Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Neues aus Wissenschaft und Forschung Alle Themen
Beobachtung in British Columbia

Benutzen auch Wölfe Werkzeuge? Forscher finden ersten Hinweis

Screenshot aus dem Video einer Studie, das zeigt, wie eine Wölfin, die eine Krabbenfalle gezielt aus dem Wasser zieht. Forscher deuten das als ersten Hinweis für Werkzeuggebrauch beim Wolf.
Ein Video zeigt, wie eine Wölfin eine Krabbenfalle gezielt aus dem Wasser zieht. Forscher deuten das als ersten Hinweis für Werkzeuggebrauch beim Wolf. Foto: 2025 The Author(s). Ecology and Evolution published by British Ecological Society and John Wiley & Sons Ltd.
Artikel teilen
Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

20. November 2025, 17:20 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Kann ein Wolf Werkzeuge nutzen? Eine neue Beobachtung aus dem Haíɫzaqv-Gebiet in British Columbia stellt unser Bild von wilden Wölfen infrage. Eine Wölfin wurde dabei gefilmt, wie sie eine vollständig unter Wasser liegende Krabbenfalle mithilfe einer Boje und Leine ans Ufer zog, um an das darin versteckte Futter zu gelangen. Die mehrstufige Handlung wirft Fragen über die kognitive Leistungsfähigkeit von Wölfen auf – und über unsere Beziehung zu dieser unterschätzten Tierart.

Gebrauch von Werkzeugen bei Wölfen ist bisher nicht beschrieben

Werkzeuggebrauch bei Tieren galt lange als ausschließlich menschliches Merkmal. Inzwischen ist bekannt, dass viele Tierarten – etwa Krähen, Otter oder Primaten – in der Lage sind, externe Objekte zielgerichtet einzusetzen. Doch Beobachtungen von Werkzeuggebrauch in der freien Wildbahn bleiben bei vielen Tiergruppen selten. Insbesondere bei nicht-domestizierten Caniden wie Wölfen wurde der Gebrauch von Werkzeugen bislang nicht beschrieben.

Zwar gibt es Einzelfälle bei domestizierten Hunden und in Gefangenschaft lebenden Dingos, doch aus natürlichen Lebensräumen fehlen entsprechende Nachweise. Die neue Beobachtung stammt aus einem Gebiet, in dem die Haíɫzaqv Nation (Angehörige der First Nations in British Colombia) seit 2021 Krabbenfallen einsetzt, um die invasive Europäische Grünkrabbe zu bekämpfen – und war eher ein Zufallsfund. Denn ab 2023 häuften sich unerklärliche Schäden an den Fallen. Um dem Täter auf die Spur zu kommen, wurden gezielt Wildkameras aufgestellt. Doch das, was man dort sah, überraschte auch die Forscher.

So wurde die Wölfin „überführt“

Ab Mai 2024 installierten Forscher Kameras an verdächtigen Stellen. Bereits am 29. Mai 2024 zeichnete eine Kamera eine Wölfin auf, die bei Flut aus dem Wasser kam – eine Boje im Maul – und anschließend die daran befestigte Leine Stück für Stück den Strand hinaufzog. Die an der Leine hängende, zuvor vollständig unter Wasser liegende Falle wurde so geborgen. Die Wölfin manipulierte anschließend gezielt das Ködergefäß im Inneren der Falle, fraß den Inhalt und verschwand.

Die gesamte Aktion dauerte drei Minuten. Weitere ähnliche, aber unvollständige Beobachtungen wurden im Februar 2025 gemacht. Allesamt legen die Aufnahmen eine ungewöhnlich komplexe Problemlösung bei einem frei lebenden Caniden nahe, die so bisher kaum dokumentiert wurde. Die Forscher sehen hier sogar möglicherweise ein Anzeichen für Werkzeuggebrauch. In ihrer Studie „Potential Tool Use by Wolves (Canis lupus): Crab Trap Pulling in Haíɫzaqv Nation Territory“ führen Kyle A. Artelle und Paul C. Paquet ihre Schlussfolgerungen der Beobachtungen aus. Die Ergebnisse wurden am 17. November 2025 in der Fachzeitschrift „Ecology and Evolution“ veröffentlicht. 1

Nicht nur ein Wolf zeigte das Verhalten

Das Besondere an diesen Beobachtungen war, dass das Verhalten der Wölfin aus mehreren klar abgegrenzten Schritten bestand:

  • Aufnehmen der Boje,
  • Ziehen der Leine,
  • Sichtbarmachen der Falle,
  • Herausziehen und gezieltes Manipulieren des Köderbechers durch das Netz hindurch.

Der Köder wurde gefressen, danach verschwand die Wölfin. Die Effizienz und Zielgerichtetheit der Handlung, kombiniert mit weiteren beschädigten und an Land gezogenen Fallen in der Umgebung, lassen auf Vorerfahrung schließen.

Eine zweite Beobachtung am 14. Februar 2025 zeigte einen anderen Wolf beim Ziehen eines teilweise untergetauchten Fangkorbs – ebenfalls mit entferntem Köderbehälter. Insgesamt legen die Beobachtungen nahe, dass mindestens zwei Wölfe in der Lage sind, menschliche Fanggeräte strategisch zu nutzen, um an Futter zu gelangen.

