18. November 2025, 6:07 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
Wie viel Einfluss hatte der Mensch wirklich auf die enorme Vielfalt heutiger Hunderassen? Eine Analyse von Hundeschädeln aus den letzten 50.000 Jahren bringt überraschende Erkenntnisse ans Licht: Schon vor 11.000 Jahren – lange vor dem bisher angenommenen Beginn gezielter Zucht – gab es eine verblüffend große Bandbreite an Hundeformen. Eine weitere Studie fand außerdem diverse Unterschiede bei den Tieren und wohl auch den Beginn mehrerer Abstammungslinien der ersten Rassen. Die Ergebnisse fordern lange gültige Annahmen über die Evolution des Hundes heraus – mit Folgen für unser Bild vom „besten Freund des Menschen“.
Gab es auch in der Steinzeit schon diverse Hunderassen?
Die Domestikation des Hundes gilt als eine der frühesten Mensch-Tier-Beziehungen überhaupt. Lange Zeit nahm man an, dass sich die große körperliche Vielfalt heutiger Hunderassen – vom Chihuahua bis zur Deutschen Dogge – erst durch selektive Züchtung im viktorianischen Zeitalter (1837 bis 1901) in England entwickelt habe.
Frühe Hunde wurden als relativ einheitlich in Körperbau und Aussehen angesehen. Praktisch wie Wölfe, die sich zwar auf dem Weg zur Domestizierung befanden, aber noch wie Wildtiere aussahen. Doch genetische und archäologische Funde zeigen ein komplexeres Bild: Während genetische Daten die ersten Haushunde vor rund 11.000 Jahren datieren, gibt es archäologische Hinweise auf domestizierte Hunde aus Sibirien, die bis zu 33.000 Jahre alt sein könnten.
Haben wir die Evolution des Hundes falsch gedacht?
Die Studie wurde von Audrey Evin und ihrem internationalen Forschungsteam an der Universität Toulouse durchgeführt. Im Wissenschaftsmagazin „Science“ (Bd. 390, S. 741, 2025) wurden die Ergebnisse über die physische Vielfalt von Hunden über Zehntausende Jahre veröffentlicht. Die genaue Unterscheidung zwischen frühen Hunden und Wölfen ist oft schwierig. Denn viele Überreste sind bruchstückhaft und ähneln sich äußerlich stark. Hier setzt die Studie von Evin et al. an. Die Forscher haben versucht, mit präziseren Analysen als zuvor durchgeführt wurden, Licht ins Dunkel zu bringen.
Dazu bedienten sie sich dreidimensionaler morphometrischer Verfahren. Sie analysierten insgesamt 643 Schädel von wildlebenden und domestizierten Caniden (Hundeartigen) aus den letzten 50.000 Jahren. Die genutzte Methode basiert auf der genauen Vermessung feiner Formunterschiede mithilfe von 3D-Scans oder Fotogrammetrie.
Ziel war es, Unterschiede in der Schädelform systematisch zu erfassen und zu vergleichen. Dabei nutzten die Forscher multivariate statistische Verfahren, um signifikante Unterschiede zu identifizieren. Die Analyse berücksichtigte sowohl geografisch als auch zeitlich breit gestreute Proben.
Frühe Hunde unterlagen natürlichem Selektionsdruck
Die Ergebnisse zeigen, dass bereits vor rund 11.000 Jahren eine deutlich erkennbare hundetypische Schädelform existierte – was noch mit bisherigen genetischen Analysen übereinstimmt. Überraschend war jedoch der hohe Grad an morphologischer Vielfalt innerhalb der früh identifizierten Haushunde.
Zudem zeigte sich, dass auch pleistozäne Wölfe – also Wölfe aus der letzten Eiszeit – eine größere körperliche Vielfalt aufwiesen als heutige. Diese Vielfalt könnte sich auf ihre Nachkommen, die ersten Haushunde, übertragen haben. Die Forscher vermuten daher, dass Umweltfaktoren wie Klima oder Ressourcenverfügbarkeit eine größere Rolle in der frühen Hundeentwicklung gespielt haben könnten als der menschliche Einfluss.
