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Studie zeigt

Diese Braunbären in Italien sind durch Menschen „zahm“ geworden

Braunbären (Ursus arctos) gibt es in fast ganz Europa – doch in Italien existiert eine spezielle Population, besonders zahmer Tiere, die wahrscheinlich durch das Jahrhunderte lange Zusammenleben mit Menschen entstand (Symbolbild).
Braunbären (Ursus arctos) gibt es in fast ganz Europa – doch in Italien existiert eine spezielle Population besonders zahmer Tiere, die wahrscheinlich durch das jahrhundertelange Zusammenleben mit Menschen entstand (Symbolbild). Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

16. Dezember 2025, 6:17 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten

Braunbären sind keine Haustiere. Und doch zeigt eine kleine Bärenpopulation im Apennin seit Jahrhunderten ein ungewöhnlich sanftes Verhalten gegenüber Menschen. Nun enthüllt eine Genomstudie: Diese Veränderung ist nicht bloß Gewöhnung – sie ist in die DNA geschrieben. Ein Blick in das Erbgut der Apennin-Braunbären zeigt, wie jahrhundertelange Mensch-Bär-Interaktion zu einer echten Verhaltensanpassung geführt hat. Das könnte auch Folgen für ihren Schutz haben.

Diese Braunbären in Italien sind kleiner und „zahmer“

Der Apennin-Braunbär, auch Marsischer Braunbär genannt, ist eine Unterart des Braunbären. Sie kommt nur in den Abruzzen in Mittelitalien vor. Mit schätzungsweise nur etwa 50 Tieren zählt sie zu den am stärksten gefährdeten Bärenpopulationen Europas. Durch Jahrhunderte der Abholzung, Landwirtschaft und gezielter Bejagung wurden diese Bären immer stärker vom restlichen Verbreitungsgebiet isoliert. Die Folge: ein massiver genetischer Flaschenhals und auffällige Unterschiede zu anderen Braunbären. Diese bestehen unter anderem in einer geringeren Körpergröße, anderen Schädelmerkmalen und auffällig ruhigem Verhalten.

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die Apennin-Braunbären genetisch stark verarmt sind. Eigentlich ist dies ein schlechtes Zeichen für das Überleben einer Art. Doch erstaunlicherweise konnte diese Bärenpopulation an überlebenswichtigen Genen eine überraschend hohe Vielfalt erhalten. Zudem wurde vermutet, dass ihre ungewöhnliche Friedfertigkeit gegenüber Menschen nicht nur durch Lernverhalten, sondern auch genetisch bedingt sein könnte. Ein internationales Forschungsteam wollte diese Vermutung überprüfen. Sie wollten klären, ob menschlicher Einfluss selektiv auf das Verhalten der Bären gewirkt haben könnte.

Wie der Mensch die Evolution einer Bärenart beeinflusste

Die Studie, die im Fachmagazin „Molecular Biology and Evolution“ erschien, wurde von einem Team unter Leitung von Giulia Fabbri (Universität Ferrara, Italien) durchgeführt. Sie zeigt erstmals anhand umfassender Genomanalysen, wie der Mensch unbeabsichtigt die Evolution einer Bärenart beeinflusst hat.

Im Zentrum steht die winzige, isolierte Population des Apennin-Braunbären (Ursus arctos marsicanus). Diese leben seit Jahrtausenden in engem Kontakt mit Menschen. Die genetischen Spuren dieses Zusammenlebens sind tiefgreifend – und könnten wichtige Hinweise für den Artenschutz liefern.1

Wie sehr unterscheiden sich die Braunbären in Italien von anderen Populationen?

Die Forscher haben zunächst das vollständige Erbgut (Genom) eines weiblichen Apennin-Braunbären mit besonders genauen Methoden entschlüsselt. Zusätzlich untersuchten sie das Erbgut von insgesamt 20 weiteren Bären – 12 aus Italien und 8 aus der Slowakei. Diese verglichen sie mit bereits bekannten Genen nordamerikanischer Braunbären. Ihr Ziel war es, herauszufinden, wie sich diese Bären in ihrer genetischen Vielfalt unterscheiden, ob sie besonders eng miteinander verwandt sind (Inzucht), wie viele schädliche Erbgutveränderungen sie tragen und ob bestimmte Eigenschaften – etwa ihr Verhalten – durch natürliche Auslese verändert wurden.

