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Jeder sechste betroffen

Auch Hunde sind hochsensibel und so erkennen Sie es

Hund, der ängstlich schaut
Hypersensible Hunde reagieren besonders stark auf Umweltreize. Foto: Getty Images
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Porträtaufnahme von Autorin Manuela Lieflaender mit Hund Elvis
Freie Autorin

18. Februar 2026, 12:46 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Ihr Hund ist schnell überreizt, schreckhaft oder hängt extrem an Ihnen? Was oft als „Problemverhalten“ abgestempelt wird, könnte einen bislang unterschätzten Hintergrund haben. Neue Erkenntnisse aus der Forschung zeigen: Auch Hunde können Hypersensibilität haben – und das verändert den Blick auf viele Alltagsprobleme grundlegend.

Wenn Ihr Hund dauerhaft gestresst wirkt, schlecht zur Ruhe kommt und auf jeden Reiz reagiert, ist er vielleicht hochsensibel. Die Forschung auf diesem Gebiet ist noch relativ neu. Bereits 2020 konnte in einer Studie der Universität Bern wissenschaftlich bewiesen werden, dass nicht nur Menschen, sondern auch Hunde hochsensibel sein können. Woran erkennt man Hypersensibilität beim Hund? Und was brauchen diese Hunde wirklich?  

Jeder sechste Hund ist hochsensibel

„Ungefähr einer von sechs Hunden ist hochsensibel“, erklärt Dr. Christine King. Das entspricht ungefähr 20 Prozent der weltweiten Hundepopulation. Die Tierärztin aus Australien hat letztes Jahr ein Buch über den Umgang mit hochsensiblen Hunden veröffentlicht. „Hochsensibilität ist keine Erkrankung, sondern ein Persönlichkeitsmerkmal.“ In ihrer Praxis hat Christine King immer wieder mit hochsensiblen Hunden zu tun. Sie ist froh über die Studie der Universität Bern und schreibt in ihrem Buch: „Viele Verhaltensweisen wie Ängstlichkeit oder Schreckhaftigkeit sind vorher als ‚Fehlverhalten‘ oder ‚Schwäche‘ interpretiert worden, dabei sind sie ein Ausdruck von Hochsensibilität, also einer tieferen Informationsverarbeitung.“ 1

Wenn das „Stressfass“ überläuft und betroffene Hunde unter Reizüberflutung leiden, äußert sich das in Form von körperlichen und psychischen Problemen.   

Psychische Auffälligkeiten hochsensibler Hunde 

Hypersensibilität zeigt sich bei Hunden auch durch psychische Auffälligkeiten. Betroffene Hunde haben oft eine Geräuschangst (Gewitter, Feuerwerk), welche aufgrund der genetischen Komponente extrem häufig ist. Hochsensible Hunde binden sich außerdem oft sehr eng an ihre Bezugspersonen – so eng, dass sie Trennungsangst haben und auf Abwesenheit mit massivem Stress reagieren.

Eine Hypersensibilität kann auch zu einer auffälligen Hyperreaktivität führen: Der Hund „explodiert“ förmlich bei kleinsten Auslösern (z. B. ein vorbeifahrendes Fahrrad), da sein Nervensystem bereits am Limit ist. Auch Zwangsstörungen können in extremen Stressphasen im Alltag auftreten. Stereotype Verhaltensweisen sind Pfotenlecken, Schwanzjagen oder das Jagen von Schatten.

Körperliche Krankheiten bei Hypersensibilität

Hypersensibilität zeigt sich nicht nur in der Psyche von Hunden, sondern kann auch körperliche Beschwerden verursachen:

  • Verdauungsprobleme: Chronische Magen-Darm-Entzündungen (IBD), Futtermittelunverträglichkeiten oder nervöser Durchfall kommen bei Hochsensibilität häufig vor.  
  • Hautprobleme und Allergien: Ein chronisch erhöhtes Cortisol-Level (Stresshormon) schwächt die Barrierefunktion der Haut. Das kann zu Leck-Dermatitis, Juckreiz und einer Neigung zu Allergien führen.  
  • Autoimmunerkrankungen: Das Immunsystem hochsensibler Hunde kann laut King ebenso „überreaktiv“ sein wie ihr Nervensystem, was sie anfälliger für Autoimmunprozesse macht. 
  • Schlafstörungen: Da sie Reize tiefer verarbeiten, fällt es ihnen schwer, in den für die Erholung wichtigen Tiefschlaf zu finden. Sie bleiben oft „wachsam“, auch wenn sie liegen. 

