Zum Inhalt springen
logo Das Magazin für alle Tierbesitzer und -liebhaber
Heimische Wildtiere Alle Themen
Karger Speiseplan

Was Rehe im Winter fressen und womit Menschen ihnen schaden

Deutschland, Schleswig-Holstein, Reh (Capreolus capreolus)
Der Winter steht wieder vor der Tür und für viele Tiere beginnt damit ein harter Kampf um Nahrung. Auch Rehe bleiben davon nicht verschont. Aber was fressen die Wildtiere eigentlich? Foto: Getty Images
Jasmin Reddmann
Autorenfoto
Berlin, 3.6.2026
(c) Niels Starnick / BILD
Redakteurin

4. November 2026, 17:02 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten

Im Winter finden Rehe deutlich weniger Nahrung als im Sommer. Doch was fressen Rehe, wenn Gräser und Kräuter knapp werden? Gesunde Tiere brauchen normalerweise kein Futter von Spaziergängern, denn sie sind an die nahrungsarme Jahreszeit angepasst. Warum gut gemeinte Fütterungsversuche sogar gefährlich sein können und wie Menschen den Wildtieren stattdessen helfen, erklärt Jenifer Calvi, Pressereferentin der Deutschen Wildtier Stiftung, gegenüber PETBOOK.

Rehe sind wählerische Feinschmecker

Statt große Mengen beliebiger Pflanzen zu fressen, suchen sich Rehe bevorzugt leicht verdauliche und nährstoffreiche Nahrung. „Rehe naschen gern“, erklärt Jenifer Calvi gegenüber PETBOOK. „Sie bummeln mal hierhin, mal dorthin und suchen sich vor allem leicht verdauliche, frische Blätter, junge Triebe, Gräser und zarte Knospen sowie schmackhafte Wiesenkräuter wie Löwenzahn, Klee oder Schlüsselblumen.“

Rehe suchen zur Nahrungsaufnahme nicht nur Wälder und angrenzende Wiesen auf, sondern teilweise auch Parks und Gärten. Deswegen ist es nicht ungewöhnlich, dass man manches Reh auch auf Friedhöfen am frischen Grabschmuck, etwa an Rosenblättern, knabbern sieht, berichtet die Expertin weiter.

Rehe brauchen mehrere Kilogramm Grünmasse am Tag

Wie alle Hirscharten sind Rehe Wiederkäuer. Sie würgen bereits aufgenommene Nahrung wieder hoch und zerkauen sie ein zweites Mal. Erst dadurch können sie ihre pflanzliche Kost vollständig verdauen. Wie viel ein Reh täglich benötigt, hängt unter anderem vom Gewicht, der Jahreszeit und dem verfügbaren Nahrungsangebot ab. „Ein etwa 20 Kilogramm schweres Reh braucht zwischen zwei und vier Kilogramm sogenannte Grünmasse pro Tag“, gibt Calvi als Richtwert an.

Im Laufe des Jahres verändert sich allerdings nicht nur der Speiseplan der Tiere. Auch ihr Körpergewicht schwankt. „Von September bis Anfang November nehmen die Tiere an Gewicht zu – im Herbst legen sie sich Fettreserven zur Überbrückung des Nahrungsmangels im Winter an.“ Diese Reserven sind eine wichtige Anpassung an die kalte Jahreszeit. Im Winter wachsen kaum frische Kräuter und Gräser. Gefrorener Boden und eine geschlossene Schneedecke können die Nahrungssuche zusätzlich erschweren.

Auch interessant: Schon gewusst, dass Bambi gar kein Reh ist? 

Was Rehe im Winter in der Natur finden

Auch in der kalten Jahreszeit bleiben unsere heimischen Wildtiere aktiv. Sie halten weder Winterschlaf noch Winterruhe. Ihr Nahrungsangebot wird zwar deutlich knapper, verschwindet aber nicht vollständig: „Im Winter halten sie sich an die grünen Blätter von Brombeeren, Himbeeren und Efeustängeln oder knabbern Hagebutten. Liegt Schnee, scharren sie mit den Hufen auch Moose und Flechten frei.“

Für die Tiere sind deshalb strukturreiche Lebensräume wichtig. Hecken, Waldränder, Gebüsche und Flächen mit unterschiedlichen Wildpflanzen bieten ihnen nicht nur Nahrung, sondern auch Deckung. Besonders in einer ansonsten kahlen Feldflur können artenreiche Wildpflanzenbestände den Tieren in der kalten Jahreszeit helfen.

Was dürfen Rehe auf keinen Fall essen?

Spaziergänger und Anwohner sollten Rehen kein selbst ausgewähltes Futter anbieten. Auch vermeintlich natürliche oder gut gemeinte Nahrung kann die sensible Winterverdauung der Wiederkäuer stark belasten. Deswegen warnt Calvi davor, selbst in einem langen, frostigen Winter als Laie Rehe zu füttern: „Das ist reine Fachsache.“ Das betrifft keineswegs nur Küchenabfälle, Essensreste, Brot oder Süßigkeiten. Auch Obst, Gemüse, Getreide, Kastanien und gewöhnliches Heu sollten Menschen nicht eigenmächtig auslegen. Selbst Futter, das grundsätzlich pflanzlich oder natürlich erscheint, kann in der falschen Zusammensetzung oder Menge problematisch sein.

