6. Januar 2026, 12:51 Uhr | Lesezeit: 6 Minuten
In einem bahnbrechenden Schritt mit internationaler Signalwirkung haben erstmals Insekten – genauer gesagt stachellose Bienen aus dem peruanischen Amazonasgebiet – gesetzlich verankerte Rechte erhalten. Doch was steckt hinter dieser historischen Entscheidung, und was bedeutet sie für den Schutz der Biodiversität weltweit?
Amazonas-Bienen erhalten gesetzliches Recht auf Existenz
In zwei Regionen des peruanischen Amazonasgebiets wurden stachellose Bienen – heimische Arten, die keine Stachel besitzen – per Gesetz als rechtlich schützenswerte Lebewesen anerkannt. Das berichtete unter anderem die britische Tageszeitung „The Guardian“. Damit ist ihnen offiziell das Recht zugesprochen worden, zu existieren, sich zu entfalten und in einer gesunden Umwelt zu leben. Weltweit ist das ein Novum.1
„Diese Verordnung markiert einen Wendepunkt in unserer Beziehung zur Natur: Sie macht stachellose Bienen sichtbar, erkennt sie als rechtsfähige Subjekte an und bestätigt ihre wesentliche Rolle bei der Erhaltung von Ökosystemen“, zitiert „The Guardian“ Constanza Prieto, Lateinamerika-Direktorin des Earth Law Center.
Was sind stachellose Bienen?
Stachellose Bienen, wissenschaftlich auch Meliponini genannt, gehören wie auch unsere Honigbiene zu den „echten Bienen“ (Apidae). Tatsächlich haben sie einiges mit Ihnen gemeinsam: Sie bilden soziale Staaten, bauen Nester aus Wachs, sammeln Pollen, um ihre Brut zu versorgen, und legen auch Honigvorräte an. Allerdings sind ihre Nester sehr viel kleiner, als die typischer Honigbienenvölker. Sie bestehen in der Regel aus ein paar Hundert Tieren.
Wie der Name schon sagt, besitzen diese Bienen keinen Stachel, was allerdings nicht bedeutet, dass sie nicht wehrhaft sind. So können sie mit ihren kräftigen Kiefern zubeißen oder ätzende und übel riechende Sekrete absondern.
Weltweit sind über 500 Arten bekannt. Viele davon leben in Australien. Aber auch in Zentral- und Südamerika sind stachellose Bienen. Dort werden sie seit präkolumbianischer Zeit von indigenen Gemeinschaften kultiviert und gelten als zentrale Bestäuber der Regenwaldflora. Ihr Überleben ist jedoch durch Klimawandel, Entwaldung, Pestizide und die Verdrängung durch europäische Honigbienen massiv bedroht.
Darum sind stachellose Bienen so wichtig
Die neue Rechtslage ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit von Rosa Vásquez Espinoza, Gründerin von Amazon Research Internacional. Die Chemiebotanikerin begann 2020 mit der Erforschung stachelloser Bienen, als sie während der Corona-Pandemie Honigproben aus indigenen Gemeinden untersuchte.
„Ich sah Hunderte von medizinischen Molekülen, Moleküle, von denen bekannt ist, dass sie irgendeine Art von biologischer medizinischer Wirkung haben“, zitiert „The Gaurdian“ Espinoza. „Und die Vielfalt war wirklich erstaunlich – diese Moleküle sind bekannt für ihre entzündungshemmenden, antiviralen, antibakteriellen, antioxidativen oder sogar krebshemmenden Eigenschaften.“2
Bienen haben auch spirituelle Bedeutung
In ihrem Buch „The Spirit of the Rainforest“ beschreibt Espinoza, wie sie gemeinsam mit indigenen Völkern traditionelle Methoden zur Haltung und Honiggewinnung dokumentierte. Die stachellosen Bienen bestäuben dort mehr als 80 Prozent der Pflanzen. Darunter auch wirtschaftlich bedeutende wie Kakao, Kaffee und Avocados.