Dafür nutzten sie moderne Computeranalysen, die zeigen können, wie sich Gene über viele Generationen verändert haben. Besonderes Augenmerk legten sie auf Gene, die mit dem Verhalten und der Entwicklung des Gehirns zu tun haben. Sie untersuchten nicht nur Veränderungen in den Genen selbst. Auch die Bereiche dazwischen interessierten die Forscher, denn auch dort können sich wichtige Schalter befinden. Sie beeinflussen etwa, wie Gene abgelesen werden. Alle Untersuchungen wurden so durchgeführt, dass den Tieren kein Schaden entstand. So wurden entweder vorhandene Proben genutzt oder nur minimale Eingriffe vorgenommen.

Population leidet an Inzucht und Mutationen

Die Apennin-Braunbären weisen eine extrem niedrige genetische Vielfalt auf, mit über 66 Prozent ihrer Genome in sogenannten „Runs of Homozygosity“ (ROH) – Bereichen identischer Erbanlagen. Das ist ein typisches Zeichen für starke Inzucht. Im Vergleich zu den Braunbären aus der Slowakei zeigen die Tiere aus Italien eine deutlich höhere genetische Belastung durch schädliche Mutationen.

Gleichzeitig entdeckten die Forschenden deutliche Hinweise darauf, dass bestimmte Verhaltensmerkmale bei den Apennin-Braunbären durch natürliche Auslese verändert wurden. Vor allem Gene, die das Verhalten und die Entwicklung des Gehirns beeinflussen, zeigten auffällige Veränderungen. Darunter waren auch Gene wie „DCC“ und „SLC13A5“, die man auch bei anderen Tierarten mit zahmerem Verhalten in Verbindung bringt – etwa bei Haustieren.

Bären zeigen Gene für besonders ausgeprägte Freundlichkeit

Insgesamt fanden die Forscher 17 Gene, deren spezielle Varianten bei den Apennin-Braunbären besonders häufig vorkommen. Viele dieser Varianten befinden sich nicht direkt im Gen selbst, sondern in benachbarten Abschnitten, die beeinflussen, wie die Informationen im Gen abgelesen und verarbeitet werden.

Interessant ist dabei, dass einige dieser Gene auch beim Menschen mit einem Syndrom in Verbindung stehen, das durch eine besonders ausgeprägte Freundlichkeit und Kontaktoffenheit gekennzeichnet ist (Williams-Beuren-Syndrom). Es ist daher gut möglich, dass diese genetischen Besonderheiten zur ungewöhnlich geringen Aggressivität der Apennin-Braunbären in Italien beigetragen haben – vielleicht als Folge davon, dass über viele Generationen hinweg besonders aggressive Tiere vom Menschen gezielt getötet wurden.

Genetisch „zahmer“ Bär könnte Vorteile, aber auch Risiken haben

Diese Studie liefert erstmals robuste Belege dafür, dass eine Wildtierpopulation nicht nur durch Verhaltensanpassung (Lernen), sondern auch durch genetische Veränderungen auf den dauerhaften Einfluss des Menschen reagiert. Die Kombination aus extremem genetischem Flaschenhals, hoher Inzucht und gleichzeitig selektiver Erhaltung verhaltensrelevanter Gene zeigt ein komplexes Bild evolutionärer Anpassung.

