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Expertin gibt Rat

Darf ich meinen Hund manchmal blöd finden?

Hund macht Chaos
Manchmal ist man als Hundehalter einfach überfordert. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, was sie dagegen machen können. Foto: GettyImages/stockbusters
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27. November 2025, 6:12 Uhr | Lesezeit: 8 Minuten

Heutzutage sind Hunde fester Bestandteil unserer Familien. Kein Wunder also, dass wir ihn eigentlich immer lieben wollen, immer geduldig bleiben und immer konsequent positiv bleiben wollen. Doch seien wir ehrlich: Manchmal findet man den eigenen Hund einfach nur blöd. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, warum diese Emotionen völlig normal steckt und wie sie mit solchen Situationen umgehen können.

Der Mythos vom perfekten Hundehalter 

Auf Social Media sieht man sie überall: Hundehalter, die ihren Hund mit Engelsgeduld trainieren, ihn überallhin mitnehmen und scheinbar nie genervt sind. Doch die Realität sieht oft anders aus. Der Hund bellt seit zehn Minuten am Gartenzaun, während die Leine nass wird und Sie im Regen stehen. Ihr Kaffee kippt um, weil der Hund im Flur bremst, und Sie sagen zum fünften Mal: „Nein, wir jagen keine Jogger.“

In solchen Momenten denken Sie vielleicht: „Ganz ehrlich – ich kann dich gerade nicht mehr sehen.“ Und das ist keine Charakterschwäche – das ist Menschsein. 

Warum Emotionen im Hundetraining normal und wichtig sind 

Gefühle sind keine Gegner des Trainings – sie sind der Kompass, der Ihnen zeigt, wo Ihre Grenzen liegen. Wut, Frust oder Hilflosigkeit bedeuten nicht, dass Sie versagt haben. Sie sind Signale Ihres Nervensystems, dass gerade etwas zu viel ist: zu laut, zu stressig, zu überfordernd. Ein bewusster Umgang damit ist der Schlüssel zu emotionaler Balance – nicht das Unterdrücken der Gefühle. Sie müssen Ihren Hund nicht immer mögen, solange Sie ihn immer respektieren. 

Der Unterschied zwischen Gefühl und Verhalten 

Wichtig dabei ist, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem, was Sie fühlen, und dem, wie Sie handeln. Sie dürfen genervt sein, wütend und überfordert. Aber Sie sind verantwortlich dafür, dass Sie nicht in dieser Emotion trainieren oder bestrafen. 

Besser ist es, die Wut wahrzunehmen, den Impuls zu kontrollieren, zu atmen und Abstand zu nehmen – statt den Hund anzuschreien oder zu rucken. Das Ziel ist nicht, nie genervt zu sein, sondern trotz Emotion bewusst zu handeln. 

Vom Schuldgefühl zur Selbstakzeptanz 

Viele Hundehalter kämpfen mit Schuldgefühlen, wenn sie genervt sind und ihren Hund in der Situation einfach nur doof finden. Vielleicht kennen Sie das auch und denken dann: „Ich sollte geduldiger sein“ oder „Andere schaffen das doch auch“ und „Mein Hund kann nichts dafür“. Solche Gedanken sind nachvollziehbar und menschlich – aber kontraproduktiv. Denn Schuld lähmt, während Selbstmitgefühl handlungsfähig macht. 

An der Stelle sollten Sie Ihre Denkweise etwas ändern: „Ich darf fühlen, was ich fühle – und bleibe trotzdem liebevoll.“ Selbstreflexion bedeutet nicht, sich zu verurteilen. Eher heißt es, ehrlich zu sein und aus dem Geschehenen zu lernen.

Warum Ihr Hund manchmal wirklich blöd ist und nervt

Auch Hunde sind emotionale Wesen. Sie spiegeln unsere Stimmung, reagieren auf Spannung, Unruhe oder innere Unsicherheit. Wenn Sie genervt sind, reagiert Ihr Hund oft mit mehr Unsicherheit – und das macht es schlimmer. 

