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„Können Sie das wegtrainieren?“

Hundetrainerin verrät: „Diese 5 Dinge würde ich auf jeden Fall ablehnen“

Frau schimpft mit Hund
Wenn ein Trainingswunsch dem Hund schadet, ist ein klares „Nein“ oft die verantwortungsvollste Entscheidung Foto: Getty Images
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11. Mai 2026, 6:13 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Wenn bei Hundetrainerin und PETBOOK-Autorin Katharina Marioth das Telefon klingelt, geht es selten nur um einen „kleinen Trainingswunsch“. Oft steckt hinter dem ersten Satz „Können Sie meinem Hund genau das abgewöhnen?“ mehr, als man zunächst vermutet. Warum Hundetrainer in solchen Momenten auch mal ablehnen, hat einen guten Grund.

Warum man als Hundetrainer auch manche Anfragen ablehnt

Es gibt diesen Anruf, den jeder Hundetrainer kennt, der länger als zwei Jahre in diesem Beruf ist. Er kommt meistens montags, oft nach einem Wochenende, das offenbar intensiv war. Die Stimme am Telefon klingt entweder verzweifelt, leicht gereizt oder verdächtig aufgedreht – und bevor man überhaupt „Hallo“ sagen kann, kommt der Satz: „Ich brauche jemanden, der meinem Hund beibringt, dass er das nicht mehr macht.“ 

Was „das“ ist, erfährt man dann in den nächsten zehn Minuten. Manchmal ist es das Bellen, manchmal das Jagen, manchmal das Kissen zerreißen. Und manchmal – und das sind die Anrufe, über die man abends noch nachdenkt – ist es etwas, bei dem man innerlich tief durchatmet und sehr freundlich fragt, ob man das kurz richtig verstanden hat. 

Hundetraining ist ein schöner Beruf. Es ist auch ein Beruf, in dem man lernt, höflich „Nein“ zu sagen. Und zwar öfter, als man beim Berufseinstieg gedacht hätte. 

1. „Können Sie ihm das Bellen komplett abgewöhnen?“ 

Die Klassiker zuerst. Anfragen, die so regelmäßig kommen, dass man irgendwann eine Art innere Bingo-Karte entwickelt. Ganz oben darauf: der Wunsch nach dem stillen Hund. Nicht dem ruhigeren Hund. Dem stummen Hund. Komplett. Für immer.

Dabei ist Bellen keine Unart. Bellen ist Kommunikation. Es ist das, was Hunde tun, wenn sie aufgeregt sind, Alarm schlagen wollen, spielen möchten, Angst haben oder schlicht und einfach: existieren. Einem Hund das Bellen „komplett abzugewöhnen“ ist in etwa so, als würde man einem Zweijährigen beibringen, nie mehr zu weinen.

Was man trainieren kann: wann, wie lange, woraufhin. Was man nicht trainieren kann – und nicht trainieren sollte –, ist das Verstummen eines gesunden, kommunikationsfreudigen Wesens. Jeder Trainer, der das verspricht, lügt entweder oder arbeitet mit Methoden, die man sich lieber nicht zu genau anschaut. Sprühhalsbänder, Stachelhalsbänder, Elektrogeräte – der Deutsche Tierschutzbund positioniert sich in seinem Positionspapier unmissverständlich gegen solche Hilfsmittel, und zwar nicht aus sentimentalen Gründen, sondern weil sie nachweislich Angst und Stress erzeugen, ohne das eigentliche Problem zu lösen. 

2. „Er soll lernen, dass er der Kleinste im Rudel ist“ 

Der Klassiker schlechthin. Manchmal kommt er verkleidet als Frage, manchmal als Feststellung. Und manchmal begleitet von einem YouTube-Link zu einer Sendung, die vor fünfzehn Jahren gedreht wurde und seither erstaunlich hartnäckig durch das Netz geistert. 

Die Rudelführer-Theorie – also die Idee, dass Hunde ständig versuchen, den Menschen zu dominieren, und man ihnen deswegen klarmachen müsse, „wer der Chef ist“ – ist wissenschaftlich seit Jahrzehnten überholt. Sie basiert auf Beobachtungen von Wölfen in Gefangenschaft aus den 1940er-Jahren, die später sogar vom Ursprungsautor selbst widerrufen wurden. Auf Hunde übertragen war sie immer schon eine Fehldeutung. Dass sie sich hält wie Kaugummi unter einem Restauranttisch, sagt mehr über menschliche Projektionen aus als über Hundeverhalten. 

Hunde brauchen Orientierung, Verlässlichkeit und klare Strukturen. Das ist wahr. Das hat aber nichts damit zu tun, sie zu „unterwerfen“. Ein Trainer, der einem Hund Dominanz „zeigt“, indem er ihn auf den Rücken drückt, ignoriert alles, was Verhaltensforschung in den vergangenen dreißig Jahren herausgefunden hat. Und riskiert dabei – ganz nebenbei – gebissen zu werden. 

