23. Dezember 2025, 6:11 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
In einem Nationalpark in Patagonien spielt sich Erstaunliches zwischen Raubtieren und Beute ab: Pumas kehren zurück – und jagen Pinguine. Eine neue Studie zeigt, wie diese ungewohnte Nahrungsquelle das Bewegungsverhalten und die Sozialstruktur der Großkatzen grundlegend verändert. Die Ergebnisse könnten zudem unser Verständnis von Artenschutz und ökologischer Wiederherstellung neu definieren.
Pinguine gehören nicht zum natürlichen Beutespektrum
Fragt man sich, was Pumas so fressen, wäre der Pinguin garantiert nicht unter den Top Ten der meistgenannten Beutetiere. Und auch in der Natur gehört dieser Seevogel nicht zum Nahrungsspektrum der Raubkatzen. Zu ihrer Hauptnahrung gehören Hirsche (Weißwedel- oder Maultierhirsch). Sie jagen aber auch kleinere Säugetiere wie Kojoten, Luchse, Waschbären, Nagetiere (Mäuse, Ratten, Eichhörnchen), Kaninchen sowie Vögel und Fische. Kurz gesagt: Pumas sind vielseitige Fleischfresser, die fast alles fressen, was sie erbeuten können.
Pinguine stellen als flugunfähige Vögel eigentlich die perfekte Beute dar. Nur war es bisher so, dass Populationen von Pumas und Pinguinen nicht zusammen auftraten. Doch durch ein Wiederansiedlungsprojekt in Patagonien, eine ausgedehnte Region, die sich über einen Großteil der Südspitze Südamerikas erstreckt und von den Anden durchzogen wird, trafen zwei Spezies aufeinander, die zuvor getrennt waren.
Pumas entdeckten bodenbrütende Pinguine als leicht verfügbare Beute
Weltweit nimmt die Wiederherstellung von Wildtierpopulationen zu – oft durch Schutzgebiete oder gezielte Wiederansiedlungen. Dabei kehren Tiere meist in Ökosysteme zurück, die sich seit ihrer Vertreibung stark verändert haben. Solche veränderten Lebensräume mit neuen Artenzusammensetzungen können zu unerwarteten Wechselwirkungen führen.
Eine Studie untersuchte genau eine solche neuartige Interaktion in Patagonien. Sie entstand in Zusammenarbeit von US-amerikanischen, deutschen und argentinischen Forschern und untersucht, wie die Rückkehr von Pumas und das Vorhandensein dieser ungewöhnlichen Nahrungsquelle deren Verhalten, Bewegungsmuster, Sozialstruktur und Populationsdichte beeinflussen. Mit der Gründung des Monte-León-Nationalparks im Jahr 2004 kehrten Pumas zurück. Dort entdeckten sie die bodenbrütenden Pinguine als leicht verfügbare Beute. Ziel war es, besser zu verstehen. Wie passen sich Raubtiere in veränderten Ökosystemen an neue Ressourcen an? Das ist eine Schlüsselfrage für den langfristigen Erfolg von Artenschutzmaßnahmen. Die Ergebnisse wurden im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society B“ veröffentlicht.1
Kamerafallen und GPS-Tracker zeichneten Verhalten der Pumas auf
Die Untersuchung fand zwischen September 2019 und Januar 2023 im Monte-León-Nationalpark (MLNP) in Südargentinien statt. Dabei handelt es sich um ein 610 Quadratkilometer großes Gebiet mit rund 40 000 brütenden Magellan-Pinguinpaaren. Um das Verhalten der Pumas zu analysieren, wurden 14 erwachsene Tiere (9 Weibchen, 5 Männchen) mit GPS-Halsbändern ausgestattet. Die Bewegungsdaten wurden alle drei Stunden aufgezeichnet.
Zur Auswertung des Bewegungsverhaltens wurden verschiedene Metriken genutzt, darunter Aufenthaltsdauer, Heimkehrzeit und Größe des Streifgebiets. Die Forscher verglichen diese Werte zwischen Zeiten, in denen Pinguine im Park anwesend (Oktober bis April) oder abwesend (Juni bis August) waren. Außerdem wurde mithilfe von Kamerafallen und GPS-Daten ein Modell zur Abschätzung der Populationsdichte erstellt.
Ergänzend untersuchte man anhand von Futterresten in GPS-Standortclustern die Ernährung der Pumas. Dabei erfasste man auch soziale Interaktionen zwischen Tieren, die entweder Pinguine fraßen oder nicht. Insgesamt ergaben sich so differenzierte Einsichten darüber, wie das Vorhandensein von Pinguinen das Verhalten einzelner Pumas beeinflusst – sowohl in ihrer Mobilität als auch im sozialen Miteinander.
Pumas kommen einander näher, wenn sie Pinguine jagen
Pumas sind wie viele Vertreter der Katzenfamilie Einzelgänger. Ihre Reviere sind meist weitläufig und überlappen sich kaum, um Konfrontationen mit Artgenossen aus dem Weg zu gehen. Durch die Anwesenheit der Pinguine änderte sich die jedoch.
