6. November 2026, 12:14 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Als Kerstin Kleinschmidt mit ihrem Rollstuhl in einem Hundeauslaufgebiet stürzt, ist Assistenzhündin Sophie gerade im Freilauf. Doch statt davonzulaufen, bleibt sie ohne Kommando an Kerstins Seite, bis Spaziergänger ihr aufhelfen. Ein Moment, der zeigt, wie eng die beiden nach vielen gemeinsamen Jahren verbunden sind. Sophie erleichtert Kerstin den Alltag, hebt Gegenstände auf, öffnet Türen und schenkt ihr mehr Selbstständigkeit. Doch nun steht eine große Veränderung bevor: Im Dezember wird Sophie 13 Jahre alt und geht somit in den Ruhestand. PETBOOK erzählt die berührend schöne Geschichte, wie Sophie mehr als nur eine Assistenzhündin für Kerstin wurde.
Sophie schlief bei der ersten Begegnung auf ihrem Arm ein
Kerstin sitzt seit ihrer Geburt im Rollstuhl. Sie kam mit sieben Monaten als Frühgeburt zur Welt und erlitt einen Sauerstoffmangel sowie einen atrophischen Muskelabbau in den Beinen. Sie kann nicht laufen und sich aufgrund starker Rückenschmerzen auch nicht mehr bücken. Viele alltägliche Handgriffe sind deshalb ohne Unterstützung schwierig oder gar nicht möglich.
Genau hier kommt Sophie ins Spiel. Doch bevor aus ihr eine Assistenzhündin wurde, war sie zunächst ein kleiner Welpe, der Kerstin bei der ersten Begegnung sofort überraschte. Sophie war die Letzte ihres Wurfes und wurde von der Züchterin zu Kerstin nach Hause gebracht. „Ich war sehr aufgeregt bei unserer ersten Begegnung und Sophie war sehr gelassen“, erinnert sich Kerstin. Die junge Hündin kuschelte sich sofort auf ihren Arm und schlief dort ein. Schon damals erkannte Kerstins Hundetrainerin bei einigen Tests das Potenzial der Hündin und vermutete, dass Sophie sich später gut als Assistenzhündin eignen könnte.
Sophie lernte weit mehr als Sitz und Platz
Kerstin bildete Sophie gemeinsam mit einer Trainerin selbst aus. Zunächst musste die Hündin lernen, zuverlässig auf der linken Seite des Rollstuhls zu laufen. Dazu kamen die Grundlagen wie Sitz, Platz und Bleib.
Später wurde es anspruchsvoller: Sophie lernte, heruntergefallene Gegenstände direkt in Kerstins Hand zu apportieren, die Waschmaschine auszuräumen, Türen zu öffnen und ihr in Bus und Bahn einen geeigneten Platz zu suchen. An Kassen oder im Gedränge schirmt sie den Rollstuhl ab, damit andere Menschen Kerstin nicht zu nahekommen.
Vor allem das Apportieren ist für Kerstin entscheidend. Denn was für andere nur bedeutet, sich kurz zu bücken, ist für sie nicht ohne Weiteres möglich. Und dafür braucht die Hündin längst nicht immer ein Kommando. Häufig merkt sie selbst, wann ihre Hilfe gefragt ist.
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Beim Sturz blieb Sophie freiwillig bei Kerstin
Wie sehr Sophie auf ihre Halterin achtet, zeigte sich besonders eindrücklich bei einem Spaziergang. Auf einem unebenen Weg in einem Hundeauslaufgebiet kippte Kerstin mit ihrem Rollstuhl um. Sophie war zu diesem Zeitpunkt nicht angeleint. Trotzdem lief sie nicht davon. Sie blieb freiwillig bei Kerstin und wartete an ihrer Seite, bis Spaziergänger kamen und ihr gemeinsam mit dem Rollstuhl wieder aufhalfen.
Dass Sophie in solchen Situationen sofort da ist, passt zu ihrem Wesen. „Sophie ist sehr klug und Wiederholungen mag sie nicht so sehr. Sie ist immer fröhlich und manchmal hat sie ihren eigenen Kopf. Wenn ich jedoch schnell Unterstützung brauche, spürt sie das und kommt sofort“, beschreibt Kerstin ihre Hündin gegenüber PETBOOK.
