4. Mai 2026, 17:22 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Hunde „sprechen“ ständig mit uns – nur oft verstehen wir sie nicht. Durch feine Bewegungen und kleine Gesten versuchen sie, Situationen zu beruhigen oder Stress abzubauen. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, wie Beschwichtigungssignale aussehen, was sie bedeuten und warum es so wichtig ist, sie richtig zu lesen.
Hunde kommunizieren ununterbrochen – nur meistens nicht mit Lauten, sondern über ihre Körpersprache. „Wir Menschen denken oft, Hunde würden vor allem bellen oder winseln, um sich mitzuteilen“, sagt Hundetrainerin Katharina Marioth. „Aber die Kommunikation beginnt schon viel früher – ganz leise, über kleine Gesten.“
Ein wichtiger Teil dieser stillen Sprache sind die sogenannten Beschwichtigungssignale. Sie helfen Hunden, Situationen zu entschärfen, Stress abzubauen und Missverständnisse zu vermeiden. Doch viele Halterinnen und Halter nehmen diese Signale gar nicht wahr – oder deuten sie falsch.
„Diese Gesten dienen dazu, Spannung rauszunehmen“
Beschwichtigungssignale sind körpersprachliche Zeichen, mit denen Hunde versuchen, eine Situation zu beruhigen. „Damit sagen sie sinngemäß: ‚Ich meine es friedlich, alles gut‘“, erklärt Marioth.
Typische Beispiele sind das Lippenlecken, also wenn der Hund kurz über die Lefzen fährt, oder das Blickabwenden – manchmal nur für einen Augenblick. Auch ein leichtes Abwenden des Körpers oder eine etwas abgesenkte Rute können solche Signale sein. „Diese Gesten dienen dazu, Spannung rauszunehmen oder zu zeigen: Mir ist das gerade unangenehm.“
Doch nicht jedes Signal bedeutet automatisch Stress. „Wenn ein Hund sich über die Lefzen leckt, kann das auch einfach heißen, dass er Futter erwartet oder etwas Leckeres riecht“, betont die Trainerin. „Man sollte die Situation immer im Zusammenhang betrachten.“
Spielaufforderung oder Beschwichtigung?
Besonders deutlich zeigen sich diese Signale in stressigen Momenten – etwa beim Tierarzt. „Da sehen wir ganz häufig, dass der Hund den Blick senkt, die Zunge über die Lefzen fährt oder den Körper leicht seitlich abwendet“, sagt Marioth. „Diese feinen Bewegungen sind Entstressungsgesten – sie zeigen, dass der Hund sich unwohl fühlt, aber keinen Konflikt sucht.“
Selbst Gesten, die viele Menschen als Spielaufforderung verstehen, wie die Oberkörpertiefstellung, können eine Entspannungsgeste sein. „Gerade bei Begegnungen mit fremden Hunden ist das oft keine Einladung zum Toben, sondern eher ein Versuch, Spannung abzubauen“, erklärt sie.
Was Halter oft übersehen
Viele Beschwichtigungssignale sind so subtil, dass sie im Alltag schnell untergehen. „Ein Klassiker ist das leichte Absenken der Rute“, sagt Marioth. „Ich meine damit nicht, dass sie zwischen die Beine geklemmt wird, sondern einfach etwas tiefer gehalten ist – oft verbunden mit einer sanften seitlichen Bewegung.“
Auch das Pföteln, also das kurzzeitige Anheben einer Pfote, werde häufig gar nicht wahrgenommen. „Dabei ist das oft ein ganz klares Zeichen dafür, dass der Hund in diesem Moment ein bisschen Druck aus der Situation nehmen möchte.“
So sollten Halter reagieren
Wie man auf solche Signale reagiert, hängt stark vom Kontext ab. „Das Wichtigste ist: überhaupt wahrnehmen“, betont Marioth. „Und sich dann kurz fragen: Was war gerade los?“ Vielleicht hat der Hund nur auf ein Geräusch reagiert oder Futter gerochen – dann besteht kein Grund zur Sorge.
Wenn der Hund jedoch wirklich gestresst wirkt, helfe es, „den Druck rauszunehmen, also zum Beispiel Abstand zu schaffen oder kurz aus der Situation zu gehen“. Wichtig sei, nicht überzureagieren. „Manchmal wollen Menschen den Hund sofort trösten oder schützen, dabei reicht es oft, ihm einfach etwas Raum zu geben.“
Beschwichtigungssignale beim Hund als Trainingshilfe
Die Körpersprache des Hundes kann außerdem wertvolle Hinweise auf den Trainingsstand geben. „Wenn ich die Krallenschere hervorhole und der Hund schmatzt oder den Kopf abwendet, sagt er: ‚Das ist mir unangenehm‘“, erklärt Marioth. „Das ist kein Fehlverhalten, sondern Kommunikation – und für mich eine tolle Rückmeldung, wo ich ansetzen kann.“
Im sogenannten Medical Training lernen Hunde, sich an unangenehme Pflegemaßnahmen zu gewöhnen. „Ich zeige den Gegenstand, etwa die Bürste oder Schere, und es passiert erst einmal nichts. Der Hund darf sich das anschauen und bekommt dafür eine Belohnung“, so Marioth.
Wichtig sei, direkt am Gegenstand zu belohnen, nicht weg davon. „Dann nehme ich ihn wieder weg, präsentiere ihn später erneut und steigere das langsam – vielleicht streiche ich den Hund nur leicht über das Fell und belohne danach. So lernt er: Das ist nicht schlimm.“
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Beschwichtigungssignale unter Hunden
Auch bei Begegnungen mit anderen Hunden spielen Beschwichtigungssignale eine wichtige Rolle – allerdings können Halter sie dort kaum beeinflussen. „Im Auslauf oder auf der Wiese muss man einfach darauf vertrauen, dass beide Hunde sozial gut drauf sind“, sagt Marioth. „Am besten lernt der Hund den Umgang mit solchen Signalen schon als Welpe oder Junghund – begleitet von einem guten Trainer.“ So entwickle der Hund die Fähigkeit, Körpersprache richtig zu lesen und selbst deeskalierend zu reagieren. „Das ist echte soziale Kompetenz“, betont die Expertin.
Achtsamkeit schafft Vertrauen
Am Ende geht es vor allem darum, aufmerksam zu sein. „Wenn wir lernen, diese kleinen Gesten zu sehen und richtig zu deuten, verstehen wir unsere Hunde viel besser“, sagt Katharina Marioth. „Und wir können ihnen helfen, sich sicher und wohl zu fühlen.“
Denn wer die leise Sprache seines Hundes versteht, sorgt nicht nur für mehr Harmonie im Alltag – sondern stärkt auch das Vertrauen zwischen Mensch und Tier.
Das gesamte Interview mit Hundetrainerin Katharina Marioth sehen Sie im Video.
Zur Expertin
Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.
