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Bilden ganz neue Gattung

Angriffslustig und mit riesigen Genitalien! Forscher identifizieren 4 neue Vogelspinnenarten

Neue Vogelspinnenart Satyrex ferox
Satyrex ferox ist mit einer Beinspannweite von etwa 14 cm die größte der neu entdeckten Vogelspinnenarten. Ihre Genitalien, die sogenannten Palpen, können die rekordverdächtige Länge von fünf Zentimetern erreichen. Foto: Bobby Bok
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Redaktionsleiterin

5. August 2025, 15:58 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Eine neue Vogelspinnenart mit außergewöhnlich langen Fortpflanzungsorganen, aggressiven Weibchen und einer komplett neuen Gattung. Das sind die Kernergebnisse einer Studie, die das bekannte Bild der Gattung Monocentropus auf den Kopf stellt. Terrarienfans verbinden mit diesem Namen die Blaue Jemenvogelspinne. Diese ist nach neuen Erkenntnissen aber nicht weiter mit den vier neu identifizierten Arten verwandt, die jetzt eine ganz eigene Gattung bilden: Satyrex – benannt nach den Mensch-Tier-Wesen, die für ihre riesigen Genitalien bekannt waren.

Anscheinend kommt es doch auf die Größe an – zumindest was Vogelspinnen betrifft. So lautet der Titel der Studie, in der gleich vier neue Arten identifiziert wurden: „Size matters: a new genus of tarantula with the longest male palps“ – zu Deutsch: „Auf die Größe kommt es an: eine neue Gattung von Vogelspinnen mit den längsten männlichen Palpen“. Dabei wollten die Forscher eigentlich nur die Verwandtschaftsverhältnisse der Vogelspinnen-Gattung Monocentropus klären.

Berühmtester Vertreter ist die Blaue Jemenvogelspinne (Monocentropus balfouri), die – wie der Name schon sagt – aus dem Jemen kommt. Bisher gehörten offiziell noch zwei weitere Arten dazu: M. lambertoni aus Madagaskar und M. longimanus aus dem Jemen. Diese geografische Verteilung ließ Forscher lange rätseln, denn normalerweise sind Vogelspinnen nicht als große Wanderer bekannt. Soll heißen: Nahe verwandte Arten kommen in der Regel auch in denselben oder benachbarten Regionen vor.

Neue Vogelspinnenarten bilden völlig neue Gattung

Grund genug für die Forscher, einmal genauer hinzuschauen, denn es gab noch ein ungelöstes Rätsel: Die Art M. longimanus weist – wie der Name schon beschreibt – ungewöhnlich lange Geschlechtsorgane auf. Im Gegensatz zu vielen anderen Tieren besitzen männliche Vogelspinnen keinen Penis, sondern sogenannte Palpen, mit denen sie ihr Sperma in die Geschlechtsöffnung der Weibchen transportieren. Sie sitzen an den vorderen Tastbeinen der Spinnen. Bisher war unklar, warum diese bei M. longimanus so riesig sind.

Um diese Fragen zu beantworten, kombinierten die Forscher in ihrer Studie klassische morphologische Untersuchungen mit moderner molekularbiologischer Phylogenetik. Insgesamt untersuchten sie 15 Exemplare, die alle der Gattung Monocentropus zugeordnet waren, sowie 57 Vertreter verwandter Spinnengruppen als Vergleichsgruppe. 1

Dabei identifizierten sie auf der Arabischen Halbinsel und am Horn von Afrika gleich vier neue Vogelspinnenarten. „Aufgrund morphologischer und molekularer Daten unterscheiden sie sich so stark von ihren nächsten Verwandten, dass wir zu ihrer Klassifizierung eine völlig neue Gattung gründen mussten, die wir Satyrex nannten“, erklärt Dr. Alireza Zamani von der Universität Turku, der die Studie leitete, die zu ihrer Entdeckung führte, gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „Phys.org“.

Gattung ist nach Satyren benannt

Der Gattungsname ist eine Kombination aus Satyr, einer halb Mensch, halb Tierfigur aus der griechischen Mythologie mit außergewöhnlich großen Genitalien, und dem lateinischen Wort rēx, was „König“ bedeutet. „Die Männchen dieser Spinnen haben die längsten Palpen aller bekannten Vogelspinnen“, sagt Dr. Zamani. Bei Satyrex ferox, der größten Art der Gattung mit einer Beinspannweite von etwa 14 cm, kann der männliche Palpus die unglaubliche Länge von fünf Zentimetern erreichen. Das ist fast viermal länger als der vordere Körperteil und fast so lang wie die längsten Beine der Spinne.

