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Hundetrainerin erklärt

„Altersstarrsinn“ bei Hunden – gibt es das wirklich?

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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

9. Oktober 2025, 6:43 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Viele Halter kennen es: Der Hund wird älter – und irgendwie auch eigenwilliger. Doch ist das, was mancher als „Altersstarrsinn“ beim Hund bezeichnet, wirklich ein trotziges Verhalten? Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt im Gespräch, warum hinter dem vermeintlichen Dickkopf in Wahrheit oft ganz andere Ursachen stecken – und wie man seinen Vierbeiner im Seniorenalter richtig unterstützt.

„Wenn wir von Altersstarrsinn bei Hunden sprechen, ist das vor allem ein menschliches Etikett“, sagt Katharina Marioth. Der Begriff helfe zwar, manche Verhaltensweisen älterer Hunde mit einem Augenzwinkern zu betrachten – etwa wenn sie nicht mehr so folgsam sind wie früher. Doch tatsächlich veränderten sich im Alter vor allem die körperlichen und emotionalen Bedürfnisse der Tiere. „Da steckt kein Trotz dahinter, sondern einfach ein ganz natürlicher Prozess“, so Marioth.

Die „zweite Pubertät“ im Alter

Viele Hunde durchlaufen im Seniorenalter eine Art zweite Pubertät. „Bei großen Rassen beginnt das meist zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr, bei kleineren Hunden oft erst ab elf oder zwölf“, erklärt die Trainerin. In dieser Phase testen viele Tiere Regeln und Grenzen noch einmal neu – ähnlich wie in der Jugendzeit. Für Halter kann das anstrengend wirken, doch Marioth betont: „Das hat nichts mit Sturheit zu tun. Es ist eher ein Zeichen, dass sich im Gehirn und im Körper etwas verändert.“

Was viele für Dickköpfigkeit oder Altersstarrsinn beim Hund halten, hat oft körperliche Ursachen. Mit zunehmendem Alter lassen Gehör und Sehvermögen nach, Gelenke werden steifer, Schmerzen treten auf. „Wenn ein Hund plötzlich nicht mehr ins Auto springt oder beim Spazierengehen stehenbleibt, ist das selten Ungehorsam“, sagt Marioth. „Meist steckt dahinter, dass er Schmerzen hat oder schlicht nicht mehr so gut sieht.“

Daher sei es wichtig, körperliche Beschwerden nicht mit schlechtem Benehmen zu verwechseln. „Ich empfehle, ab einem Alter von etwa sieben Jahren einmal jährlich ein großes geriatrisches Blutbild machen zu lassen“, so die Trainerin. So könnten gesundheitliche Veränderungen früh erkannt und richtig eingeordnet werden.

Wenn Hunde plötzlich unsicher werden

Viele Halter beobachten, dass ihr Hund im Alter, bei Dunkelheit oder in Menschenmengen ängstlicher reagiert. Auch hier sieht Marioth die Ursache meist in nachlassenden Sinnen. „Wenn ein Hund seine Umgebung nicht mehr vollständig wahrnimmt, fühlt er sich natürlich unsicherer“, erklärt sie. Hinzu kämen oft schmerzende Pfoten oder Gelenke, die übersehen würden. Das Gassigehen werde dann eher zur Stop-and-Go-Runde – nicht, weil der Hund nicht mehr will, sondern weil er genauer hinschauen und Informationen sammeln muss.

Aktiv bleiben – aber mit Maß

Wie also können Halter ihren älteren Hund fördern, ohne ihn zu überfordern? Marioth rät dazu, sich am „Lustprinzip“ zu orientieren: „Der Hund sollte Freude an der Beschäftigung haben, aber nicht überlastet werden.“ Statt großer Sprünge auf dem Hundeplatz seien ruhigere Aktivitäten wie Hoopers, Rally Obedience oder Mantrailing eine gute Alternative. Dabei bleibe der Hund geistig gefordert, ohne sich körperlich zu verausgaben.

„Man sollte die Aktivität dem Alter anpassen, aber nicht einfach aufhören, gemeinsam etwas zu tun“, sagt Marioth. „Viele ältere Hunde genießen es, kleine Aufgaben zu lösen oder Tricks zu lernen – nur eben in ihrem Tempo.“

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Wenn der Hund im Alter „komplizierter“ wird

Viele ihrer neuen Kunden kämen tatsächlich erst dann zu ihr, wenn der Hund acht oder neun Jahre alt ist. „Zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr ist meist Ruhe“, erzählt Marioth. „Aber danach nehmen die Anfragen wieder zu, weil viele merken, dass sich ihr Hund verändert.“

Bevor sie mit dem Training beginnt, steht für die Trainerin jedoch immer die medizinische Abklärung an erster Stelle: „Ich schaue mir das Gangbild an, wir sprechen mit dem Tierarzt, und ich will immer aktuelle Befunde. Nur so können wir ausschließen, dass hinter einem Verhalten Schmerzen stecken.“ Erst wenn gesundheitliche Ursachen ausgeschlossen sind, arbeitet Marioth mit dem Menschen daran, das Zusammenleben neu zu gestalten – angepasst an die neue Lebensphase des Hundes.

Fazit

Wenn Hunde sturer wirken, wenn sie älter werden, hat das nicht mit Altersstarrsinn zu tun. Sie verändern sich. Ihre Sinne lassen nach, ihre Bedürfnisse wandeln sich. Wer das erkennt, kann viel dafür tun, dass der Vierbeiner auch im hohen Alter noch Freude am Leben hat. „Das Wichtigste ist, dass wir unsere Erwartungen anpassen“, sagt Katharina Marioth. „Dann kann das Miteinander im Alter sogar noch inniger werden als früher.“

Zur Expertin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

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