19. November 2025, 13:01 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Jedes Jahr wählt die Deutsche Wildtier Stiftung ein Tier des Jahres, um auf die Schönheit und Schutzbedürftigkeit heimischer Wildtiere aufmerksam zu machen. Für 2026 standen drei Arten aus den Offenlandschaften Deutschlands zur Wahl: der Rothirsch, das Hermelin und der Goldschakal. Am Ende konnte sich der „König des Waldes“ als Tier des Jahres 2026 klar durchsetzen. PETBOOK stellt den majestätischen Hirsch und seine besondere Rolle im Ökosystem vor.
Ein König im Rückzug
Der Rothirsch ist Tier des Jahres 2026. Das teilte die Deutsche Wildtierstiftung am 19. November in einer Pressemitteilung mit. Mit rund 220.000 Tieren kommt der Rothirsch (Cervus elaphus) in Deutschland zwar recht häufig vor – doch sein Lebensraum schrumpft seit Jahrzehnten. Ursprünglich bewohnte Rotwild offene und halboffene Landschaften mit Wiesen, Flussniederungen und Baumgruppen. Heute ist es durch Jagd, Landwirtschaft und Straßenbau weitgehend in die Wälder zurückgedrängt worden.
Dort steht der größte heimische Hirsch oft im Konflikt mit der Forstwirtschaft: Er frisst junge Triebe, Knospen und Rinde, was zu Schäden führen kann. Doch die Tiere haben kaum eine Wahl. In vielen Bundesländern ist ihr Vorkommen auf sogenannte Rotwildbezirke beschränkt – außerhalb dieser Areale droht ihnen der Abschuss.
„Isolierte Populationen verlieren genetische Vielfalt“, warnt Andreas Kinser, Leiter Natur- und Artenschutz bei der Deutschen Wildtier Stiftung. „Nur wenn wir dem Rothirsch wieder mehr Raum geben, kann es gelingen, diese faszinierende Art langfristig in Deutschland zu erhalten.“
Warum der Rothirsch so wichtig ist
Als größte regelmäßig vorkommende Hirschart Deutschlands übernimmt der Rothirsch wichtige ökologische Aufgaben. Durch sein Wanderverhalten trägt er zur genetischen Durchmischung verschiedener Populationen bei. Beim Äsen entstehen Lichtungen, auf denen neue Pflanzen keimen – Lebensraum für Insekten und Vögel.
Sein imposantes Geweih, das die männlichen Tiere jedes Jahr abwerfen und neu bilden, ist dabei mehr als nur ein Schmuckstück. Abgeworfene Geweihstangen werden von Nagetieren wie Eichhörnchen oder Mäusen angenagt, die sie als wertvolle Mineralstoffquelle nutzen. So schließt sich ein kleiner Nährstoffkreislauf im Wald.
Beeindruckende Brunft und soziales Leben
Besonders eindrucksvoll zeigt sich der Rothirsch im Herbst, wenn die Brunftzeit beginnt. Dann hallt das markante Röhren der Hirsche durch die Wälder, begleitet von lautem Geweihklirren, wenn zwei Rivalen um eine Gruppe Hirschkühe kämpfen. In dieser Zeit verlieren die Männchen bis zu 30 Prozent ihres Körpergewichts – ein anstrengendes, aber evolutionär erfolgreiches Spektakel.
Den Rest des Jahres leben die Tiere in getrennten Gruppen: weibliche Tiere mit ihren Kälbern in sogenannten Kahlwildrudeln, männliche Hirsche meist unter sich. Eine erfahrene Leitkuh gibt in den weiblichen Verbänden den Ton an – sie entscheidet, wann und wohin die Gruppe zieht.
Die Tiere des Jahres 2026
Das sind die 9 größten Tiere Deutschlands
Wenn Wege versperrt sind
Straßen, Bahntrassen und Siedlungen zerschneiden die Lebensräume des Rotwilds zunehmend. So können die Tiere ihrer natürlichen Wanderlust kaum noch folgen. Besonders drastisch ist die Situation etwa in Baden-Württemberg, wo Rothirsche nur vier Prozent der Landesfläche besiedeln dürfen.
Die Deutsche Wildtier Stiftung fordert deshalb mehr Grünbrücken über Autobahnen und eine Aufhebung der starren Rotwildbezirke, um eine bessere Vernetzung der Lebensräume zu ermöglichen. Nur so lässt sich der drohende Verlust genetischer Vielfalt aufhalten.
Ein Symbol für Artenvielfalt im Offenland
Der Rothirsch steht stellvertretend für viele Arten, die offene Landschaften und strukturreiche Felder brauchen – Lebensräume, die durch intensive Landwirtschaft und Flächenversiegelung immer weiter verschwinden.
Mit seiner Wahl zum Tier des Jahres 2026 will die Deutsche Wildtier Stiftung Bewusstsein schaffen: für mehr Platz, mehr Wildnis und mehr Respekt vor den Bedürfnissen wilder Tiere. Denn nur, wenn der Mensch dem „König des Waldes“ wieder Raum lässt, bleibt sein majestätisches Röhren auch in Zukunft Teil unserer Landschaft.
Seit 2017 wählen die Spenderinnen und Spender der Deutschen Wildtier Stiftung ein Tier des Jahres. Hauptziel ist es, in der Öffentlichkeit für Aufmerksamkeit zu sorgen. Sei es, weil Tiere gefährdet sind, ihr Lebensraum bedroht ist oder weil es einen Konflikt zwischen Mensch und Wildtier gibt.
2025 konnte der Schneehase die Wahl für sich entscheiden (PETBOOK berichtete), im Jahr davor sicherte sich der Igel den Titel.