Hilfreiche Maßnahmen im Umgang mit hochsensiblen Hunden 

Doch es gibt Hoffnung: Viele der gesundheitlichen Probleme bessern sich, sobald der Hund zur Ruhe kommen kann. Mit einigen Maßnahmen können Sie Ihren Hund bei Hypersensibilität unterstützen. Schaffen Sie einen (oder mehrere) sichere Rückzugsorte, an denen der Hund garantiert nicht gestört wird. Feste Rituale im Alltag helfen, das Nervensystem von Hochsensiblen zu regulieren.

Meiden Sie überfüllte Innenstädte für Gassirunden. Leiten Sie Ihren Hund mit leiser Stimme und sanfter Bestimmtheit, statt durch Dominanz und Härte. Seien Sie der „sichere Hafen“ Ihres Hundes und schützen Sie ihn, wenn er keinen Kontakt zu anderen Menschen oder Hunden möchte. Reiz-Budgetierung: Wenn ein stressiges Ereignis wie ein Tierarztbesuch war, sollte der Rest des Tages ruhig verlaufen.

Eine kurze, entspannte Gassirunde mit viel Zeit zum Schnüffeln ist ideal. Ruhige, mentale Auslastung ist besser als Ballspielen oder Agility: Futtersuchspiele, Mimik-Spiele, beispielsweise „Sitz“ und „Platz“ beibringen über die Augenbewegung sowie Kau- und Leckarbeit (Schleckmatte).

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Wo steht mein Hund auf der Skala? 

Die Skala der Studie der Universität Bern reicht von 1 (trifft gar nicht zu) bis 7 (trifft voll zu). 

Score-Bereich Einordnung Beschreibung 
1,0 – 3,1 Niedrig sensibel Eher „dickfellig“, wenig beeindruckt von Umweltreizen. 
3,2 – 4,9 Durchschnittlich Normale Reaktion auf Reize; typisches Hundeverhalten. 
5,0 – 7,0 Hochsensibel Starke Reaktion, tiefe Verarbeitung, schnelle Überreizung. 

Rassen mit hoher Tendenz zur Hochsensibilität 

Tatsächlich gibt es laut Studienlage bestimmte Rassen, die zur Hypersensibilität neigen. Dazu zählen:

  • Hütehunde (z. B. Border Collie, Australian Shepherd, Sheltie) – ihr Gehirn ist darauf programmiert, kleinste Bewegungen und Veränderungen in der Umwelt sofort wahrzunehmen.
  • Windhunde (z. B. Whippet, Galgo, Greyhound) haben oft ein sehr dünnes „Nervenkostüm“ und eine extrem hohe sensorische Wahrnehmung.
  • Begleithunde (z. B. Pudel, Papillon) sind oft extrem eng auf ihren Menschen fixiert und spiegeln dessen Emotionen eins zu eins.
  • Der Magyar Viszla ist bekannt als „Klettenhund“, der oft sehr sensibel auf die Stimmung seines Besitzers reagiert.

Wichtige Einordnung der Forscher: Obwohl diese statistischen Unterschiede zwischen den Rassegruppen gefunden wurden, betonen die Autoren der Studie, dass der Einfluss der Rasse auf die Ausprägung der Hochsensibilität insgesamt nur sehr gering ist. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die Unterschiede innerhalb einer Rasse oft bedeutender sind als die Unterschiede zwischen verschiedenen Rassen.

Der Umgang mit Hypersensibilität bei Hunden erfordert Empathie, Geduld und ein gutes Gespür für ihre Bedürfnisse. Wer für Struktur, Sicherheit und bewusste Stressreduktion sorgt, hilft seinem Hund, ausgeglichener zu leben und sein sensibles Wesen positiv zu entfalten.

Quellen

  1. King, C. M. (2025). The highly sensitive dog (2nd ed., pp. 19–45). Anima Books. Kapitel 2: The Highly Sensitive Dog. ↩︎

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