Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Neues aus Wissenschaft und Forschung Alle Themen
Forscher beweisen

Hunde begleiteten Menschen viel früher als gedacht

Ein Hund vor einer bergigen Kulisse
Hunde begleiten den Menschen schon seit Tausenden Jahren. Laut Studien wohl auch schon, bevor wir in festen Siedlungen lebten. Foto: Getty Images
Artikel teilen
Louisa Stoeffler
Redakteurin

26. März 2026, 13:54 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Jagdgefährte, Alarmsystem, treuer Begleiter? Die Geschichte des Hundes an unserer Seite begann womöglich viel früher, als wir lange dachten. Genetische Studien zeigen nun: Hunde begleiteten den Menschen möglicherweise schon in der letzten Eiszeit – also lange bevor Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit überhaupt begannen. PETBOOK ordnet die Erkenntnisse über den „besten Freund des Menschen“ ein.

Hunde, 5000 Jahre bevor wir sesshaft wurden?

Die Domestikation des Hundes – also die Entwicklung vom Wolf zum Haushund – gehört zu den ältesten Beziehungen zwischen Mensch und Tier. Dennoch ist ihr genauer Ursprung bis heute ungeklärt. Frühere Schätzungen umfassten Zeiträume von 135.000 bis 15.000 Jahren vor heute.

Ein zentrales Problem: Knochen von frühen Hunden und Wölfen sind oft schwer zu unterscheiden. Gerade in den ersten Phasen der Domestikation fehlten eindeutige Merkmale. Frühere Funde, die als „Urhunde“ galten, stellten sich genetisch häufig als ausgestorbene Wolfslinien heraus.

Bislang gab es klare genetische Belege für Hunde erst aus der Mittelsteinzeit vor etwa 10.900 Jahren. Gleichzeitig deuteten archäologische Hinweise darauf hin, dass Hunde schon früher existierten und mit Menschen lebten. Hier wurde immer die Sesshaftwerdung des Menschen und der Beginn von Ackerbau und Viehzucht als Ankerpunkt ausgemacht. Umso spannender ist, dass nun gleich zwei Studien tief in diese frühe Vergangenheit blicken – und der Hund uns wohl sogar schon vorher begleitete.

Wie alt ist die Beziehung zwischen Mensch und Hund wirklich?

Besonders spektakulär ist eine Studie eines internationalen Forschungsteams unter Leitung der Ludwig-Maximilians-Universität München, des Natural History Museum in London und der University of Oxford. Den Forschern gelang es, die bislang ältesten genetischen Belege für Hunde zu identifizieren. Untersucht wurden dafür Proben aus Gough’s Cave im heutigen Großbritannien, die rund 14.300 Jahre alt sind, sowie aus Pınarbaşı in der heutigen Türkei mit einem Alter von etwa 15.800 Jahren.

Das ist deshalb so bemerkenswert, weil diese DNA-Nachweise rund 5000 Jahre älter sind als die bisher ältesten gesicherten genetischen Belege für Hunde. Die LMU spricht in ihrer Pressemitteilung entsprechend von einem „entscheidenden Durchbruch“.

Das Problem bei der Erforschung früher Hunde: Ihre Knochen sehen denen von Wölfen oft zum Verwechseln ähnlich. Gerade in der Zeit vor der Landwirtschaft lassen sich beide Arten anhand des Skeletts oft kaum sicher unterscheiden. Und aus Knochen allein wird eben auch nicht sichtbar, wie nah ein Tier dem Menschen schon stand.

„Wendepunkt in unserem Verständnis der frühesten Hunde“

In der Studie half deshalb die Genetik weiter. Die Forscher analysierten alte Kern-DNA aus den Funden und verglichen sie mit mehr als 1000 Genomen moderner und antiker Hunde und Wölfe. So konnten sie eindeutig zeigen, dass es sich bei den Tieren aus Gough’s Cave und Pınarbaşı tatsächlich um Hunde handelte.

Dr. William Marsh, Co-Erstautor der Studie, sagt in der Pressemitteilung der LMU: „Die genetische Identifizierung von zwei paläolithischen Hunden aus der Gough’s Cave und Pinarbasi stellt einen Wendepunkt in unserem Verständnis der frühesten Hunde dar.“ Weiter erklärt er: „Diese Exemplare ermöglichten es uns, weitere antike Hunde an Fundorten in Deutschland, Italien und der Schweiz zu identifizieren, was deutlich zeigt, dass Hunde bereits vor mindestens 14.000 Jahren weit über Europa und die Türkei verbreitet waren.“

Mit anderen Worten: Hunde waren damals offenbar keine regionale Besonderheit mehr, sondern bereits über weite Teile Westeurasiens verbreitet.

Hunde begleiteten uns wohl schon vor der Sesshaftigkeit

Genau das macht diese Ergebnisse so aufregend. Denn sie deuten darauf hin, dass die Geschichte von Mensch und Hund nicht erst mit den ersten Dörfern, Feldern und Viehställen begann. Sondern womöglich schon in einer Zeit, in der Menschen noch als Jäger und Sammler lebten.

Auch Dr. Lachie Scarsbrook von der LMU betont die Tragweite dieses Fundes. In der Pressemitteilung heißt es von ihm: „Das bedeutet, dass vor 15.000 Jahren bereits Hunde mit sehr unterschiedlicher Abstammung in ganz Eurasien existierten, von Somerset bis Sibirien. Dies wirft die Möglichkeit auf, dass die Domestizierung bereits während der letzten Eiszeit stattfand – mehr als 10.000 Jahre vor dem Erscheinen anderer domestizierter Pflanzen oder Tiere.“

Wenn das stimmt, dann wäre der Hund nicht nur das erste domestizierte Tier gewesen – sondern ein Gefährte des Menschen aus einer Zeit, in der unsere Vorfahren noch durch eiszeitliche Landschaften zogen.