Die Ergebnisse legen nahe, dass der Mensch – durch jahrhundertelange Verfolgung aggressiver Individuen – unbeabsichtigt zur genetischen Festigung eines sanfteren Verhaltens in der Braunbärenpopulation beigetragen hat. Diese evolutionäre Veränderung hat möglicherweise Konflikte reduziert und so das Überleben der Tiere trotz ihrer genetischen Erosion unterstützt. Auch im Hinblick auf zukünftige Schutzmaßnahmen und mögliche Auswilderungen sind diese Erkenntnisse entscheidend: Ein genetisch zahmer Bär könnte in neuen Gebieten sowohl Vorteile als auch Risiken mit sich bringen.

Ob es wirklich „genetisch zahme“ Bären gibt, ist nicht abschließend bewiesen

Die Studie ist methodisch herausragend und kombiniert modernste Sequenziertechniken mit umfassender bioinformatischer Analyse. Die Datenlage ist durch die Kombination aus neuen und bereits veröffentlichten Genomen solide, insbesondere angesichts der Seltenheit der Apennin-Braunbären. Durch den direkten Vergleich mit anderen Braunbärenpopulationen kann die Studie Unterschiede sicher zuordnen.

Eine Einschränkung liegt jedoch in der geringen Stichprobengröße. Auch die Interpretation von Genfunktionen basiert größtenteils auf Analogien zu anderen Spezies (z. B. Mensch, Hund, Rind), was gewisse Unsicherheiten mit sich bringt. Zudem bleiben Umwelt- und Lernfaktoren als Einfluss auf das Verhalten nicht vollständig ausgeschlossen. Die Aussage, dass reduzierte Aggressivität genetisch fixiert wurde, ist stark gestützt – aber nicht abschließend bewiesen.

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Trotz Sanftmut gibt es immer wieder Zwischenfälle

Auch wenn diese Population von Braunbären in Italien als „zahm“ gilt, kam es in der Vergangenheit immer mal wieder zu Zwischenfällen, bei denen Tiere auch erschossen wurden. So wurde im September 2023 eine den Anwohnern gut bekannte Braunbärin namens „Amarena“ erschossen. Das Tier hatte sich immer wieder in Dörfern in den Abruzzen aufgehalten und war nie ein Problem für Menschen, wie es im Bericht des Südtiroler Nachrichtenmagazins „Rai News“ heißt. Der Vorfall sorgte für viel Unmut– auch, weil jeder Verlust eines Tieres eine Bedrohung für die ohnehin schon kleine Population darstellt.

Aber nicht nur Abschüsse, auch Unfälle bedrohen die Apennin-Braunbären. Im Januar 2023 wurde Italiens „Naschbär“ von einem Auto angefahren und getötet, wie unter anderem der österreichische Fernsehsender „orf“ berichtete. Der unter dem Namen Juan Carrito bekannte Braunbär wurde mit seinen Streifzügen in der Bergortschaft Roccaraso in der mittelitalienischen Apennin-Region Abruzzen zu einem Star in sozialen Netzwerken. Dieser hielt nicht – wie eigentlich üblich – Winterschlaf und wurde unweit eines Tunnels von einem Auto angefahren und tödlich verletzt.

Fazit: Genetische Anpassungen könnten zur friedlicheren Koexistenz beitragen

Die Apennin-Braunbären sind ein beeindruckendes Beispiel für die unbeabsichtigte Rolle des Menschen als evolutionärer Faktor. Die neue Studie belegt, dass sich in ihrer DNA deutliche Spuren von Selektion auf Verhaltensmerkmale finden – vermutlich ausgelöst durch menschliche Verfolgung aggressiver Tiere. Diese genetischen Anpassungen könnten zu einer friedlicheren Koexistenz beigetragen haben und zeigen, wie tief menschlicher Einfluss auf Wildtiere reicht. Für den Artenschutz bedeutet das: Verhaltensgenetik sollte stärker berücksichtigt werden – gerade bei so kleinen und gefährdeten Populationen wie der ABB.

Quellen

  1. Fabbri, G. et al. (2025) „Coexisting With Humans: Genomic and Behavioral Consequences in a Small and Isolated Bear Population“. Molecular Biology and Evolution, Volume 42, Issue 12, msaf292, https://doi.org/10.1093/molbev/msaf292 ↩︎

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