Der Name ferox bedeutet „wild“. Und genau das trifft auf diese neue Vogelspinnenart auch zu: „Diese Art ist äußerst defensiv“, erläutert Dr. Zamani. Schon bei der geringsten Störung hebe sie ihre Vorderbeine. Für Vogelspinnen ist dies eine typische Drohhaltung, bei der auch die sogenannten Cheliceren – die Giftzähne der Spinnen – präsentiert werden. Als sei dies nicht abschreckend genug, erzeuge die Spinne ein lautes Zischen, indem sie spezielle Haare an den Basalsegmenten der Vorderbeine aneinanderreibt, erklärt Dr. Zamani.

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Haben die Männchen so lange Genitalien, um beim Sex nicht gefressen zu werden?

Die hohe Aggressivität der Spinnen könnte eventuell auch der Grund sein, warum die Männchen der neu entdeckten Vogelspinnenart so ungewöhnlich lange Genitalien entwickelt haben. Denn der Vogelspinnen-Sex ist – wie für die meisten Männchen in der Spinnenwelt – lebensgefährlich. In der Regel versuchen die Weibchen, ihren Partner nach der Begattung zu fressen. „Wir haben vorsichtig vermutet, dass die langen Palpen es dem Männchen ermöglichen könnten, während der Paarung einen sichereren Abstand einzuhalten und ihm dabei helfen, Angriffen und dem Verschlingen durch das äußerst aggressive Weibchen zu entgehen.“

Diese ungewöhnlich langen Palpen, die bei den vier neu beschriebenen Arten entdeckt wurden, waren ausschlaggebend für die Forscher, eine neue Gattung für diese Spinnen zu etablieren. „Also ja, zumindest in der Taxonomie der Vogelspinnen scheint die Größe tatsächlich eine Rolle zu spielen“, sagt Dr. Zamani abschließend.

Ist die neue Vogelspinnenart für Terrarienfreunde interessant?

Die Blaue Jemenvogelspinne (Monocentropus balfouri), die ursprünglich zum Verwandtschaftskreis zählte, gehört mit zu den beliebtesten Vogelspinnen in der Terrarienhaltung. Das liegt nicht nur an ihrer schönen Farbgebung, sondern an einer seltenen Besonderheit unter Vogelspinnen: Man kann diese Art in kleinen Gruppen von drei bis fünf Tieren halten, was sie sehr attraktiv macht, denn normalerweise sind Vogelspinnen absolute Einzelgänger. 2

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Wie sieht es aber nun mit den neu entdeckten Vogelspinnenarten bzw. der neu etablierten Gattung Satyrex aus? Eine Gruppenhaltung dürfte hier ausfallen. Die Weibchen werden als aggressiv und verteidigungsbereit beschrieben. Das macht sie für die Terrarienhaltung wahrscheinlich eher unattraktiv. Denn wer möchte schon mit Spinnen hantieren, die bei der kleinsten Störung in Abwehrhaltung gehen – bereit, jederzeit zuzubeißen. Und auch wenn Vogelspinnenbisse für den Menschen relativ harmlos sind, sind sie schmerzhaft und können sich stark entzünden. Hoffen wir also, dass dies allein genügt, damit die Art nicht – wie viele andere – aus ihrer natürlichen Umgebung gerissen wird, um sie als besonders exotische Spinnen an interessierte Terrarienhalter zu verkaufen.

Quellen

  1. Zamani, A., von Wirth, V., Fabiánek, P., Höfling, J., Just, P., Korba, J., Petzold, A., Stockmann, M., Elmi, H. S. A., Vences, M., Opatova, V. (2025) „Size matters: a new genus of tarantula with the longest male palps, and an integrative revision of Monocentropus Pocock, 1897 (Araneae, Theraphosidae, Eumenophorinae)“. ZooKeys 1247: 89-126. https://doi.org/10.3897/zookeys.1247.162886 ↩︎
  2. arachno-world.shop, „Monocentropus balfouri“ (aufgerufen am 05.08.2025) ↩︎

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