Neurobiologisch ist klar, dass Sie in den Stressmodus geraten, die sogenannte Sympathikusaktivität. Ihr Hund spürt das und reagiert mit Anspannung oder Meideverhalten, beide Gehirne schaukeln einander hoch. Deshalb ist Regulation für Mensch und Hund so wichtig. Gefühle sollen nicht verdrängt werden, sondern bewusst wahrgenommen und gestoppt werden, bevor Sie in Handlungen übergehen.

3 Methoden, um gelassener zu bleiben 

Gelassenheit entsteht nicht von selbst. Sie ist eine Übung im Wahrnehmen, Atmen und Umlenken. Diese drei einfachen Methoden helfen Ihnen, in stressigen Momenten ruhig und handlungsfähig zu bleiben:

1. Stoppen und atmen 

Wenn Sie merken, dass Sie innerlich kochen, lockern Sie – soweit es sicher ist – die Leine, atmen Sie tief durch und lassen Sie die Schultern sinken. Ein kurzer Reset reicht oft, um vom Reizmodus in den Denkmodus zu kommen.

2. Mentale Reframe-Übung 

Fragen Sie sich, was Sie denken würden, wenn Ihr Hund gerade Angst statt Trotz zeigt. Dieser Perspektivwechsel aktiviert Empathie statt Ärger.

3. Nachsorge statt Nachtrag 

Wenn Sie sich doch mal unfair verhalten haben, entschuldigen Sie sich. Nicht, weil Ihr Hund Worte versteht, sondern weil es Ihre Haltung verändert. Sie schließen emotional ab und schaffen wieder Verbindung. 

Praxisbeispiel: „Ich war einfach durch!“ 

Eine Kundin von mir – nennen wir sie Sabrina – schilderte folgendes Problem: „Mein Junghund hat an einem Tag alles gemacht – gebellt, gezogen, gebuddelt. Ich war völlig überfordert und hab ihn angefaucht. Danach hatte ich ein so schlechtes Gewissen, dass ich heulen musste.“ Im Coaching lernte sie, dass Emotionen keine Feinde, sondern Hinweise sind. Sie begann, Stresszeichen früher wahrzunehmen, Pausen einzuplanen – für sich und ihren Hund. 

Mittlerweile hat Sabrina gelernt, mit solchen Situationen umzugehen: „Heute erkenne ich schneller, wann es zu viel wird. Ich atme, gehe ein Stück, dann ist es wieder gut. Früher hätte ich mich tagelang schlecht gefühlt.“ Das ist der Unterschied zwischen Selbstkritik und Selbstverantwortung. 

Emotionale Ehrlichkeit stärkt Bindung 

Eine authentische Beziehung zu Ihrem Hund bedeutet, dass Sie nicht perfekt, sondern echt sind. Ihr Hund benötigt keinen makellosen Trainer, sondern eine stabile Bezugsperson, die sich selbst regulieren kann. 

Wenn Sie lernen, mit Ihren Gefühlen umzugehen, lernen Sie automatisch, auch Ihren Hund emotional zu lesen und zu führen. Das schafft Vertrauen – und das ist letztlich, was Training wirklich ausmacht. Bindung entsteht nicht durch Perfektion, sondern durch Echtheit. 

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Trainingsideen für Hund und Halter 

Emotionale Ehrlichkeit ist wichtig – aber sie darf nicht im Frust enden. Gerade nach anstrengenden Situationen hilft es, den Fokus wieder auf Verbindung und Kooperation zu lenken. Diese kleinen Trainingseinheiten fördern Ruhe, Beziehung und gemeinsame Regulation. 

1. „Reset-Walk“ – gemeinsam runterfahren 

Wenn Sie merken, dass Sie gereizt sind oder Ihr Hund überdreht, hilft dieser kleine Spaziergang zur Entspannung. Halten Sie die Leine locker und verzichten Sie auf Kommandos. Gehen Sie langsam, atmen Sie bewusst tief ein und aus. Achten Sie nur auf den Rhythmus Ihrer Schritte und das Geräusch des Atmens. Kein Training, keine Erwartungen – einfach sein. So können sich beide Nervensysteme synchronisieren, und Sie kommen aus dem Stressmodus zurück in Verbindung.