Durch Sophie sehen Menschen zuerst den Hund
Sophie öffnet für Kerstin nicht nur echte Türen. Die Hündin ist auch auf eine andere Weise zum Türöffner geworden: „Menschen begegnen mir offener und wir sprechen über den Hund, nicht über meine körperlichen Einschränkungen.“
Während Kerstin ohne Sophie häufig zuerst als Frau im Rollstuhl wahrgenommen wird, liefert die Hündin einen ganz anderen Gesprächseinstieg. Plötzlich geht es um Sophie, ihr Wesen und ihre Arbeit. Dabei ist die mittlerweile fast 13-Jährige natürlich nicht rund um die Uhr Assistenzhündin. Wenn sie frei hat, darf sie einfach Hund sein. Dann liebt Sophie es, zu toben, spazieren zu gehen, Tricks zu zeigen und ausgiebig zu kuscheln.
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Jetzt beginnt für Sophie ein neuer Lebensabschnitt
Im Dezember wird Sophie stolze 13 Jahre alt. Damit endet ihre Zeit als Assistenzhündin. Der Abschied von Sophies Arbeit fällt Kerstin schwer: „Sophies Ruhestand zeigt mir, dass wir gemeinsam älter geworden sind und dass ohne sie meine Selbstständigkeit sehr eingeschränkt wäre und ich eventuell irgendwann auf menschliche Unterstützung angewiesen wäre. Und es macht mich traurig, weil es irgendwann, wenn Sophie stirbt, Abschied nehmen heißt und ich brauche einen Nachfolger damit ich nicht auf fremde Hilfe angewiesen bin im Alltag.“
Für Sophie selbst bedeutet der Ruhestand allerdings keinen Abschied von Kerstin. Sie darf bis an ihr Lebensende bei ihr bleiben und künftig einfach nur Hund sein.
Ruhestand des Assistenzhundes
Ein Assistenzhund geht meist mit Erreichen der Altersgrenze von 10 Jahren oder aus gesundheitlichen Gründen in Rente. Damit erlischt das offizielle Zertifikat, wodurch alle Sonderrechte wie die erweiterten Zutrittsrechte (z. B. in Supermärkte) und die Befreiung von der Leinenpflicht komplett wegfallen; er wird rechtlich zum normalen Haustier.
Eine aktive behördliche Kontrolle im Alltag gibt es zwar nicht, allerdings sind der offizielle Ausweis und die Kenndecke streng befristet. Wer den Hund länger im Dienst nutzen möchte, muss proaktiv eine Verlängerung (maximal bis zum 12. Lebensjahr) beantragen und dafür ein tierärztliches Tauglichkeitsattest vorlegen – ohne gültigen Ausweis wird der Zutritt in Geschäften verweigert.
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Nicht jeder Assistenzhund kann nach der Rente bleiben
Dass Sophie ihren Lebensabend in ihrem vertrauten Zuhause verbringen kann, ist für Kerstin besonders wichtig. Denn nicht jeder ehemalige Assistenz- oder Diensthund kann nach dem Ende seiner Arbeit bei seinem Menschen bleiben. „Blindenhunde, die nach ihrer Dienstzeit in Rente gehen und nicht beim Halter*Innen bleiben können kommen in Pflege- bzw. Patenfamilien“, erklärt Kerstin.
Sie und eine Freundin träumen deswegen von einem Inklusionswohnhof, auf dem Menschen mit und ohne Behinderung gemeinsam mit ihren Hunden leben und arbeiten können. Auch ältere Assistenz- und Diensthunde sollen dort einen Platz finden können. Außerdem ist eine Wohngemeinschaft für Menschen mit lebensverkürzenden Erkrankungen Teil der Idee.
Dahinter steckt auch etwas, das Kerstin in all den Jahren mit Sophie erfahren hat: Hunde können den Alltag nicht nur erleichtern. Sie können verändern, wie Menschen miteinander in Kontakt kommen und daran erinnern, mehr im Hier und Jetzt zu leben.
„Ich hoffe, sie bleibt noch ganz lange an meiner Seite“
Für Kerstin steht nun die Suche nach einem Nachfolger für Sophie an. Denn ohne Assistenzhund wäre ihre Selbstständigkeit im Alltag deutlich eingeschränkt. Sophie dagegen darf sich auf einen neuen Lebensabschnitt freuen: ohne Arbeit, aber weiterhin an Kerstins Seite.
Nach all den gemeinsamen Jahren bleibt vor allem Dankbarkeit. Auf die Frage, was sie Sophie sagen würde, wenn die Hündin jedes Wort verstehen könnte, antwortet Kerstin: „Ich sage ihr danke für die tolle Zeit mit ihr und dass ich hoffe, sie bleibt noch ganz lange an meiner Seite und dass ich sie für immer liebe.“