19. Februar 2026, 13:08 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Ob in den sozialen Medien oder auf dem Hundeplatz: Viele Hundetrainer machen ihre Kollegen schlecht und hetzen manchmal sogar Kunden gegen sie auf. Oft stehen sich Lager gegenüber, Debatten werden schnell persönlich, sachlicher Austausch bleibt auf der Strecke. Warum Ideologie im Hundetraining keinen Platz haben sollte – und woran Halter einen souveränen Trainer erkennen, erklärt Hundetrainerin Katharina Marioth im Gespräch mit PETBOOK.
Berufsstand selbst bringt Konflikte mit
„Haifischbecken Hundetrainer“? Schon vor Jahren machte der Hundetrainer Dirk Biller auf die Problematik in einem YouTube-Video aufmerksam. Auch Hundetrainerin Katharina Marioth findet den Begriff „Haifischbecken“ passend. Wenn man über Haie spreche, rede man über „sieben Zahnreihen und ständig nachwachsende Zähne“. Hundetrainer hätten es dagegen „nur mit 42 Zähnen im Maul des Hundes zu tun“. Eigentlich, so Marioth, müssten die Herausforderungen des Alltags reichen. Doch der Berufsstand selbst bringe eigene Konflikte mit.
Theoretisch kann jeder Training anbieten
Ein zentrales Problem sieht sie in der fehlenden Regulierung: Hundetrainer ist keine geschützte Berufsbezeichnung. Zwar schreibt Paragraf 11 des Tierschutzgesetzes seit einigen Jahren eine Sachkundeprüfung beim Veterinäramt vor, wenn man gewerblich arbeiten möchte. Doch etwa im Vereinswesen greife diese Regelung nicht. Theoretisch könne jeder einen Verein gründen und Training anbieten – ohne verpflichtende Kontrolle.
Marioth vergleicht das mit dem Handwerk: Es wäre, als könne man Dächer decken, ohne Meisterbrief, solange man es über einen Verein organisiere. Haftung und Qualitätskontrolle blieben dabei auf der Strecke.
Positive Verstärkung vs. Gehorsam
Gleichzeitig hätten sich in der Szene klare Lager gebildet. Auf der einen Seite Trainer, die hauptsächlich positiv verstärkend arbeiten, auf der anderen jene, die stärker auf Ordnung und Gehorsam setzen. Offiziell arbeite heute niemand mehr aversiv, also mit Strafe oder Druck – „wird trotzdem noch gemacht“, sagt Marioth nüchtern. Was sie dabei stört: „Wir haben zwei Pole – und vergessen, dass die Welt dazwischen trotzdem existiert.“
Social Media verschärft Situation
Verschärft werde die Situation durch Social Media. Reichweite bedeute Sichtbarkeit, Sichtbarkeit bedeute Geld – etwa durch Kooperationen. Marioth selbst verzichtet bewusst darauf. Sie wolle sich diesem Druck nicht aussetzen, sondern authentisch bleiben. „Es ist leicht, schlecht über jemand anders zu sprechen, als positiv über mich selbst“, sagt sie.
Dass genau das in der Szene häufig passiere, sei für sie schwer nachvollziehbar. Man solle Kolleginnen und Kollegen mit dem gleichen Verständnis begegnen, das man im Training von Hunden einfordere. Wer öffentlich aggressiv auftrete, sende vor allem ein Signal über sich selbst. Bei einem Hund würde man sagen: nicht besonders souverän.
Oft dominiert persönliches „Bashing“
Was aus ihrer Sicht fehlt, ist eine sachliche Streitkultur. „Wir haben noch nicht gelernt, Kritik wirklich fachlich zu äußern“, sagt Marioth. Ein konstruktiver Austausch würde bedeuten zu sagen: „In deiner Trainingsmethode sehe ich das und das – erklär’s mir. Ich würde es anders machen.“ Stattdessen dominiere oft persönliches Bashing.
