11. Februar 2026, 17:31 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Nach „Puppy Yoga“, bei dem echte Welpen über die Matten tapsen, kommt jetzt „Snake Yoga“. Und das ist genau das, wonach es klingt: Yoga mit Schlangen, die nicht nur über die Matte, sondern auch um Arme, Hälse und Beine der Teilnehmer schlängeln. Was es mit dem Trend auf sich hat und ob das auch für die Schlangen Tiefenentspannung bedeutet, erklärt PETBOOK-Redakteurin und Biologin Saskia Schneider.
Warum Yoga mit Schlangen?
Yoga mit Hundewelpen, Kätzchen und sogar Ziegen – während dieser Gedanke noch vielen einleuchtet, weil niedlich, kuschelig und lustig, dürfte der neueste Trend den meisten wohl eher einen Schauer über den Rücken jagen: Yoga mit Schlangen.
Die Idee dahinter ist, Leuten eine ganz besondere Art der Verbindung zu diesen Reptilien zu ermöglichen, die bisher einfach noch nicht die Gelegenheit hatten, diese wunderbaren Tiere kennenzulernen, wie Schlangen-Yoga-Lehrerin Katy Vanek in einem Instagram-Reel von theorigonian erklärt. Denn dass viele keine Schlangen mögen, liege vor allem daran, dass die meisten Leute Schlangen missverstehen.
Und wenn Sie sich jetzt schon im herabschauenden Hund mit einer Boa um den Hals sehen, muss ich Sie enttäuschen: Den Spaß gibt es bisher nur in Oregon oder Kalifornien, wo auch das Lxryoga-Studio in Costa Mesa Yoga mit Schlangen anbietet.1
Vor allem Pythons schlängeln sich die Teilnehmer
Während die Yogaschüler in den Kursen wahrscheinlich aus den ganzen USA anreisen, werden die Schlangen von einem Reptilienshop in Portland, Oregon, zur Verfügung gestellt, der den passenden Namen „Hiss“ (die englische Bezeichnung für das Fauchgeräusch mancher Schlangenarten) trägt.
Dabei schlängeln sich vor allem Pythons um Hälse, Beine und Arme der Teilnehmer. Aber ein paar andere Reptilien wie Bartagamen sind gelegentlich auch dabei, wie Dru Morales, Inhaber von Hiss, erklärt. „Viele Leute kommen hierhin, um ihre Angst vor Schlangen zu bewältigen“, sagt er.
Schlangen als beruhigende Komponente
Daneben wirken Schlangen durch ihre Art scheinbar beruhigend auf viele der Teilnehmer – zumindest laut den Erfahrungen der Yoga-Lehrer und Reptilienexperten. Viele Leute würden sich sogar Schlangen als „Emotional Support Animals“ halten – also Tiere, die ihre Menschen emotional in schwierigen Situationen unterstützen. Normalerweise erledigen Hunde, Katzen oder – wenn es ganz exotisch wird – Ponys diesen Job. Aber Schlangen?
Expertin Evy Hall gibt im Video dazu folgende Erklärung: Für viele würde es sich anfühlen, als ob Schlangen einem eine Umarmung geben, wenn sie sich um einen schlingen. Hall bezeichnet sich selbst als „Wildlife Educator“, also jemand, der über Wildtiere, ihren Erhalt sowie ihr Leben in Gefangenschaft aufklärt.
Verhaltensbiologisch ist es extrem fragwürdig, ob Schlangen zu ihren Besitzern eine emotionale Bindung aufbauen können. Zumindest scheinen sich die Teilnehmer aber mit den Reptilien verbunden zu fühlen, wenn diese von Arm zu Arm schlängeln oder über die Matten kriechen. Die ruhigen und gezielten Bewegungen passen gut zur Yoga-Atmosphäre und das Ganze scheint für viele Teilnehmer eine tolle Erfahrung zu sein – aber wie sieht das für die Schlangen aus?
Tiere wirken äußerlich gesund
Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bezweifle nicht, dass es den Tieren an sich gut geht. Die Schlangen auf den Aufnahmen wirken gesund und in einem guten Allgemeinzustand. Laut Inhaber Dru Morales findet jegliche Interaktion mit den Tieren freiwillig und unter der Aufsicht von Experten statt. Es ist also unwahrscheinlich, dass Teilnehmer in Panik geraten und die Tiere dabei unfreiwillig verletzen.
So gemütlich, wie sich die Schlangen beim Yoga bewegen, ist zudem davon auszugehen, dass sie zuvor gut gefüttert worden sind und die Experten hier genau wissen, was sie tun. Aber es muss hinterfragt werden, wie sinnvoll die Aktion für die Schlangen selbst ist.
Genießen die Schlangen die Berührung der Teilnehmer?
