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Hundetrainerin erklärt

Warum viele Hunde im Herbst Angst beim Gassigehen haben

Hund im Dunkeln
Einige Hunde haben Angst im Dunkeln. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt Ihnen, was Sie dagegen tun können. Foto: Getty Images
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17. November 2025, 10:39 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Wenn die Tage kürzer werden, kommt für viele Hunde plötzlich die schwierigste Zeit des Jahres: Herbst. Was für uns kein Problem darstellt, kann bei sensiblen Vierbeinern echte Angstzustände auslösen: die frühe Dunkelheit. Hundetrainerin Katharina Marioth erklärt, warum manche Hunde deswegen Angst haben, im Herbst Gassi zu gehen und wie Sie mit Training, Routine und dem richtigen Futter helfen können. 

Warum Hunde im Herbst Angst beim Spazierengehen entwickeln 

Der Hund bleibt im Herbst abends plötzlich stehen, zieht an der Leine oder möchte gar nicht mehr raus? Da steckt oft mehr dahinter als nur „keine Lust auf Gassi“. Hunde sehen zwar bei Dämmerung besser als wir, aber Dunkelheit verändert die Umwelt – Geräusche hallen anders, Gerüche sind intensiver, Bewegungen wirken bedrohlicher. Besonders sensible, unsichere oder junge Hunde reagieren darauf mit Stress. Dafür gibt es einige Gründe.

Häufige Ursachen

  • Schlechte Erfahrung bei Dunkelheit: etwa einen Knall, ein Fahrrad, eine fremde Person
  • Mangelnde Routine: der Hund kennt das abendliche Gassi nicht oder selten
  • Sehschwäche: ältere Hunde oder genetisch bedingte Nachtblindheit
  • Überforderung: viele Reize, wenig Orientierung, schlechte Beleuchtung
  • Verstärkung durch Halter: Wenn Sie selbst angespannt sind, merkt Ihr Hund das 

Tipp: Achten Sie auf Körpersprache. Wenn Ihr Hund stockt, gähnt, die Rute senkt oder sich duckt, ist das kein Ungehorsam – sondern Unsicherheit.

Erste Hilfe: Sicherheit und Orientierung geben 

Ziel ist, dass Ihr Hund die Dunkelheit als vorhersehbar und kontrollierbar erlebt. Dazu gehören eine ruhige, planbare Routine und klare Orientierung an Ihnen. Hier erfahren Sie, wie Sie Ihrem Hund mehr Sicherheit und Orientierung bieten können.

1. Beleuchtung anpassen 

Nutzen Sie Halsband- oder Geschirrlichter mit warmem, konstantem Licht: kein Blinken – das kann irritieren. Statten Sie sich mit einer Kopf- oder Taschenlampe aus. Wenn Sie wissen, wo Sie hintreten, wirkt das sicherer. Halten Sie sich an bekannte Wege mit Straßenbeleuchtung, bis Ihr Hund mehr Vertrauen hat.

2. Sicherheitsgefühl über Stimme und Körpersprache

Sprechen Sie ruhig, nicht übermäßig tröstend („Ist ja nicht schlimm …“), sondern souverän. Bewegen Sie sich langsam und bestimmt. Wenn Sie innehalten, stehen Sie stabil – das gibt Orientierung.

3. Routinen aufbauen 

Starten Sie vorerst jeden Abend zur gleichen Zeit mit Ihrem Spaziergang. Beginnen Sie mit einer kurzen Strecke, die Sie schrittweise erweitern. Beenden Sie das Gassi mit einem bekannten, angenehmen Ritual.

Wie Training Schritt für Schritt mehr Sicherheit gibt

Wenn Ihr Hund stark reagiert, hilft ein gezieltes Desensibilisierungs-Training. Das bedeutet: Sie gewöhnen ihn langsam an das, was ihm Angst macht – ohne Überforderung. 

