9. Oktober 2025, 12:36 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Mit seinem unverkennbaren Ruf „Repreprep“ kehrt das Rebhuhn ins öffentliche Bewusstsein zurück: Es wurde zum Vogel des Jahres 2026 gewählt. Doch was zunächst wie ein Sieg klingt, ist zugleich ein dringlicher Appell – denn die einst häufige Art ist heute stark gefährdet.
Rekordwahl: Rebhuhn gewinnt mit großem Vorsprung
Bei der inzwischen sechsten öffentlichen Wahl des „Vogels des Jahres“ haben sich so viele Menschen beteiligt wie nie zuvor: Insgesamt 184.044 Stimmen wurden gezählt – ein neuer Rekord. Das Rebhuhn setzte sich mit 81.855 Stimmen (44,5 Prozent) deutlich gegen die Amsel (26,6 Prozent), die Waldohreule (12,7 Prozent), die Schleiereule (11,7 Prozent) und den Zwergtaucher (4,5 Prozent) durch.
„Mit dem Rebhuhn rückt eine Art ins Rampenlicht, die auf unseren Feldern fast verschwunden ist“, erklärt LBV-Vogelexpertin Dr. Angelika Nelson. Der Feldvogel löst damit den Hausrotschwanz als Titelträger ab. Die Wahl wird seit 2021 gemeinsam vom bayerischen Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) und dem NABU auf Bundesebene organisiert.
Dramatischer Rückgang seit den 1980er-Jahren
Die Situation des Rebhuhns hat sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verschlechtert. Laut Informationen des NABU sind die Bestände seit 1980 um rund 87 Prozent zurückgegangen. Bereits 1991 wurde es zum Vogel des Jahres ernannt – die Problematik ist also nicht neu.
Die Ursachen sind vielfältig: Die Intensivierung der Landwirtschaft, der Rückgang strukturreicher Feldränder und der verstärkte Einsatz von Pestiziden setzen der Art massiv zu. „In der ausgeräumten Agrar-Landschaft findet das Rebhuhn zu wenig Nistplätze und kaum Nahrung“, sagt Angelika Nelson. Unter dem Wahlmotto „Für Felder voller Vielfalt“ trat das Rebhuhn an – ein klares Plädoyer für biodiversitätsfreundlichere Landwirtschaft.
Unscheinbar und perfekt getarnt: Das Leben am Boden und Feldrändern
Das Rebhuhn zählt zur Familie der Hühnervögel und gehört zu den Fasanenartigen – doch anders als seine farbenfrohen Verwandten verzichtet es auf jeden Prunk. Männchen und Weibchen sind äußerlich nahezu gleich. Lediglich das orangebraune Gesicht und ein auffälliger, dunkler Fleck am Bauch verraten das ausgewachsene Männchen. Das graubraune, marmorierte Gefieder ist perfekte Tarnung für ein Leben am Boden. Dort sind die Vögel vor allem scharrend und pickend unterwegs – auf der Suche nach Nahrung oder beim Sand- und Staubbad, das sie ebenso zur Gefiederpflege wie zum Wohlbefinden nutzen.
Rebhuhnweibchen legen bis zu 20 Eier in gut getarnte Bodennester. Nach dem Schlüpfen, das meist synchron an einem Tag erfolgt, führen beide Elternteile ihre Küken gemeinsam. Auch wenn die Jungen nach etwa fünf Wochen selbstständig sind, bleibt die Familie als sogenannte „Kette“ oft bis zum Winter zusammen.
Beobachtungen sind nicht einfach, denn die Vögel sind sehr scheu und brüten meist gut versteckt in Hecken oder dichtem Gestrüpp. „Die beste Chance auf eine Beobachtung hat man an Feldrändern und -säumen, wo die Vegetation niedriger ist und die Hühnervögel im Familienverbund, gerade auch jetzt im Herbst, nach Samen und Insekten suchen – mit etwas Geduld erlebt man dort diesen faszinierenden, leider selten gewordenen Vogel“, erläutert die LBV-Biologin.
Die Ernährung besteht hauptsächlich aus pflanzlicher Kost: Grasspitzen, Samen von Wildkräutern und Getreide stehen im Mittelpunkt. Um die faserreiche Nahrung zu verdauen, nehmen die Tiere kleine Steinchen auf. Doch für den Nachwuchs reicht das nicht: In den ersten Lebenswochen benötigen die Küken proteinreiche Nahrung – sie fressen Insekten, Spinnen und andere Kleintiere. Diese sind für das Wachstum unverzichtbar.
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Vom Steppenbewohner zum Symbol für den Wandel der Landwirtschaft
Rebhühner sind tag- und dämmerungsaktiv, lassen sich aber selten blicken. Meist verrät nur der Revierruf des Männchens – ein hartes, schnarrendes „girrhäk“ – ihre Anwesenheit in der Morgendämmerung. Mit etwas Glück lassen sie sich bei der Nahrungssuche am Feldrand oder beim Sandbad beobachten – meist in Familiengruppen, die eng zusammenhalten.
Ursprünglich lebte das Rebhuhn in den offenen Steppenlandschaften Europas und Asiens. Erst mit der Ausbreitung der Landwirtschaft im Mittelalter erschloss es sich neue Lebensräume in Äckern und Wiesen. Als klassischer Kulturfolger steht es heute sinnbildlich für viele Feldvogelarten, die durch die moderne Agrarwirtschaft in Bedrängnis geraten sind.
Monokulturen, intensive Bewirtschaftung, der Einsatz von Pestiziden und der Verlust von Brachen, Hecken und Feldrändern haben dazu geführt, dass das Rebhuhn vielerorts kaum noch geeigneten Lebensraum findet.
Mehr Vielfalt statt Einfalt – was das Rebhuhn jetzt braucht
Damit das Rebhuhn nicht endgültig verschwindet, braucht es dringend strukturreiche Lebensräume. Hecken, Blühstreifen, Brachen und extensiv bewirtschaftete Flächen sind essenziell, damit es wieder brüten und Nahrung finden kann. Auch der Verzicht auf Pestizide sowie eine angepasste Düngung tragen dazu bei, dass Insekten und Wildkräuter zurückkehren – wichtige Nahrungsquellen nicht nur für Rebhuhn-Küken, sondern für viele weitere Arten.
Die Auszeichnung „Vogel des Jahres“ hat in Deutschland eine lange Tradition: Bereits 1971 wurde der Titel erstmals vergeben. Seit 2021 bestimmt die Bevölkerung in einer öffentlichen Online-Abstimmung, welche Art im Folgejahr im Fokus steht. Die Wahl zum Vogel des Jahres 2026 ist daher nicht nur eine Auszeichnung für das Rebhuhn – sondern ein Aufruf zum Handeln. Nur wenn unsere Agrar-Landschaft wieder mehr Vielfalt zulässt, hat dieser charaktervolle Feldvogel eine Zukunft.