Handelt es sich wirklich um Werkzeuggebrauch?

Werkzeuggebrauch ist biologisch folgendermaßen definiert: „Die Verwendung von Gegenständen als Werkzeug, z. B. bei der Körperpflege (Komfortverhalten, soziale Körperpflege), dem Nahrungserwerb, als Waffe und bei der Balz.“ Bisher kennt man dieses Verhalten nur von relativ wenigen Tierarten, wie etwa Affen oder Vögeln. 2

In der Regel nutzen die Tiere dafür Gegenstände, die sie in der Natur gezielt aufsammeln und manchmal sogar noch manipulieren, damit das Werkzeug besser funktioniert. In dem Fall der beobachteten Wölfe ist es schwer zu beurteilen, ob das Ziehen an einem Seil als Gebrauch von Werkzeugen gilt. Ein vergleichbares Problemlösungsverhalten zeigen Primaten und Rabenvögel – und sogar Hummeln – bei einem klassischen Intelligenztest, bei dem die Tiere an einer Schnur ziehen mussten, um an eine Belohnung zu kommen. Hier würde man allerdings nicht von Werkzeuggebrauch sprechen.

Haben wir Wölfe bisher unterschätzt?

Die Studie liefert möglicherweise den ersten dokumentierten Hinweis auf Werkzeuggebrauch bei frei lebenden Wölfen. Auch wenn Definitionsgrenzen diskutierbar bleiben – etwa ob das Ziehen einer Leine mit Werkzeuggebrauch gleichzusetzen ist –, zeigt das beobachtete Verhalten eine erstaunliche kognitive Komplexität.

Besonders bemerkenswert ist, dass die Wölfin offenbar die Verbindung zwischen Boje, Leine und einer unsichtbaren Futterquelle verstand – eine Fähigkeit, die über einfaches Versuch-und-Irrtum-Lernen hinausgehen könnte. Die Handlung erinnert an sogenannte „zweckgerichtete Problemlösungen“, wie sie etwa bei Schimpansen beschrieben wurden.

Da Wölfe bislang nicht als Werkzeugnutzer gelten, stellt dieser Fall ein potenzielles Umdenken dar – sowohl im wissenschaftlichen als auch im gesellschaftlichen Umgang mit dieser Tierart. Er wirft zudem neue Fragen über Umweltbedingungen auf, die solch komplexes Verhalten fördern – etwa ein geringerer menschlicher Verfolgungsdruck, wie er im Haíɫzaqv-Gebiet herrscht. Dies könnte Wölfen dort mehr Zeit für Erkundung und Lernen ermöglichen.

Mehr zum Thema

Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen

Auch wenn die Videoaufnahmen Eindrucksvolles zeigen, handelt es sich hier um Einzelfallbeobachtungen. Diese lassen keine umfassenden Rückschlüsse auf das Verhalten von Wölfen allgemein zu. Auch die Interpretation als Werkzeuggebrauch hängt von der verwendeten Definition ab – einige Fachdefinitionen schließen etwa Seilziehen aus.

Zudem ist unklar, ob die beobachtete Handlung auf individuelles Lernen, Soziallernen oder gar zufällige Entdeckung zurückzuführen ist. Die Herkunft des Verhaltens – z. B. durch Beobachtung von Menschen oder allmähliches Erlernen bei Ebbe – bleibt spekulativ. Es gibt bislang keine systematische Erfassung, wie weitverbreitet diese Fähigkeit innerhalb des Rudels oder der Population ist.

Auch wurden keine weiteren Fälle dokumentiert, in denen vollständig untergetauchte Fallen wiederholt geborgen wurden. Dennoch ist der Fund wissenschaftlich bedeutsam, insbesondere da solche Beobachtungen außerhalb von Gefangenschaft äußerst selten sind. Die Ergebnisse sind somit ein guter Ausgangspunkt für weitere Forschung und ethische Diskussionen über den Umgang mit Wölfen dienen.

Fazit: Erkenntnisse fordern unseren gesellschaftlichen Blick auf Wölfe heraus

Die Beobachtung einer Wölfin, die eine Krabbenfalle gezielt aus dem Wasser zieht, könnte unser Verständnis von Wolfsverhalten nachhaltig beeinflussen. Auch wenn noch viele Fragen offen sind – etwa zur Häufigkeit, Verbreitung und Entstehung des Verhaltens –, deutet die Studie auf eine bislang unterschätzte kognitive Flexibilität bei wilden Wölfen hin. Diese Erkenntnis fordert nicht nur die Forschung heraus, sondern auch unseren gesellschaftlichen Blick auf Wölfe: als intelligente, anpassungsfähige Wesen, deren Schutz vielleicht weit über rein biologische Aspekte hinaus gedacht werden muss.

Quellen

  1. Artelle, K. A., Paquet, P. C. (2025) „Potential Tool Use by Wolves (Canis lupus): Crab Trap Pulling in Haíɫzaqv Nation Territory“. Ecology and Evolution, Volume15, Issue11, https://doi.org/10.1002/ece3.72348 ↩︎
  2. spektrum.de, „Lexikon der Biologie: Werkzeuggebrauch“ (aufgerufen am 20.11.2025) ↩︎

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.