Die Studie zeigt: Pumas, die Magellan-Pinguine fraßen, passten ihr Verhalten deutlich an die saisonale Verfügbarkeit dieser Beute an. Während der Pinguin-Brutzeit (Oktober–April) blieben sie länger an Ort und Stelle (durchschnittlich 10 Stunden mehr), kehrten schneller zurück (50 Stunden früher) und hatten kleinere, überlappende Streifgebiete. War die Kolonie leer, vergrößerten sie ihre Aktionsradien – die maximalen Bewegungsdistanzen verdoppelten sich im Vergleich zur Pinguin-Saison.
Diese Tiere kehrten auch regelmäßig zur Pinguinkolonie zurück – selbst wenn keine Pinguine anwesend waren. Pumas, die keine Pinguine fraßen, zeigten keine vergleichbaren Verhaltensänderungen.
Pinguin-Pumas zeigen die höchste Populationsdichte, die je für diese Art dokumentiert wurde
Bemerkenswert ist zudem das Sozialverhalten: Pumas, die Pinguine jagten, trafen deutlich häufiger auf Artgenossen – rund fünfmal so oft wie ihre Artgenossen ohne Pinguin-Diät. 63 Prozent dieser Kontakte fanden im Umkreis von einem Kilometer zur Pinguinkolonie statt, zumeist zwischen Weibchen.
Die geschätzte Populationsdichte der Pumas im Park war mit 13,2 Individuen pro 100 Quadratkilometer die höchste, die je für diese Art dokumentiert wurde – mehr als doppelt so hoch wie bisherige Spitzenwerte.
Kolonie wurde zu einem „Hotspot“ sozialer Interaktion
Diese Studie liefert ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sich Raubtiere an neuartige Nahrungsquellen anpassen – mit weitreichenden ökologischen Folgen. Die hohe Verfügbarkeit leicht fangbarer Beute wie Pinguinen führte bei den Pumas nicht nur zu veränderten Bewegungsmustern, sondern auch zu einer bisher selten dokumentierten sozialen Toleranz, vor allem unter Weibchen. Die Kolonie wurde zu einem „Hotspot“ sozialer Interaktion – ein Verhalten, das bislang vor allem bei Bären in Lachsgebieten beschrieben wurde, nicht aber bei typischerweise einzelgängerischen Pumas.
Zudem weist die Studie darauf hin, dass eine einzige, konzentrierte Ressource – in diesem Fall die Pinguine – ausreichen kann, um eine ungewöhnlich dichte Population eines Spitzenprädators zu tragen. Gleichzeitig wurde aber auch deutlich, dass die hohe Dichte nicht allein auf die Pinguine zurückzuführen ist. Auch andere Beutetiere wie Guanakos, Rheas und Hasen sowie fehlender Jagddruck spielen eine wichtige Rolle.
Diese neuen Einsichten sind besonders relevant für Naturschutzstrategien: Werden Raubtiere in veränderte Ökosysteme wiedereingeführt, entstehen nicht automatisch klassische „Top-down“-Effekte. Stattdessen können neuartige Beziehungsgeflechte entstehen, die das Verhalten von Arten unerwartet verändern – und so auch die Wirkung auf das gesamte Ökosystem.
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Einordnung der Studie und mögliche Einschränkungen
Die Studie überzeugt durch ihr robustes Studiendesign, den langjährigen Erhebungszeitraum von über drei Jahren und die Kombination aus GPS-Daten, Feldbeobachtungen und Kamerafallen. Besonders stark ist die Verknüpfung von Tierbewegungsdaten mit sozialem Verhalten und Populationsdichte – ein seltener multidimensionaler Ansatz.
Dennoch gibt es Einschränkungen. So basiert die Unterscheidung zwischen Pumas, die Pinguine jagen oder nicht, auf einem minimalen Nachweis – dem Verzehr von mindestens einem Pinguin. Eine quantitative Erfassung des tatsächlichen Anteils von Pinguinen in der Ernährung fehlt. Die GPS-Daten sind zudem geschlechtlich ungleich verteilt (mehr Weibchen), was eine vollständige Analyse geschlechtsspezifischer Verhaltensunterschiede einschränkt. Dazu kommt, dass die Interaktionen zwischen Pumas auf Basis von GPS-Daten innerhalb von 200 Metern erfasst wurden – ohne direkte Beobachtungen. Die genaue Qualität dieser Begegnungen (z. B. aggressiv, sozial, zufällig) bleibt daher unklar.
Fazit: Wiederansiedlung allein garantiert keine Rückkehr zu früheren ökologischen Zuständen
Die Rückkehr von Pumas in den Monte-León-Nationalpark zeigt, wie dynamisch und anpassungsfähig Raubtiere auf neue Umweltbedingungen reagieren. Die Magellan-Pinguine, ursprünglich von der Abwesenheit von Raubtieren profitierend, wurden zur neuen Hauptbeute – mit Folgen für das Verhalten, die Sozialstruktur und die Dichte der Pumas.
Die Studie belegt: Wiederansiedlung allein garantiert keine Rückkehr zu früheren ökologischen Zuständen – vielmehr entstehen neuartige Interaktionen, die das gesamte System verändern können. Für Naturschutz und Management bedeutet das: Erfolgskriterien müssen angepasst und lokale Besonderheiten stärker berücksichtigt werden.