2. Orientierung üben – Verbindung statt Kontrolle 

Orientierungssignale schaffen Nähe und Vertrauen. Nutzen Sie kleine Übungen, um die Verbindung zu stärken: Gehen Sie Pollerstrecken als Slalom. Dabei müssen Sie sich gemeinsam orientieren, und festigen damit die Bindung. Sie können auch ein Stück rennen, dadurch bauen Sie beide Stress ab. Diese Übungen sind keine Befehle, sondern emotionale Verbindungsanker. Sie helfen auch Ihnen, wieder ruhig, klar und liebevoll zu führen.

3. „Pause lernen“ – auch der Mensch darf runterfahren 

Viele Hunde reagieren nicht auf unsere Worte, sondern auf unsere Energie. Wenn Sie innerlich auf 180 sind, hilft keine Leckerchentüte der Welt.

Halten Sie die Leine fest, aber entspannen Sie den Körper. Zählen Sie innerlich fünf Atemzüge, während Sie nichts tun. Beobachten Sie, wie sich Ihr Hund verändert, wenn Sie sich selbst regulieren. Der Effekt dabei ist, dass Ihr Hund Ihre Ruhe spürt und sich daran orientiert. So wird Ihr eigener Zustand zur stärksten Trainingshilfe.

4. „Teamspiel statt Erziehung“ – gemeinsam Spaß haben 

In Konfliktsituationen hilft es, wieder positive Interaktion zu schaffen. Spielen verbindet – aber bewusst. Apportierspiele mit klaren Ritualen wie „Bring’s, Tausch, Fein“, kleine Nasenspiele im Wohnzimmer oder Tricktraining mit Fokus auf Kooperation, etwa Pfote geben oder Targetarbeit, fördern Vertrauen und Nähe. Spielen setzt Endorphine frei, reduziert Stress und zeigt dem Hund, dass Sie zusammengehören – auch wenn es gerade schwierig war.

5. Reflexion nach dem Sturm 

Nach emotionalen Momenten lohnt es sich, kurz innezuhalten und ehrlich hinzuschauen. Fragen Sie sich, wann der Punkt war, an dem Sie überfordert waren. Überlegen Sie, was Ihnen in diesem Moment geholfen hätte – Ruhe, Abstand oder mehr Struktur? Spüren Sie nach, welche Emotion eigentlich dahinterstand – Wut, Angst oder Hilflosigkeit? Diese Form der Reflexion ist kein Selbstvorwurf, sondern ein Training für Sie. So lernen Sie, Ihre Emotionen früher zu erkennen und beim nächsten Mal bewusster zu handeln.

Bonusübung – „Verzeihritual“

Wenn Sie merken, dass Sie sich einmal unfair verhalten haben, beenden Sie den Tag bewusst. Gehen Sie zu Ihrem Hund und setzen Sie sich ruhig neben ihn. Sprechen Sie leise, ruhig und freundlich – ganz gleich, was Sie sagen. Vielleicht streicheln Sie ihn sanft über das Fell, vielleicht sitzen Sie einfach still nebeneinander. So regulieren Sie sich gemeinsam, und der Tag endet nicht mit Frust, sondern mit Verbindung. Das stärkt Vertrauen, vor allem nach Konflikten.

Fazit  

Ja, Sie dürfen Ihren Hund manchmal blöd finden. Aber Sie dürfen auch lernen, was diese Emotion Ihnen sagen will. Frust ist kein Ende der Beziehung – er ist eine Einladung, bewusster zu werden. Wenn Sie lernen, sich selbst zu regulieren, statt sich zu verurteilen, 
dann wird jede Trainingssituation zur Beziehungsarbeit auf Augenhöhe. Ihr Hund braucht Sie. Also seien Sie auch gut mit sich selbst! 

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