19. September 2025, 6:41 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Feierabend im Urwald – und der Erste sitzt schon an der Fruchtbar. Was wie eine schräge Kneipenszene aus einem Film klingt, ist für manche Schimpansen Alltag. Statt Hopfen und Malz gibt es vergorene Früchte – und das in erstaunlichen Mengen. Die Forschung zeigt: Ihre tägliche Dosis lässt uns staunen. PETBOOK berichtet.
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Schimpansen trinken ein Feierabendbier? Hört sich komisch an, ist aber so – zumindest fast. Affen sind Frugivore, also Fruchtfresser. Ihre tägliche Ration an Kohlenhydraten und Zucker beziehen sie aus Früchten. Lange nahm man in der Wissenschaft an, dass Affen aus Versehen vergorenes Obst fressen. Aber falsch gedacht: Auf dem Teller landen gezielt Früchte mit einem höheren Alkoholgehalt. Darüber berichtete PETBOOK bereits in dem Artikel: Tiere konsumieren Alkohol öfter als gedacht – sogar in Gruppen!
Aber wie viel Alkohol konsumieren Affen eigentlich? Trinken sie uns unter den Tisch? Ein Forscherteam um Aleksey Maro von der Universität Kalifornien hat erstmals ermittelt, wie viel Alkohol Schimpansen eigentlich über den Tag aufnehmen. Dafür berechneten die Forscher die Ethanolkonzentration in Früchten, die Schimpansen in Uganda und Côte d’Ivoire fressen. Durch ihre Arbeit lieferten sie neue Belege für die sogenannte „Drunken Monkey“-Hypothese. Diese Theorie besagt, dass Primaten seit Millionen Jahren regelmäßig Alkohol über vergorene Früchte aufnehmen. Die Ergebnisse der Studie veröffentlichte die Fachzeitschrift „Science Advances“. 1
So kamen die Forscher dem Alkohol auf die Spur
Zwischen 2017 und 2021 sammelte die Forschergruppe in zwei Schimpansenpopulationen in Uganda und Côte d’Ivoire rund 600 Proben von 20 verschiedenen Pflanzenarten. Es handelte sich ausschließlich um Früchte, die tatsächlich auf dem Speiseplan der Tiere stehen. Der Alkoholgehalt wurde mit drei unterschiedlichen Methoden gemessen und anschließend nach Konzentration geordnet. Wichtig ist: Die Schimpansen selbst wurden währenddessen nicht gestört, direkte Interaktionen fanden nicht statt.
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Affen trinken uns locker unter den Tisch
Die Analysen zeigen, dass die verzehrten Früchte im Schnitt 0,31 bis 0,32 Prozent Ethanol enthalten. Besonders hohe Werte fanden die Forscher in der Maulbeerfeige (Ficus mucuso) in Uganda mit 0,41 Prozent und in der Mobolapflaume (Parinari excelsa) in Côte d’Ivoire mit 0,40 Prozent. Da Schimpansen reine Obstfresser sind, nehmen sie täglich etwa 4,5 Kilogramm Früchte zu sich. In diesen damit auch 14 bis 15 Gramm Ethanol.
Für Menschen wären das etwa 1,4 Feierabendbiere. Bezogen auf das Körpergewicht ist die Verteilung für Affen sogar höher als für Menschen. Ein 36 Kilogramm schwerer Schimpanse nimmt so viel Alkohol auf wie ein 70-Kilogramm-Mensch, der täglich 2,6 alkoholische Getränke konsumiert.
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Damit wird deutlich: Schimpansen trinken und das ist für sie ganz natürlich – ein neues Puzzle-Stück für die „Drunken Monkey“-Hypothese. Ethanol könnte zudem eine ökologische Rolle spielen, etwa als Duftsignal für reife Früchte, als Appetitanreger. Ungefähr so wie bei uns, wenn wir uns einen Aperitif bestellen. Die Studie stützt damit die Annahme, dass die menschliche Faszination für Alkohol kein reiner Kulturfaktor ist, sondern tief in der Biologie verankert ist und über viele Millionen Jahre der Evolution weitergegeben wurde.
Fazit
Alkoholkonsum im Tierreich scheint also kein Zufall zu sein, sondern Teil einer langen Evolutionsgeschichte. Schimpansen liefern damit starke Belege für die „Drunken Monkey“-Hypothese – und legen nahe, dass auch die menschliche Vorliebe für Alkohol tief in unserer Biologie verwurzelt ist. Dies legt die Studie nahe, da weit voneinander entfernt lebende Populationen dasselbe Verhalten zeigten. Es ist allerdings unklar, ob die Schimpansen gezielt Früchte mit höherem Alkoholgehalt auswählen. Auch fehlen Daten zu individuellen Unterschieden oder zu möglichen langfristigen Verhaltensänderungen. Deshalb betonen die Forscher, dass Feldstudien mit direkter Beobachtung einzelner Tiere und standardisierten Messungen notwendig sind. 2