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Bedrohte Heuschrecke

Insekt des Jahres 2026 – wie der Warzenbeißer zu seinem Namen kam

Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) auf einem Zweig sitzend
Der Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) ist Insekt des Jahres 2026 und steht für bedrohte Magerrasenlebensräume Foto: Getty Images
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Porträt Saskia Schneider auf dem PETBOOK Relaunch
Redaktionsleiterin

3. Dezember 2025, 17:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Der Warzenbeißer ist „Insekt des Jahres 2026“. Mit seinem bulligen Körper, dem leuchtenden Farbspiel und einem Ruf, der an einen alten Traktor erinnert, ist er alles andere als ein unauffälliger Vertreter der heimischen Insektenwelt. Doch die Heuschrecke mit dem ungewöhnlichen Namen ist nicht nur optisch markant – sie steht auch exemplarisch für bedrohte Lebensräume.

Symbol für bedrohte Magerrasen

Das Kuratorium „Insekt des Jahres“ hat den Warzenbeißer (Decticus verrucivorus) als Insekt des Jahres 2026 für Deutschland, Österreich und die Schweiz bestimmt. Die Wahl erfolgte unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Schmitt, Direktor des Senckenberg Deutschen Entomologischen Instituts in Müncheberg.

Der Warzenbeißer erreicht eine Körperlänge von bis zu vier Zentimetern. Laut dem Kuratorium steht er exemplarisch für die schwindende Insektenvielfalt in halbtrockenen Wiesenlandschaften, wie das Senckenberg Institut in einer Pressemeldung schreibt. Prof. Dr. Thomas Schmitt beschreibt das Tier als unverwechselbar: „Seine Farben reichen von leuchtendem Grün bis zu erdigen Brauntönen – eine erstaunliche Variabilität, die ihn in vielen Habitaten anpassungsfähig macht.“ Gleichzeitig betont er: „Aufgrund ihrer hohen ökologischen Ansprüche sind größere Populationen des Warzenbeißers aber nur dann anzutreffen, wenn ausreichend große Flächen für die Insekten zur Verfügung stehen.“

Wie der Warzenbeißer zu seinem Namen kam

Der ungewöhnliche Name des Warzenbeißers geht auf eine überlieferte volksheilkundliche Anwendung zurück. Früher glaubte man, dass der kräftige Biss der Heuschrecke dazu beitragen könne, Warzen zu heilen oder auszutrocknen. Denn beim Zubeißen tritt ein ätzender Verdauungssaft aus, von dem man hoffte, dass er den Heilungsprozess anstößt. Daher ließen sich Menschen die Tiere gezielt auf ihre Warzen setzen und beißen. Auch die wissenschaftliche Bezeichnung Decticus verrucivorus spiegelt diesen Aberglauben wider. So leitet sich diese vom lateinischen „verruca“ (Warze) und „voro“ (ich fresse) ab. Aus heutiger Sicht fehlt für diese Methode jeglicher medizinischer Nachweis – der Name hat sich dennoch bis in die Gegenwart gehalten.1,2

Rückgang trotz weiter Verbreitung

Obwohl die Langfühlerheuschrecke in Europa und Asien weitverbreitet ist und in Deutschland theoretisch im ganzen Bundesgebiet vorkommt, sinkt ihre Zahl stetig. Verantwortlich dafür sind tiefgreifende Veränderungen in der Landschaftsnutzung. Schirmherr Prof. Dr. Martin Husemann, Direktor am Naturkundemuseum Karlsruhe, warnt: „Die intensivere Landwirtschaft, Drainage und Aufforstung zerstören seine Lebensräume – offene, halbtrockene Magerrasen, die für die Art so wichtig sind, verschwinden immer mehr.“ Besonders kritisch sei dabei die zunehmende Isolation kleiner Restpopulationen, denn „genetischer Austausch werde erschwert, wenn natürliche Korridore fehlten“.

Überlebenskünstler mit besonderem Lebenszyklus

Die auffällige Heuschrecke lebt bevorzugt in extensiv genutzten Wiesen, braucht Sonne und Wärme – und Zeit. Denn: Eine Generation pro Jahr reicht dem Warzenbeißer, wobei sich der Entwicklungszyklus lange hinziehen kann. Die Weibchen legen im Spätsommer und Herbst zwischen 200 und 300 Eier in den Boden, manche davon überdauern dort bis zu sieben Jahre. Prof. Dr. Thomas Schmitt erklärt: „Schlüpfen dann diese larvalen ‚Spätzünder‘, brauchen sie viel Wärme und Sonne, um zu überleben. Auch wenn die Jungtiere sich in hoher Vegetation vor Fraßfeinden verstecken, ist die Sterblichkeitsrate bis zum Erreichen der adulten Erscheinung sehr hoch.“

Adulte Tiere sind von Juni bis Oktober unterwegs, besonders zahlreich im August. Obwohl sie fliegen können, verlassen sie sich überwiegend auf ihre kräftigen Sprünge. Ihre Ernährung ist vielseitig – neben Pflanzen jagen sie aktiv andere Insekten.

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Lauter Ruf, cleveres Verhalten

Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal ist das akustische Verhalten der Männchen. Ihre charakteristischen „Zick“-Laute beginnen langsam und beschleunigen sich. Husemann beschreibt den Klang eindrücklich: „Der Ruf des Warzenbeißers erinnert an den Motor eines alten Traktors.“ Der Gesang dient sowohl zur Partnerwerbung als auch zur Revierverteidigung: „In ihrem wenige Quadratmeter großen Revier reagieren sie mit unregelmäßiger Versfolge auf Konkurrenten – ein akustisches Duell.“

Bei Gefahr zeigen die Tiere ausgeklügelte Schutzmechanismen. „Männchen klettern auf Pflanzen, um von dort mit ihrem Gesang Weibchen anzulocken – bei Gefahr verstummen sie aber und lassen sich leise zu Boden fallen. Damit entgehen sie vielen Feinden“, so Schmitt. Historische Quellen berichten sogar von Kämpfen mit Vögeln, bei denen die Tiere als Verteidigungsmechanismus Verdauungssaft verspritzten. Neben Vögeln bedrohen auch Parasiten wie Fadenwürmer und Fliegenmaden ihr Überleben.

Mahnmal für den Naturschutz

Die Ernennung zum „Insekt des Jahres“ soll Bewusstsein schaffen – für bedrohte Arten ebenso wie für gefährdete Lebensräume. „Er ist ein Botschafter für gefährdete Lebensraumtypen. Nur durch naturschutzorientierte Pflege, die Vernetzung von Flächen und eine nachhaltige Bewirtschaftung kann das Fortbestehen dieser Art gesichert werden“, betont Schmitt.

Die Auszeichnung wird seit 1999 jährlich vergeben. Sie geht auf eine Initiative von Prof. Dr. Holger Dathe zurück, dem früheren Leiter des heutigen Senckenberg Instituts in Müncheberg. Ein Fachgremium aus renommierten Entomologinnen und Entomologen sowie Vertreterinnen und Vertretern wissenschaftlicher Einrichtungen trifft die Wahl auf Basis eingereichter Vorschläge. Letztes Jahr wurde die Holzwespen-Schlupfwespe (Rhyssa persuasoria) zum Insekt des Jahres gewählt (PETBOOK berichtete).

Quellen

  1. biosphaere-bliesgau.eu, „Warzenbeißer“ (aufgerufen am 03.12.2025) ↩︎
  2. insektenbox.de, „Warzenbeißer“ (aufgerufen am 03.12.2025) ↩︎

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