mal stolz eine Runde und bringt das Ding dann zu mir. Seitdem ich regelmäßig mit ihr werfe, habe ich sie im Alltag viel besser unter Kontrolle. Pippa zernagt nicht mehr sämtliche Gegenstände im Haus, was sie früher sehr gerne getan hat. Sie kommt, wenn ich sie rufe, weil sie weiß: Zu mir zu kommen ist spannend, denn tendenziell könnte ich ihr ja wieder etwas werfen.

Eigentlich sollte man meinen, dass man als Hundebesitzer selbst am besten einschätzen kann, welche Dinge, die man mit seinem Hund tut, einen positiven Effekt auf dessen Laune haben. Trotzdem gilt Werfen in vielen Hundekreisen als absolutes No-Go gilt. Da spricht man von sogenannten „Ball-Junkies“ und jeder, der trotzdem wirft, bekommt schnell das Gefühl, man würde so seinen Hund schrittweise verderben. Wieso eigentlich?

Der Unterschied zwischen „Werfen“ und „Bringtreue“

„Die meisten Hundeschulen predigen, dass man im ersten Jahr überhaupt nicht werfen soll“, sagt Hundetrainer Torsten Bencke aus Hamburg. Dies liege vor allem daran, wie Hundehalter in den letzten 50 Jahren das Werfen gehandhabt und übertrieben haben. „Es gibt dieses negativ aufgeladene Wort des „Balljunkies““, weiß Torsten Bencke. Ein bisschen sei da schon etwas dran: „Wenn der Hund nur noch Augen für den Ball hat und die Atmung hochgeht, sobald er den Ball sieht, ist das definitiv nicht gesund“, sagt Torsten Bencke. 

Trotzdem sieht Hundetrainer Bencke das Werfen nicht nur kritisch. Bei ihm gehört das Werfen von Dummys sogar mit zum Training – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen. „Beim Werfen gibt es ganz unterschiedliche Ansätze. Für mich ist es wichtig, dass man beim Werfen Bringtreue trainiert.“ Weniger Fan sei Torsten davon, einen Ball so zu werfen, dass der Hund ihn vor sich hertreibt. Dadurch entstünde ein unkontrollierter Jagdtrieb.

„Der Jagdtrieb steigt ins Unermessliche“

„Wenn ein Ball aufkommt und weiterrollt, sieht das aus wie ein hoppelndes Kaninchen oder ein Eichhörnchen“, sagt Torsten, „dadurch steigt der Jagdtrieb dann ins Unermessliche.“ Deshalb gar nicht zu werfen hält der Hundetrainer dennoch für falsch: „Es gibt nun mal Hunde, die haben einen Jagdtrieb. Warum sollte man diesen also nicht nutzen?“

Am besten, man wirft gar keinen Ball, sondern einen Dummy, der liegen bleibt“, sagt Torsten. Wenn der Hund diesen aufnimmt, apportiert und bringt, könne man langfristig den Dummy auch legen, verstecken und den Hund auffordern, zu suchen. „Da kommt man dann ganz ohne Werfenergie aus und legt das Objekt nur noch.“

Wie merke ich, ob meinem Hund das Werfen guttut oder nicht?

„Das sieht man an der Atmung sehr gut“, sagt Hundetrainer Torsten Bencke. Ist diese sehr flach und ist der Hund komplett auf den Ball fixiert, sei das kein gutes Zeichen. „Der Hund soll beim Werfen nicht in der Fixierung bleiben und die ganze Zeit nur auf den nächsten Wurf warten.“

Wie werfe ich richtig?

Am besten so, dass das „Wurfobjekt“ liegen bleibt. Das geht am besten mit einem Dummy. „In der Jagd übt man, indem man Sachen legt und der Hund bekommt dadurch Lust, Objekte zu bringen“, sagt Torsten Bencke. Man könne den Ball zudem als Bestätigung der Handlung einsetzen. „Das kann dann so aussehen, dass man sagt: „Okay, du bringst mir den Ball und zur Belohnung gibt es danach einen Wurf.“ In dem Fall wird also das Apportieren mit einem Wurf belohnt.

Was werfe ich?

Am besten wirft man keinen Ball, sondern einen Dummy. Diesen kann man langfristig legen, und den Hund auffordern, diesen zu suchen.

Wieso kann Ballwerfen für Hunde gut sein?

„Allein werfen lastet den Hund nicht mental aus“, sagt Torsten Bencke. Wer mit seinem Hund wirft oder Dummys legt, sollte regelmäßig Zwischen- und „Stopp“-Übungen machen. „Eine gute Übung ist zum Beispiel hier ein Objekt zu legen, dem Hund zu zeigen und sich einige Meter zu entfernen.“ Anschließend wird der Hund wieder los geschickt.

Wie verhindere ich, dass mein Hund zum „Balljunkie“ wird?

„Für mich gilt da ganz klar die Regel: „Auch wenn der Hund den Ball sieht, muss er immer noch ganz klar in der Lage sein, etwas anderes zu tun.“

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Bringtreue-Training statt Ballmaschine

Ballwerfen für Hunde muss man also differenzierter betrachten. Was ich mache, ist kein stundenlanges Dauerwerfen auf der Wiese, keine Ballmaschine, kein stumpfes Hetzen. Es macht einen riesigen Unterschied, wie man es tut. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Werfen von Dummys meiner Hündin schadet. Ganz im Gegenteil: Seitdem ich regelmäßig mit ihr gezielt werfe, hat sich ihr Verhalten im Alltag massiv verändert. Früher hat sie alles Mögliche durch die Gegend geschleppt, Sachen angekaut, Schuhe geklaut.

Heute ist sie viel entspannter – zu Hause wie draußen. Sie kommt, wenn ich sie rufe. Sie orientiert sich an mir. Und sie hat gelernt: Wenn sie gut mitarbeitet, kommt irgendwann vielleicht wieder ein Wurf. Vielleicht aber auch nicht – und das ist okay für sie.

Fazit: Ballwerfen für Hunde ist kein Schwarz-Weiß-Thema

Ich finde, man sollte das Thema differenzierter betrachten. Ja, stumpfes Dauerwerfen ist keine gute Idee und kann Hunde noch nervöser machen. Es kann aber genauso der Beginn von gezieltem, kontrolliertem Apportieren und für manche Hunde ein riesiger Gewinn sein.

Wer mit seinem Hund wirft, sollte diesen ganz genau ins Visier nehmen und sein Verhalten beobachten. Tut meinem Hund das Werfen gut? Oder fixiert er den Ball und wirkt er gestresst? Pippa jedenfalls ist heute ausgeglichener, aufmerksamer und zufriedener als je zuvor. Nicht trotz, sondern wegen des Werfens. Und ein gut gemeinter Ratschlag an die Frau auf der Wiese: Vielleicht müssen wir ja nicht immer alles in „richtig“ oder „falsch“ einteilen – sondern öfter mal in „passt für uns“.

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