Phase 1 – Wohlfühlbasis schaffen 

Trainieren Sie zunächst in der Dämmerung, wenn es noch Restlicht gibt. Wählen Sie dafür vertraute Orte. Belohnen Sie ruhiges Verhalten mit Futter oder Lob, sobald Ihr Hund aufmerksam, aber entspannt bleibt.

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Phase 2 – Dunkelheit schrittweise steigern

Verlegen Sie die Spaziergänge alle paar Tage 10–15 Minuten später, bis Sie beide in der Dunkelheit ankommen. Bleiben Sie ruhig und versuchen Sie, Stressquellen zu meiden, wie Hauptstraßen, spielende Kinder, Fahrräder.

Phase 3 – Sicherheit über Training 

Üben Sie Übungssignale:

  • „Schau“ – Blickkontakt zu Ihnen
  • „Weiter“ – sanfte Bewegungssignale
  • „Zurück“ oder „zu mir“ – fördert Bindung und Vertrauen 

Phase 4 – Dunkelheit mit Positivem verknüpfen

Jedes Mal, wenn es dunkel ist, passiert etwas Schönes: Leckerli, Spiel oder gemeinsames Kuscheln danach. So verknüpft Ihr Hund Dunkelheit mit Belohnung statt mit Angst.

Übungssignale richtig trainieren

Übungssignale müssen erprobt und antrainiert werden. Mit einem geeigneten Trainingsplan kann das gut gelingen.

1. „Schau“

Hier soll Ihr Hund lernen, bei Unsicherheit oder Reizwahrnehmung Sie anzuschauen, statt sich auf das „Gefährliche“ zu fixieren. So bauen Sie am besten das Training auf: Starten Sie in einer ruhigen Umgebung. Halten Sie ein Leckerli auf Augenhöhe und sagen Sie freundlich: „Schau.“ Sobald Ihr Hund Sie ansieht, sagen Sie ein Markerwort oder benutzen den Klicker und eine Belohnung.

Anschließend wird das Leckerli langsam abgebaut. Sagen Sie „Schau“, ohne etwas in der Hand zu halten. Wenn Ihr Hund von sich aus Blickkontakt aufnimmt, belohnen Sie sofort. Dann können Sie anfangen, Ablenkungsfaktoren zu steigern. Dafür üben Sie am besten im Garten, dann bei Dämmerung auf dem Weg, später in dunkleren Situationen. Wenn Ihr Hund Sie anschaut, bevor er nervös wird – Jackpot! Achten Sie darauf, nicht zu lange Blickkontakte zu verlangen. Ein bis zwei Sekunden ruhiger Kontakt reichen völlig, um Sicherheit zu signalisieren.

2. „Weiter“

Dabei soll Ihr Hund lernen, sich an Ihrer Bewegung zu orientieren, statt in Unsicherheit zu verharren oder zu blockieren. Dieses Signal ist ideal, wenn Ihr Hund dazu neigt, im Dunkeln plötzlich stehenzubleiben oder zu stocken. Beginnen Sie hierfür im Hellen und sagen Sie freundlich „Weiter“, machen Sie selbst einen halben Schritt vorwärts. Wenn Ihr Hund mitgeht, loben Sie ihn. Unterstützen Sie Ihr Signal mit einer sanften Armbewegung in Laufrichtung. 
Dabei sollte kein Zug an der Leine entstehen, sondern Sie leiten über Ihre Körpersprache.

Üben Sie an „kritischen Stellen“, zum Beispiel an dunklen Hausecken oder bei unbekannten Geräuschen. Sagen Sie dann frühzeitig „Weiter“, bevor Ihr Hund einfriert. Bleiben Sie ruhig in Ihrem Tempo. Wenn Sie selbst sicher laufen, übernimmt Ihr Hund Ihre Energie.