Welche Rolle hatten diese frühen Hunde?

Noch ist nicht eindeutig geklärt, wofür Hunde in diesen frühen Gemeinschaften genau gebraucht wurden. Klar scheint aber: Wenn Menschen sie hielten, dann aus gutem Grund. Denn Ressourcen waren knapp, und Tiere mit durchzufüttern war sicher keine Nebensache.

Professor Laurent Frantz, Paläogenetiker an der LMU und einer der Leiter der Studie, sagt dazu: „Die Tatsache, dass Menschen Hunde so früh austauschten, bedeutet, dass diese Tiere wichtig gewesen sein müssen.“ Und weiter: „Angesichts begrenzter Ressourcen impliziert ihre Haltung, dass sie einen Zweck erfüllten. Eine Möglichkeit ist, dass sie als hocheffizientes Alarmsystem dienten.“ Das klingt fast erstaunlich modern: Der Hund nicht nur als Jagdpartner oder Helfer, sondern vielleicht auch schon als eine Art Frühwarnsystem am Lagerplatz? 1

Zweite Studie: Frühe Hunde waren genetisch schon erstaunlich vielfältig

Eine zweite, ebenfalls in „Nature“ veröffentlichte Studie geht noch einen Schritt weiter und schaut sich die genetische Geschichte früher Hunde in Europa im größeren Maßstab an. Dafür analysierte ein Team um Anders Bergström DNA aus 216 Überresten von hundeartigen Tieren, darunter zahlreiche Funde aus der Alt- und Mittelsteinzeit Europas.

Das Besondere daran: Die Forscher konnten 141 Proben sicher als Hund oder Wolf einordnen und so ein deutlich klareres Bild davon zeichnen, wie sich frühe Hundepopulationen entwickelt haben. Die älteste genetisch bestätigte Hundeprobe dieser Untersuchung stammt aus dem Schweizer Fundort Kesslerloch und ist rund 14.200 Jahre alt. Schon dieser Hund zeigt eine enge genetische Verbindung zu späteren und sogar heutigen Hunden.

Das widerspricht der früher diskutierten Vorstellung, dass sich europäische Hunde unabhängig von anderen Populationen entwickelt haben könnten. Stattdessen spricht vieles dafür, dass frühe Hunde bereits auf eine gemeinsame, ältere Ursprungsquelle zurückgehen.

Mehr zum Thema

Hunde als Konstante in steinzeitlicher Welt

Die Ergebnisse dieser zweiten Arbeit sind in mehrfacher Hinsicht spannend. Erstens zeigen sie, dass Hunde schon sehr früh genetisch klar von Wölfen getrennt waren. Zweitens war ihre genetische Vielfalt bereits reduziert – ein typisches Zeichen dafür, dass die Domestikation zu diesem Zeitpunkt schon länger im Gange gewesen sein muss.

Drittens wird deutlich, dass frühe europäische Hunde genetisch näher an ost-eurasischen Wölfen lagen als an europäischen. Auch das stützt die Annahme, dass die Ursprünge des Hundes nicht einfach lokal in Europa zu suchen sind.

Und viertens zeigt die Studie, dass die Ausbreitung der Landwirtschaft zwar neue genetische Einflüsse auf Hunde nach Europa brachte, die alten Linien aber nicht verdrängte. Während sich die menschlichen Populationen in Europa durch die Einwanderung früher Bauern stark veränderten, blieb bei Hunden ein großer Teil der früheren Abstammung erhalten.

Das ist ein faszinierender Befund. Denn er deutet darauf hin, dass Menschen zwar neue Lebensweisen, Techniken und Gene mitbrachten – bei Hunden aber offenbar oft auf die bereits vorhandenen lokalen Tiere setzten. 2

Was beide Studien zusammen bedeuten

Nimmt man beide Arbeiten zusammen, ergibt sich ein erstaunlich klares Bild: Hunde waren schon vor mindestens 14.000 bis 15.000 Jahren Teil menschlicher Gemeinschaften. Sie waren über weite Regionen verbreitet, genetisch keineswegs einheitlich und offenbar schon tief in den Alltag verschiedener Gruppen eingebunden.

Die Forschung kann damit zwar noch immer nicht exakt sagen, wo der Hund zum allerersten Mal domestiziert wurde. Aber sie zeigt immer deutlicher, dass dieser Prozess viel früher begann als lange sicher belegt war.

Und genau das ist vielleicht die schönste Erkenntnis daran: Die Geschichte des Hundes ist nicht einfach ein später Nebeneffekt der Zivilisation. Sie beginnt offenbar schon viel früher – in einer altsteinzeitlichen Welt aus Eis, Wanderungen und Jägern und Sammlern. Der Hund war also womöglich nicht erst Begleiter des sesshaften Menschen, sondern schon der Freund des nomadischen.

Quellen

  1. Marsh, W.A., Scarsbrook, L., Yüncü, E. et al. Dogs were widely distributed across western Eurasia during the Palaeolithic. Nature 651, 995–1003 (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10170-x ↩︎
  2. Bergström, A., Furtwängler, A., Johnston, S. et al. Genomic history of early dogs in Europe. Nature 651, 986–994 (2026). https://doi.org/10.1038/s41586-026-10112-7 ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.