15. Januar 2026, 17:13 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Welche Tiere stechen Mücken am liebsten? Eine neue brasilianische Studie zeigt: Menschen sind besonders häufige Blutspender. Und das, obwohl den Insekten in der artenreichen Atlantikregion über 1000 andere Tiere als Blutspender zur Verfügung stehen. Das birgt Risiken – denn so verbreiten sich Erreger wie Dengue, Zika und Gelbfieber. Doch was verrät die Vorliebe der Mücken für Menschenblut über ihre Gefährlichkeit?
Viele Mücken verlieren ihre bevorzugten Wirte
Mücken sind nicht nur lästige Insekten – sie zählen zu den tödlichsten Tieren der Welt, denn sie übertragen gefährliche Krankheiten. Über 700.000 Menschen sterben jährlich an mückenbasierten Infektionen. Insbesondere in artenreichen Regionen wie dem Atlantischen Regenwald ergeben sich komplexe ökologische Zusammenhänge. Die dort lebenden Mücken stehen vor einer Vielzahl potenzieller Wirte: über 850 Vogelarten, 270 Säugetiere und viele weitere Wirbeltiergruppen.
Durch Abholzung und menschliche Aktivitäten sind von den ursprünglichen 1,3 Millionen Quadratkilometern heute nur noch 29 Prozent dieser Ökoregion an der Ostküste Brasiliens erhalten. Dadurch verändert sich das Gleichgewicht: Viele Mücken verlieren ihre bevorzugten Wirte und weichen zunehmend auf den Menschen aus. Diese Verschiebung kann direkten Einfluss auf Krankheitsausbrüche haben. Eine Studie will solche Zusammenhänge aufdecken – und damit zur Entwicklung besserer Überwachungs- und Bekämpfungsstrategien beitragen.
Wo saugen Mücken am liebsten?
Ein Forschungsteam unter Leitung von Wissenschaftlern der Universidade Federal Fluminense untersuchte das Fressverhalten von Mücken in zwei geschützten Gebieten des brasilianischen Atlantischen Regenwalds: dem „Guapiaçu Ecological Reserve“ (REGUA) und dem „Sítio Recanto Preservar“.
Ziel war es, die Blutquellen der gefangenen Mücken zu identifizieren. Die Ergebnisse wurden im Januar 2026 in der Fachzeitschrift „Frontiers in Ecology and Evolution“ veröffentlicht. Die Erkenntnisse liefern wertvolle Hinweise für die ökologische Forschung – und für die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, die durch Mücken übertragen werden.1
DNA im Blut ermöglichte die Identifikation der „Opfer“
Untersucht wurden Mücken, die im Zeitraum von Februar 2023 bis Februar 2024 im „Guapiaçu Ecological Reserve“ (REGUA) und am „Sítio Recanto Preservar“ im brasilianischen Bundesstaat Rio de Janeiro gefangen wurden. Beide Regionen stellen Reste des ursprünglichen Atlantischen Regenwalds dar. Die Fangmethoden erfolgten mit Lichtfallen (CDC-Traps) in den Abend- und Nachtstunden.
Insgesamt wurden 1714 Mücken gesammelt, davon 653 am Sítio Recanto Preservar und 1061 in REGUA. Nur weibliche, blutgefüllte Mücken wurden untersucht. Die Blutmahlzeiten wurden per PCR und anschließender Sanger-Sequenzierung des mitochondrialen Cytochrom-b-Gens analysiert. Ein Abgleich mit der GenBank-Datenbank ermöglichte die Identifikation der Blutquelle – sofern die DNA-Qualität ausreichend war.
Neun Mückenarten als mögliche Überträger identifiziert
Von den 1714 gesammelten Mücken waren nur 145 Weibchen (8,46 %) blutgefüllt. Bei 55 dieser Proben (37,93 %) konnte die Blutquelle erfolgreich per DNA-Analyse identifiziert werden. In 24 Fällen war die Herkunft des Bluts klar bestimmbar. Es zeigte ein überraschend einseitiges Bild: 18 Proben stammten vom Menschen, sechs von Vögeln, je eine von einem Amphibium, einem Nagetier und einem Caniden (vermutlich Hund oder Fuchs). Zwei Mücken hatten sogar mehrere Blutquellen.