3. „Er muss das einfach aushalten lernen“ 

Diese Anfrage kommt in Variationen. Der Hund hat Angst vor Gewitter – er muss lernen, dass ihm nichts passiert. Der Hund ist angespannt bei anderen Hunden – er muss einfach öfter in die Hundeschule. Außerdem zittert der Hund beim Tierarzt – er soll sich daran gewöhnen. 

Das klingt vernünftig – ist es aber nicht. 

Angst ist kein Charakterfehler, den man durch Konfrontation wegtrainiert. Angst ist ein neurobiologischer Zustand, und ein Hund, der Angst hat und gezwungen wird, die angstauslösende Situation auszuhalten, lernt nicht, dass die Situation harmlos ist. Er lernt, dass er keine Kontrolle hat. Das nennt sich erlernte Hilflosigkeit – und ist das Gegenteil von dem, was man erreichen will. Ein Hund, der aufgehört hat zu zittern, weil er resigniert hat, sieht auf den ersten Blick entspannt aus. Er ist es nicht. 

Gutes Training bei Angst bedeutet: Desensibilisierung in kleinen Schritten, auf dem Niveau, das das Tier gerade trägt. Nicht: Hineinwerfen und hoffen, dass es klappt. Wer das als Trainer anbietet, nimmt einen Auftrag an, der dem Tier schadet – und sollte ihn ablehnen. 

4. „Machen Sie das einfach in einer Intensivwoche“

Dieser Wunsch kommt öfter, als man denkt, und er hat etwas Rührendes. Die Idee, dass ein Hund – ähnlich wie ein Führerschein – in einer kompakten Einheit „fertig trainiert“ werden kann und dann fertig ist. Für immer. Gebrauchsfertig. 

Training funktioniert nicht wie ein Software-Update. Verhalten, das dauerhaft stabil sein soll, braucht Wiederholung, Kontext und vor allem: einen Menschen, der das Gelernte im Alltag konsequent weiterführt. Eine Intensivwoche, in der der Trainer mit dem Hund arbeitet, während der Besitzer zuhause wartet, kann ein guter Einstieg sein. Sie ist aber kein Ersatz für das, was danach kommt. 

Hundetrainer trainieren, wenn es gut läuft, nicht den Hund. Sie trainieren den Menschen. Wer das nicht möchte – wer möchte, dass das Problem einfach „gemacht“ wird und man selbst nichts ändern muss –, der wird mit jedem Trainer unglücklich werden. Denn der Hund nimmt das Gelernte mit nach Hause. Und begegnet dort wieder dem Alltag, der das Verhalten erst produziert hat. 

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5. „Er soll lernen, allein zu bleiben – ab morgen, ich muss nächste Woche wieder ins Büro“ 

Diese Anfrage verdient einen eigenen Absatz, weil sie eine Mischung aus echter Not und atemberaubendem Optimismus enthält, die man als Trainer irgendwie respektieren muss. Der Hund hat seit zwei Jahren massive Trennungsangst. Nächste Woche muss der Mensch zurück aus dem Home-Office ins Büro. Ob das bis dahin funktioniert? 

Nein. Das funktioniert nicht bis dahin. 

Trennungsangst ist eine der komplexesten Verhaltensveränderungen im Hundetraining. Sie hat in vielen Fällen auch medizinische Dimensionen – der Zusammenhang mit Schilddrüsenfunktion, Schmerzgeschehen oder chronischem Stress ist gut belegt. Sie in sieben Tagen zu lösen, ist ungefähr so realistisch wie die Aussage, man wolle bis übermorgen fließend Japanisch sprechen, weil man eine Reise geplant hat. 

Was man machen kann: ehrlich sein. Eine gute Übergangslösung für den Hund finden. Und parallel mit dem Hund daran zu arbeiten – ernsthaft, geduldig, realistisch. 

Warum es okay ist, als Hundetrainer Anfragen abzulehnen

Wenn ein Trainer „Nein“ sagt, ist das kein Zeichen von Überheblichkeit. Es ist meistens ein Zeichen dafür, dass er oder sie den Hund im Blick hat – und nicht nur den Wunsch des Besitzers. Das ist manchmal unbequem. Manchmal geht der Kunde dann zum nächsten Anbieter, der „Ja“ sagt. Und manchmal kommt er drei Monate später zurück, und dann fängt man an. 

Guter Tierschutz beginnt nicht im Tierheim. Er beginnt in dem Moment, in dem jemand sagt: „Das ist nicht das, was dein Hund braucht. Lass uns schauen, was er wirklich braucht.“

Das klingt weniger nach Dienstleistung. Es ist aber die bessere Arbeit. 

Zur Autorin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

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