Für viele indigene Gruppen, darunter die Asháninka und Kukama-Kukamiria, haben die Bienen auch eine spirituelle Bedeutung. „Innerhalb der stachellosen Biene lebt das indigene traditionelle Wissen, das seit der Zeit unserer Großeltern weitergegeben wurde“, erklärte Apu César Ramos, Präsident von EcoAshaninka. „Die stachellose Biene existiert seit Urzeiten und spiegelt unser Zusammenleben mit dem Regenwald wider.“
Stachellose Bienen werden immer seltener
Schon zu Beginn ihrer Feldforschung hörte Espinoza immer wieder dieselbe Beobachtung: Die Bienen werden seltener. „Wir sprachen aktiv mit verschiedenen Gemeindemitgliedern, und das Erste, was sie sagten – und bis heute sagen – war: ‚Ich sehe meine Bienen nicht mehr. Früher brauchte ich 30 Minuten, um sie zu finden, jetzt dauert es Stunden.‘“
Besorgniserregend war auch, dass Espinoza Pestizidrückstände im Honig nachwies – obwohl die Bienenvölker weitab von industrieller Landwirtschaft gehalten wurden. Doch weil stachellose Bienen lange Zeit wissenschaftlich ignoriert wurden, fehlten ihr anfangs die Mittel für umfassende Forschung. „Es war fast ein Teufelskreis. Ich kann dir keine Förderung geben, weil du nicht auf der Liste stehst, aber du kannst nicht auf die Liste kommen, weil du keine Daten hast. Und du hast keine Mittel, um die Daten zu erheben.“
Erst 2023 konnte das Team ein großangelegtes Kartierungsprojekt starten. Es belegte den Zusammenhang zwischen Entwaldung und dem Rückgang der Bienenpopulationen – und war damit Grundlage für ein neues Gesetz von 2024, das stachellose Bienen als „einheimische Bienenarten Perus“ anerkannte. Diese Klassifizierung ist entscheidend, da peruanisches Recht den Schutz heimischer Arten vorschreibt.
Bedrohung durch „Killerbienen“
Neben Umweltgiften und Lebensraumverlust gibt es eine weitere Gefahr: die sogenannte afrikanisierte Honigbiene. Diese wurden in den 1950er-Jahren in Brasilien gezüchtet, um die Honigproduktion in tropischen Gebieten zu steigern. Es handelt sich dabei um eine Kreuzung aus zwei Unterarten der Honigbiene Apis mellifera: der europäischen und der afrikanischen. Diese Hybride sind aggressiver als unsere einheimischen Honigbienen – und auch aggressiver als stachellose Bienen. So beginnen sie nun, Letztere zu verdrängen.
In der Hochlandregion Junín traf das Forschungsteam die Asháninka-Älteste Elizabeth, die ihnen von einer drastischen Verdrängung berichtete. Ihre Bienenvölker seien von den afrikanisierten Bienen attackiert worden, die sie bei jedem Besuch ihrer Bienenstöcke angriffen.
„Ich hatte wirklich Angst“, erinnerte sich Espinoza. „Denn ich hatte schon davon gehört, aber nicht in diesem Ausmaß. Sie hatte Angst in den Augen, sah mich an und fragte immer wieder: ‚Wie werde ich sie los? Ich hasse sie. Ich will, dass sie verschwinden.‘“
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Rechtsstatus mit weitreichenden Folgen
Elizabeths Heimatgemeinde Satipo war es schließlich, die im Oktober 2025 als erste weltweit eine Verordnung verabschiedete, die stachellosen Bienen juristische Rechte verleiht. Kurz darauf folgte die Gemeinde Nauta in der Region Loreto. Die Bienen genießen nun Rechte auf Existenz, gesunde Lebensräume, ökologische Stabilität und sogar rechtliche Vertretung im Falle von Bedrohung oder Schaden.
Laut Prieto verpflichtet das neue Gesetz die Behörden zu gezielten Schutzmaßnahmen: „einschließlich Wiederaufforstung und Renaturierung von Lebensräumen, strenger Regulierung von Pestiziden und Herbiziden, Anpassung an den Klimawandel, Förderung wissenschaftlicher Forschung und Anwendung des Vorsorgeprinzips bei allen Entscheidungen, die ihre Existenz betreffen könnten.“
Gesetz gilt als „bedeutender Fortschritt“
Ein weltweiter Appell der Organisation Avaaz zur Ausweitung des Gesetzes auf ganz Peru wurde bereits von mehr als 386.000 Menschen unterzeichnet. Auch aus Ländern wie Bolivien, den Niederlanden und den USA kommt zunehmendes Interesse, ähnliche Regelungen zum Schutz wilder Bienen zu entwickeln.
„Die stachellose Biene gibt uns Nahrung und Medizin, und sie muss bekannt gemacht werden, damit mehr Menschen sie schützen“, sagte Ramos. „Deshalb stellt dieses Gesetz, das die Bienen und ihre Rechte schützt, einen bedeutenden Fortschritt für uns dar, denn es gibt der gelebten Erfahrung unserer indigenen Völker und des Regenwaldes einen Wert.“