Dabei sei Hundetraining eine hochgradig persönliche Arbeit am Menschen. Sie selbst bekomme in Haushalten Einblicke, die weit über das Verhalten des Hundes hinausgingen. In einem solchen Kontext habe Gewalt – auch verbale – nichts zu suchen.
„Glaubensbilder sind immer leichter als Sachbilder“
Wie produktiver Austausch aussehen kann, zeigt sie mit einem eigenen Beispiel: Gemeinsam mit dem nicht unumstrittenen Trainer Andreas Ohligschläger betreibt sie den Podcast „Zwei Trainer, zwei Leinen“. Beide vertreten unterschiedliche Ansätze, verstehen sich als „Pol und Gegenpol“. Gerade deshalb sei der Dialog so wertvoll. Man lerne voneinander – und letztlich profitierten die Hunde davon.
Dass Debatten häufig ideologisch aufgeladen sind, überrascht Marioth nicht. „Glaubensbilder sind immer leichter als Sachbilder“, sagt sie. Hundetraining sei jedoch kein statisches Konzept, sondern ein „hochkomplexes soziales System“: der Hund mit seiner Geschichte, der Mensch mit seiner Geschichte, oft eine Familie im Hintergrund.
„Niemand weltweit hat die eine Lösung.“ Man müsse sachlich, aber empathisch schauen, wo man ein Team abholen könne. Schwarz-weiß-Denken helfe nicht – außer, wenn es um Gewalt gehe. „Da hört für mich jede Diskussion auf.“
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Kein Dialog, sondern verbale Gewalt
Gerade bei aggressiven Hunden zeige sich die Verhärtung der Fronten. Kritische Stimmen unter Social-Media-Beiträgen würden schnell mit Kommentaren wie „Dann nimm du den Hund doch bei dir auf“ abgekanzelt. Für Marioth ist das kein Dialog, sondern verbale Gewalt. Und sie zieht einen bemerkenswerten Vergleich: In der Szene fehle mitunter genau das, was man im Training predige – Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Auch ihr steige bei manchen Beiträgen der Puls, räumt sie ein. Doch entscheidend sei die Frage, wie viel Aufmerksamkeit und Energie man solchen Impulsen gebe.
Ihr Wunsch für die Branche: mehr fachübergreifende Kongresse, mehr Austausch zwischen den Lagern, mehr Bereitschaft zuzuhören. Sie freue sich über Kolleginnen und Kollegen in ihren Seminaren – auch wenn diese am Ende entscheiden, dass sie ihren Ansatz nicht übernehmen möchten. „Auch das ist Lernen“, sagt sie. Ziel müsse sein, wieder normal miteinander zu sprechen – „und uns nicht wie die Hunde, die wir trainieren, im Aggressionsverhalten aufzuhalten“.
Gute Trainer empfehlen Kollegen, statt über sie herzuziehen
Was aber bedeutet das für Hundehalterinnen und Hundehalter? Wie erkennt man einen souveränen Trainer? Marioth rät, Fragen zu stellen: Wie läuft das erste Gespräch ab? Wie wird gearbeitet? Muss man sich sofort auf zehn oder fünfzehn Stunden festlegen? Paketangebote oder Heilsversprechen wie „der einzig wahre Kurs zur Leinenführigkeit“ oder „in 30 Sekunden Schluss mit der Leinenpöbelei“ seien unseriös. „Das kann nicht funktionieren. Hundetraining ist individuell.“
Ebenso wichtig sei die menschliche Ebene. Wenn man merke, dass es nicht passe, solle man das offen ansprechen. Ein professioneller Trainer werde im Zweifel sogar Kolleginnen oder Kollegen empfehlen, bei denen es besser harmoniert. Skeptisch werde sie zudem, wenn jemand „wirklich alles“ anbiete – von Agility bis Geruchsanzeige. Jeder habe Schwerpunkte.
Vor allem aber rät Marioth zur Geduld. Es sei keineswegs verwerflich, mehrere Trainer auszuprobieren. „Es braucht manchmal Zeit, bis man jemanden findet, bei dem man sich wohlfühlt.“ Und wenn der Mensch gerne ins Training gehe, gehe auch der Hund gerne.
Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.