 3. „Zu mir“

Der Hund soll auf Signal zu Ihnen kommen, sich Ihnen anschließen und dadurch Schutz und Vertrauen erfahren. Das Signal fangen Sie am besten so an zu trainieren: Rufen Sie Ihren Hund freundlich: „Zu mir!“ – Öffnen Sie leicht seitlich Ihre Körperhaltung und gehen Sie einen Schritt rückwärts. Wenn der Hund zu Ihnen kommt, belohnen Sie ihn in Ihrer Nähe, nicht auf Distanz. Je angenehmer Ihr Umfeld ist, desto lieber sucht er bei Unsicherheit Schutz bei Ihnen.

Danach gehen Sie über zum Spazieren: Sagen Sie „Zu mir“ und gehen ein paar Meter gemeinsam nebeneinander weiter. Kein abruptes Stoppen – so lernt Ihr Hund, in Bewegung bei Ihnen Sicherheit zu finden. Verknüpfen Sie abschließend „Zu mir“ immer mit etwas Positivem. Nie als Korrektur („Jetzt komm endlich her!“), sonst verliert das Signal Vertrauen. 

Tipp: Aus den Signalen können Sie Kombinationsübungen machen. Das bietet sich auch als kleine Abendroutine an: Starten Sie mit „Schau“ – kurzer Blickkontakt. Dann „Weiter“ – gemeinsam vorwärts. Schließen Sie mit „Zu mir“ – Nähe & Sicherheit. So entsteht ein Ritual, das dein Hund versteht: „Ich orientiere mich an meinem Menschen – er führt mich sicher durch die Dunkelheit.“

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Ernährung und Nährstoffe können unterstützen

Auch das Nervensystem Ihres Hundes kann durch die richtige Ernährung unterstützt werden.

1. B-Vitamine & Magnesium 

Fördern die Reizverarbeitung im Nervensystem und können stressbedingte Unruhe mildern. 
– Enthalten in: Lachs, Eigelb, Haferflocken, Bierhefe (in moderaten Mengen) 

2. Tryptophan 

Aminosäure, die der Körper für die Serotoninproduktion nutzt – das „Wohlfühlhormon“. Enthalten ist es in Hirse, Pute, Lachs, Banane und Hüttenkäse. Allerdings ist Tryptophan nur in Kombination mit Kohlenhydraten im Hundeorganismus sinnvoll verwertbar.

3. Omega-3-Fettsäuren 

Reduzieren Entzündungen und fördern die Hirnfunktion – besonders bei älteren oder nervösen Hunden hilfreich. 

Nahrungsergänzungen oder Kräuter wie Passionsblume, Baldrian und Hanf sollten immer mit dem Tierarzt oder einem Ernährungsberater abgestimmt werden. Wenn Ihr Hund panisch wird, hechelt, flieht oder gar Aggressionsverhalten zeigt, sollten Sie einen erfahrenen Hundetrainer oder Verhaltensberater hinzuziehen. Er kann ein individuelles Trainingskonzept erstellen – eventuell auch in Kombination mit einer tierärztlichen Abklärung.

Vertrauen ist der beste Lichtschalter

Angst im Dunkeln ist keine Schwäche – sondern eine Reaktion auf Unsicherheit. 
Mit Geduld, klaren Routinen, passender Ernährung und ruhigem Training können Sie Ihrem Hund beibringen, dass es bei Ihnen auch im Dunkeln sicher ist.

Zur Autorin

Katharina Marioth ist Gründerin der Marke Stadthundetraining und des KEML-Prinzips. Sie ist IHK- und behördlich-zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensgutachterin für gefährliche Hunde des Landes Berlin. In ihrem Daily Business arbeitet sie eng mit Veterinären, Wissenschaftlern und anderen Spezialisten zum Thema Hund zusammen. Mit Ihrem Wissen und Können konnte sie sich in der Sat.1-Sendung „Der Hundetrainer-Champion“ den Titel der Hundetrainerin des Jahres 2023 sichern.

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