Haustiere wie Hunde und Katzen lieben es oft, gestreichelt zu werden. Das ist sogar wissenschaftlich bestätigt, denn bei der körperlichen Berührung werden sogenannte Glückshormone freigesetzt. Aber wie ist das bei Schlangen? Als Reptilien gehören sie nicht gerade zu den Tieren, die Berührungen genießen – zumindest nicht instinktiv.2
In der Natur bedeutet Berührung für eine Schlange vor allem eins: „Etwas greift mich an.“ Die Tiere haben also kein natürliches Bedürfnis nach „physischer Interaktion“, so wie wir es von manchen Säugetieren kennen. Aber sie können sich durchaus an das Anfassen und Handling gewöhnen. Dabei geht es aber vor allem um das Halten oder Tragen der Tiere – nicht, um Greifen oder Streicheln. Das ist auch beim Yoga mit Schlangen der Fall.
„Schlangen lieben es, ihre Umwelt zu erkunden“
Schlangen können definitiv fühlen, wenn wir sie berühren. Dabei genießen sie wahrscheinlich vor allem die Wärme unserer Haut, weniger die Berührung an sich. Denn im Vergleich zu Säugetieren werden physische Reize bei Reptilien anders verarbeitet. Zumindest sind bisher keine neuronalen Verbindungen bei Reptilien bekannt, die Berührung mit Zuneigung oder sozialen Bindungen assoziieren. Stattdessen reagieren sie auf physische Reize primär instinktiv – etwa mit Flucht oder Angriff.3
Wenn sich eine Schlange beim Anfassen und Halten also sehr ruhig verhält, kann man davon ausgehen, dass sie die Berührungen einfach toleriert, während sie entweder auf dem Arm des Menschen entspannt oder neues Terrain erkundet. „Schlangen lieben es, ihre Umwelt zu erkunden und sich um etwas zu wickeln“, erklärt auch Evy Hall im Video. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass die Tiere es „toll finden“, Teil einer Yoga-Klasse zu sein.
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Mit Nattern würde das Ganze wahrscheinlich weniger gut funktionieren
Denn es kann Schlangen extrem unter Stress versetzen, wenn man sie aus ihrer gewohnten Umgebung entfernt und in unbekanntes Terrain setzt. Wie genau das Yoga mit Schlangen abläuft, lässt sich durch ein einziges Video natürlich nicht beurteilen. Gehen wir aber davon aus, dass der Yogakurs direkt im Laden stattfindet und die Schlangen freiwillig das Terrain und die sich verrenkenden Teilnehmer erkunden dürfen, könnte man das fast schon als „Bereicherung“ im Alltag der Reptilien werten.
Dabei kommt es aber auch stark auf den individuellen Charakter der Tiere und die Schlangenart an. Vor allem Pythons eignen sich für Interaktionen mit dem Menschen, da sie eher zu den ruhigeren Arten gehören. Mit Nattern würde das Ganze wahrscheinlich weniger gut funktionieren, da diese Arten in der Regel sehr viel wuseliger unterwegs sind und eher zur Flucht neigen. Zumindest ist das meine Erfahrung.
Wie sicher ist Yoga mit Schlangen?
Neben dem ethischen Gesichtspunkt sehe ich aber noch eine andere Gefahr: die Sicherheit. Nicht die der Teilnehmer – es sei denn, jemand kommt auf die Idee, Schlangen-Yoga demnächst mit Kobras anzubieten oder dafür statt kleiner Exemplare sechs Meter lange Pythons oder Boas zu verwenden. Mir geht es vielmehr um die Sicherheit der Reptilien. Denn beim Yoga verliert man schnell mal die Balance.
Jeder, der zu Hause mit tierischen Gästen wie Hund oder Katze auf der Yogamatte trainiert, weiß, wie schnell dabei Unfälle passieren können. Ich selbst hätte meine Hündin als Welpe fast getreten, als ich das Gleichgewicht beim „Tänzer“ verlor, und sie lag nicht mal auf, sondern nur in der Nähe der Matte.
Alles passiert dabei so schnell, dass selbst Schlangenexperten in der Nähe kaum eine Chance hätten, ihre Tiere aus der Gefahrenzone zu bringen. Ganz zu schweigen von der Schlange selbst. Allein aus diesem Grund würde ich Yoga mit Schlangen ablehnen. Aber hier geht es eben nicht primär um die Tiere, wie mehrfach im Video klar wird: Es geht um die Menschen und ihre Erfahrung. Für mich fällt Yoga mit Schlangen daher in dieselbe Kategorie wie Fotos mit den Tieren zu machen oder sie zu „Lehrzwecken“ als Streicheltiere in Reptilienshows vorzuführen.