Besonders entscheidend ist, dass sich das Verdauungssystem der Tiere im Winter auf das knappe Nahrungsangebot einstellt. „Der Pansen der Wiederkäuer fasst im Winter rund 60 Prozent weniger Nahrung als im Herbst. Da Gräser, Kräuter, Eicheln und Kastanien kaum zu finden sind, ist ein verkleinertes Verdauungssystem gepaart mit Ruhe die perfekte Anpassung der Natur“, so heißt es von der Deutschen Wildtier Stiftung.

Plötzlich angebotenes oder ungeeignetes Futter kann diese natürliche Anpassung durcheinanderbringen. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich Rehe an Futterstellen und damit an die Nähe des Menschen gewöhnen. Liegt eine solche Stelle in der Nähe von Straßen oder Siedlungen, können zusätzliche Gefahren für die Tiere entstehen.

„Nur bei lang andauernden Frostperioden und vereister Schneedecke sind die Tiere auf artgerechtes Zusatzfutter (wie eine spezielle Heumischung) angewiesen. Ob eine solche Notsituation vorliegt, entscheiden die zuständigen Behörden; das Einrichten von Futterstellen übernehmen dann ausschließlich Jäger und Förster in den jeweiligen Revieren“, erläutert Calvi.

Gesunde Rehe kommen normalerweise ohne Fütterung aus

Die Vorstellung, Wildtiere müssten im Winter grundsätzlich durch Menschen versorgt werden, ist falsch. Rehe sind an den jahreszeitlichen Wechsel und die damit verbundenen Engpässe angepasst.

Auf die Frage, ob die Tiere ohne menschliche Zufütterung durch den Winter kommen, antwortet Jenifer Calvi eindeutig: „Ja. Im Spätsommer und Herbst legen sich Rehe Fettreserven an, die ihnen helfen, die nahrungsarme Zeit zu überstehen. Wie alle Wildtiere sind sie an den Wechsel der Jahreszeiten gewohnt und kommen gut damit zurecht – wenn der Mensch sie in Ruhe lässt.“

Warum jede Flucht wertvolle Energie kostet

Rehe reagieren auf Störungen häufig mit wenigen schnellen Sprüngen und versuchen, das nächste dichte Unterholz oder Gebüsch zu erreichen. Ihr Körperbau ist auf diese schnellen Bewegungen durch dichte Vegetation ausgerichtet. „Jede Flucht kostet das Wildtier jedoch wertvolle Energie – und die kann es sich in der kalten Jahreszeit kaum wieder anfressen. Verbraucht das Tier durch mehrere Fluchten hintereinander zu viel Energie, kann das in einem langen, frostigen Winter lebensgefährlich werden.“

Personen, die plötzlich querfeldein im Wald auftauchen, sind für die Tiere schwer einzuschätzen. Spaziergänger und Mountainbiker, die Waldwege verlassen, können deshalb zu einem erheblichen Stressfaktor werden. „Wird es aufgescheucht, muss es seinen Stoffwechsel schlagartig hochfahren, was enorme Kraft kostet. Ähnlich, als würden wir vom Sofa aufspringen und einen längeren Sprint hinlegen. Nur kann der Mensch anschließend in sein beheiztes Wohnzimmer zurück und eine warme Suppe essen“, verdeutlicht Calvi.

Auch interessant: Rehkitz gefunden? Auf keinen Fall anfassen

Mehr zum Thema

Hunde sollten im Wald an die Leine

Eine besondere Gefahr sind frei laufende und jagende Hunde. Selbst wenn ein Hund das Reh nicht einholt oder verletzt, kann bereits die Verfolgung erhebliche Folgen haben. Deswegen appelliert die Deutsche Wildtier Stiftung an alle, die im Wald, in der Feldflur oder in einem Naturschutzgebiet unterwegs sind, dass Hunde unbedingt an die Leine gehören und dass offiziellen Wege nicht verlassen werden sollten.

So können Menschen Rehen im Winter wirklich helfen

Rehen zu helfen bedeutet im Winter vor allem, ihnen Ruhe zu lassen. Jenifer Calvi fasst es so zusammen: „Am besten hilft man den Wildtieren, indem man ihnen Ruhe gönnt. Wildtiere sind an die kalte Jahreszeit angepasst. Wenn sie gesund sind, kommen sie auch durch karge Zeiten. Ruhe und keine Störungen – damit tut man jedem Wildtier den allergrößten Gefallen.“

Sie haben erfolgreich Ihre Einwilligung in die Nutzung unseres Angebots mit Tracking und Cookies widerrufen. Damit entfallen alle Einwilligungen, die Sie zuvor über den (Cookie-) Einwilligungsbanner bzw. über den Privacy-Manager erteilt haben. Sie können sich jetzt erneut zwischen dem Pur-Abo und der Nutzung mit Tracking und Cookies entscheiden.

Bitte beachten Sie, dass dieser Widerruf aus technischen Gründen keine Wirksamkeit für sonstige Einwilligungen (z.B. in den Empfang von Newslettern) entfalten kann. Bitte wenden Sie sich diesbezüglich an datenschutz@axelspringer.de.