Die große Bandbreite heutiger Hundeformen ist also nicht ausschließlich Ergebnis menschlicher Zucht, sondern möglicherweise auch ein Erbe der Vielfalt ihrer wilden Vorfahren. Dies verändert auch das Verständnis der Mensch-Tier-Beziehung. Hunde könnten sich weniger durch menschliche Einflussnahme verändert haben, als vielmehr durch eine Kombination aus Umwelteinflüssen, geografischer Streuung und natürlicher Anpassung. 1
Alte Hunde-DNA entschlüsselt Migrationsverhalten früher Menschen
Ein weiteres internationales Forschungsteam unter Leitung von Shao-Jie Zhang (Chinese Academy of Sciences) hat gemeinsam mit über 40 weiteren Fachleuten die bisher umfangreichste Analyse alter Hundegenome aus dem späten Pleistozän und Holozän durchgeführt. Die Ergebnisse wurden ebenfalls in der Fachzeitschrift „Science“ veröffentlicht.
Die genetische Auswertung von 73 antiken Hunden, darunter 17 neu sequenzierte Proben, reichte von Ostasien bis zur westlichen eurasischen Steppe. Dabei zeigt sich erstmals im Detail: Die genetische Evolution des Hundes verlief weitgehend parallel zur Ausbreitung menschlicher Kulturen – von Jägern und Sammlern bis hin zu sesshaften Viehzüchtern.
Schon vor rund 20.000 Jahren entwickelten sich laut Genanalysen vier Hauptlinien von Hunden – jeweils in Ostasien, der Arktis, Europa und dem Nahen Osten. Wo genau diese Linien entstanden und wie sie sich über die Kontinente verbreiteten, ist jedoch noch nicht abschließend geklärt. Die Studie liefert nun jedoch neue Hinweise.
Hundemigration spiegelt Menschengeschichte
Die genetischen Daten der Hunde zeigen, dass sich ihre Abstammungslinien im Laufe der Zeit mehrfach verschoben. Zudem liefen sie oft parallel zu den Wanderungsbewegungen der Menschengruppen. Für die Forscher ist das ein klarer Hinweis darauf, dass Menschen ihre Hunde nicht nur hielten, sondern sie aktiv auf ihren Wanderungen mitnahmen.
„Wir sehen, dass sich die genetischen Signaturen der Hunde verändern, sobald neue kulturelle Gruppen in eine Region vordringen“, so das Team in der Untersuchung. Diese Bewegungen lassen sich genetisch klar zuordnen und verlaufen in auffälligem Gleichklang mit der Ausbreitung menschlicher Populationen.
Doch es gibt auch Ausnahmen: So zeigen Hunde aus den östlichen Regionen ein deutlich anderes genetisches Profil als die dort lebenden Menschen. Obwohl die Menschen dort eng mit westlichen Eurasiern verwandt waren, stammten ihre Hunde aus einer eher östlichen, arktischen Linie.
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Hunde als „biokulturelle Pakete“
Diese Diskrepanz legt nahe, dass Hunde nicht nur Begleiter, sondern auch Handelsgüter oder kulturelle Brücken zwischen verschiedenen Gruppen gewesen sein könnten. Möglicherweise tauschten Menschen ihre Tiere gezielt aus oder übernahmen Hunde von anderen Gemeinschaften.
Besonders interessant ist dabei eine These, die Zhang und sein Team formulieren: „Die Arbeit zeigt, dass Hunde in Ost-Eurasien vor Tausenden Jahren eine unverzichtbare Rolle in den Gesellschaften spielten – als essenzielle ‚biokulturelle Pakete‘, die mit den Menschen reisten.“
Die Tiere fungieren also durch ihre DNA als biologische Archive, in denen sich Handelsnetzwerke, kulturelle Entwicklungen und Umweltveränderungen widerspiegeln. Hunde seien demnach nicht erst nach Ankunft in einer neuen Region angeschafft worden, sondern begleiteten ihre Halter direkt auf deren Migrationswegen – oft über Hunderte oder Tausende Kilometer. 2
Fazit
Die Studienergebnisse beider Untersuchungen verdeutlichen: Die jahrtausendealte Beziehung zwischen Mensch und Hund war deutlich komplexer und tiefgreifender als bislang angenommen. Die Evolution des Hundes war kein einseitiger Prozess der Zucht, sondern ein Zusammenspiel aus Natur, Kultur und Migration. Künftige Untersuchungen könnten helfen, besser zu verstehen, wie sich Hunde an unterschiedliche Umweltbedingungen angepasst haben. Außerdem könnten sie zeigen, wie eng ihr Schicksal (und ihre Zucht) mit dem der Menschen verknüpft war.
