15. September 2025, 11:54 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Viele Hunde gehen anfangs ohne Probleme in die Tierarztpraxis. Doch ein einziges negatives Erlebnis kann ausreichen, um Angst oder sogar ein Trauma auszulösen. Redaktionshündin Yumi ist früher gerne zum Tierarzt gegangen, doch nachdem eine Granne im Ohr entfernt werden musste, weigert sie sich, die Praxis überhaupt noch zu betreten. Redakteurin Saskia Schneider fragte Hundetrainerin Katharina Marioth, wie man das Problem wieder in den Griff bekommt.
Für alle Hundehalter, die das gleiche Problem haben: Dass der Hund Angst vor dem Tierarzt hat, sei völlig normal, erklärt Marioth. „Viele Hundehalter kennen das. Die ersten Besuche sind unproblematisch, aber ein besonders unangenehmes Erlebnis bleibt hängen. Der Hund speichert: Das war schlimm, da gehe ich nicht wieder hin.“
Gerade Situationen, in denen der Hund fixiert wird und dabei Schmerzen empfindet, können nachhaltig prägend wirken. Doch die Expertin betont auch: Man könne viel tun, damit der Hund den Tierarztbesuch nicht mehr als Bedrohung empfindet, sondern kooperiert, weil er weiß: „Es wird kurz unangenehm, aber danach passiert nichts Schlimmes mehr.“
Positive Verknüpfungen schaffen
Ein erster Schritt sei es, die Tierarztpraxis wieder positiv zu belegen. Marioth rät, nach einem negativen Erlebnis einfach regelmäßig ohne Behandlung vorbeizuschauen: ins Wartezimmer gehen, ein Leckerli geben und gleich wieder gehen. So werde die Umgebung mit etwas Positivem verknüpft.
Auch das Training für den Untersuchungstisch könne helfen, wenn Hunde Angst vor dem Tierarzt haben. „Viele Hunde hassen die glatte Metallfläche“, erklärt sie. „Eine rutschfeste Matte schafft Halt. Zuhause kann man zudem üben, den Hund auf eine erhöhte Fläche zu setzen, zu belohnen und wieder herunterzunehmen.“
Medical Training für den Alltag
Besonders am Herzen liegt der Trainerin das sogenannte Medical Training. Dabei lernt der Hund ein Kooperationssignal – etwa das Kinn in die Hand zu legen und stillzuhalten. „So können Manipulationen schrittweise geübt werden, zunächst spielerisch zu Hause, später auch beim Tierarzt“, sagt Marioth. Das sei nicht nur hilfreich für tierärztliche Untersuchungen, sondern auch für die alltägliche Pflege, etwa bei Hunderassen, die regelmäßig Ohren- oder Faltenreinigung benötigen.
Allerdings sollte das regelmäßig geübt werden: „Einmal pro Woche reicht völlig aus“, betont Marioth. Wichtig sei, dass es Spaß mache und an die Tagesform des Hundes angepasst werde. Zusätzlich könne man das Training realistischer gestalten, indem man Geräusche wie das Sprühen von Desinfektionsmittel oder leichte Manipulationen einbaut. So entstehe Routine für den Ernstfall.
Schmerzvolle Eingriffe bleiben nicht aus
Ganz vermeiden lassen sich schmerzhafte Erfahrungen beim Tierarzt jedoch nicht. Eine Impfung etwa kann stechen und drücken. „Das macht das Training aber nicht zunichte“, beruhigt Marioth. Entscheidend sei, im Anschluss sofort eine positive Erfahrung zu setzen – mit einem besonderen Leckerli oder einer kurzen Trainingseinheit. So werde das negative Erlebnis schnell überschrieben und die Angst vor dem Tierarzt könne über die Zeit kleiner werden.
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Trost – ja oder nein?
Uneinigkeit herrscht oft bei der Frage, ob man Hunde nach einer schmerzhaften Behandlung trösten darf. Marioth ist klar dafür: „Wichtig ist das richtige Timing.“ Am besten spreche man sich mit dem Tierarzt ab und lenke den Hund genau im Moment der Spritze ab – etwa mit einem Leckerli oder einem kleinen Geräusch. Danach dürfe der Hund unbedingt gefeiert und gelobt werden, damit er die Situation positiv abspeichert. Nur bei aggressivem Verhalten müsse ein Trainer hinzugezogen werden, um gezielt daran zu arbeiten.
Fazit
Ein traumatischer Tierarztbesuch ist für viele Hunde Realität, doch er muss nicht zum Dauerproblem werden. Mit gezieltem Training, positiver Bestärkung und der richtigen Vorbereitung können Halterinnen und Halter viel dazu beitragen, ihrem Tier den Stress zu nehmen. „Am Ende geht es darum, dass der Hund trotz unangenehmer Momente Vertrauen entwickelt – in seinen Menschen, in den Ablauf und in die Situation“, fasst Marioth zusammen.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.