Am Sítio Recanto Preservar gelang die Identifikation in vier Fällen: Drei Psorophora ferox- und eine Aedes scapularis-Mücke hatten menschliches oder vogelbasiertes Blut aufgenommen. In REGUA war die Erfolgsrate höher: Hier wurden 124 blutgefüllte Weibchen gefangen, wovon bei 47 Proben (38 %) die DNA erfolgreich analysiert werden konnte.
Insgesamt konnten neun Mückenarten als mögliche Überträger mit menschlichem Blut identifiziert werden – darunter bekannte Vektoren wie Aedes albopictus (Überträger von Dengue, Zika und Chikungunya) sowie Aedes serratus, Ae. scapularis und Ps. ferox, die Gelbfieber übertragen können.
Mücken sind gezwungen, nach neuen Blutquellen zu suchen
„Hier zeigen wir, dass die Mückenarten, die wir in Überresten des Atlantischen Waldes gefangen haben, eine klare Vorliebe dafür haben, sich von Menschen zu ernähren“, zitiert das Wissenschaftsmagazin „Phys.org“ den leitenden Autoren Dr. Jeronimo Alencar, Biologe am Oswaldo-Cruz-Institut in Rio de Janeiro.
„Das ist entscheidend, denn in einer Umgebung wie dem Atlantischen Wald mit einer großen Vielfalt potenzieller Tierwirte erhöht die Präferenz für den Menschen das Risiko der Übertragung von Krankheitserregern erheblich“, fügte der Co-Autor Dr. Sergio Machado hinzu, ein Forscher, der Mikrobiologie und Immunologie an der Bundesuniversität Rio de Janeiro erforscht.
„Das Verhalten der Mücken ist komplex“, so Alencar. „Obwohl einige Mückenarten angeborene Vorlieben haben mögen, sind die Verfügbarkeit und Nähe des Wirts äußerst einflussreiche Faktoren.“ Machado erklärt: „Da es weniger natürliche Optionen gibt, sind Mücken gezwungen, nach neuen, alternativen Blutquellen zu suchen. Sie ernähren sich aus Bequemlichkeit mehr von Menschen, da wir der häufigste Wirt in diesen Gebieten sind.“
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Nur ein kleiner Teil der gefangenen Mücken war blutgefüllt
Die Studie liefert wertvolle, auf realen Proben basierende Daten über das Blutmahlzeitenverhalten wilder Mücken in einem biodiversen Lebensraum. Ihre methodische Stärke liegt in der Kombination von Feldarbeit, DNA-Analyse und bioinformatischem Abgleich mit globalen Datenbanken.
Allerdings bestehen Einschränkungen: Nur ein kleiner Teil der gefangenen Mücken war blutgefüllt, und wiederum nur bei etwa 38 Prozent dieser Proben gelang die DNA-Analyse. Grund dafür könnten niedrige DNA-Mengen, Degradationen durch Lagerung oder methodische Begrenzungen der Sanger-Sequenzierung sein. Diese kann meist nur die dominante Blutquelle erkennen – Mischmahlzeiten bleiben schwer identifizierbar.
Fazit
Diese Studie zeigt, dass Mücken in den Überresten des Atlantischen Regenwalds trotz enormer Artenvielfalt bevorzugt Menschen als Blutquelle nutzen – mit potenziell ernsten Folgen für die Verbreitung von Infektionskrankheiten. Besonders betroffen sind Arten wie die Asiatische Tigermücke (Aedes albopictus), die gefährliche Viren übertragen können.
„Zu wissen, dass Mücken in einem Gebiet eine starke Vorliebe für Menschen haben, dient als Warnung für das Übertragungsrisiko“, fasst Machado zusammen. „Das ermöglicht gezielte Überwachung und Präventionsmaßnahmen“, betont Alencar abschließend. „Langfristig könnte dies zu Kontrollstrategien führen, die das Gleichgewicht des Ökosystems berücksichtigen.“