8. August 2025, 17:14 Uhr | Lesezeit: 4 Minuten
Hummer sind faszinierende Meeresbewohner – nicht nur wegen ihrer mächtigen Scheren, sondern vor allem wegen eines hartnäckigen Mythos: Sie sollen unsterblich sein – wenn sie nicht verspeist würden. Ein Blick auf ihre Biologie zeigt, was es damit auf sich hat und warum dies zumindest theoretisch sogar stimmt.
Wie alt werden Hummer?
Obwohl Altersrekorde bei Hummern meist mit Bewunderung betrachtet werden, haben sie bei den Krustentieren oft einen bitteren Beigeschmack – denn die potenziell ältesten Exemplare wurden nicht etwa in freier Wildbahn entdeckt, sondern in Restaurants. Im Jahr 2009 sorgte ein Amerikanischer Hummer namens George für Aufsehen. Das Tier war rund neun Kilogramm schwer und wurde auf ein Alter von 140 Jahren geschätzt. 2017 wurde ein weiteres beeindruckendes Exemplar bekannt: Hummer Louie soll laut Schätzungen etwa 132 Jahre alt gewesen sein. Beide Tiere entkamen letztlich dem Kochtopf und wurden wieder ins Meer zurückgebracht. 1, 2
So beeindruckend diese Zahlen auch sind, werfen sie doch grundlegende Fragen auf: Wie alt können Hummer tatsächlich werden – oder sind sie vielleicht doch unsterblich? Die Altersangaben von George und Louie beruhen jedenfalls auf Schätzungen und sind wissenschaftlich nicht eindeutig belegbar. Solange große Exemplare weiterhin hauptsächlich im gastronomischen Kontext auftauchen, bleibt das wahre Alterspotenzial von Hummern im Dunkeln. Vielleicht hält sich auch deshalb hartnäckig das Gerücht, Hummer würden gar nicht sterben, wenn sie nicht gegessen würden.
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Warum Hummer theoretisch unsterblich sind
Während bei Menschen mit dem Alter Muskeln schwinden, Knochen brechen und Zellen sich nur noch langsam erneuern, sieht das beim Hummer ganz anders aus: Er wird mit den Jahren nicht schwächer, sondern stärker. Eine Forschungsgruppe um Guido Krupp vom Institut für Hämatopathologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel hat sich bereits 1998 in einer wegweisenden Studie dieser Frage gewidmet. Untersucht wurde hierbei allerdings nur der Amerikanische Hummer (Homarus americanus), nicht sein europäischer Verwandter (Homarus gammarus). Man kann aufgrund der nahen Verwandtschaft aber davon ausgehen, dass bei ihm ähnliche Mechanismen vorhanden sind.
Denn im Gegensatz zu vielen Tieren, die irgendwann „ausgewachsen“ sind und altern, wachsen Hummer ihr Leben lang weiter. Der Grund dafür sind vermutlich sich wiederholende DNA-Sequenzen an den Enden von Chromosomen, die diese bei der Zellteilung schützen: die sogenannten Telomere. Beim Menschen und bei vielen anderen Tieren sind diese Sequenzen jedoch inaktiv. Dies führt über kurz oder lang zu einem Teilungsstopp der Zellen (Seneszenz).
Bei Hummern sorgt die Telomerase laut der Studie jedoch dafür, dass die Enden der Chromosomen bei der Zellteilung geschützt sind und keine Fehler in der DNA entstehen. In den meisten erwachsenen Säugetieren ist das Telomerase-Enzym nur in bestimmten Zellen aktiv, etwa in Tumorzellen oder embryonalen Geweben. Beim Hummer wurde dieser Prozess jedoch in allen Gewebeproben nachgewiesen, besonders im Hepatopankreas und im Herz, aber auch in Haut und Muskulatur. Dies könnte erklären, warum Hummer auch in hohem Alter noch ganze Gliedmaßen regenerieren können, was auf eine dauerhaft hohe Zellteilungsrate hinweist. 3
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Und warum sterben Hummer dann trotzdem?
Obwohl ihre Zellen also praktisch nicht altern, sind Hummer in der Realität nicht unsterblich. Denn auch ein ewig junges Inneres hilft nichts, wenn der äußere Panzer zum Problem wird. Wie viele Krebstiere häuten sich Hummer regelmäßig, um wachsen zu können – ein Prozess, der sehr viel Energie kostet.
Irgendwann allerdings ist die Kraft aufgebraucht, und das Tier kann (oder will) sich nicht mehr häuten. Der Panzer wächst nicht mit und beginnt, den Hummer regelrecht zu erdrücken. Hinzu kommen gesundheitliche Risiken durch Parasiten und Bakterien, die sich im Panzer angesammelt haben. Wenn der Häutungsprozess ausbleibt, ist das oft ein Anzeichen dafür, dass das Ende naht. Der Hummer stirbt dann an Erschöpfung, Infektionen – oder er wird selbst zur Beute.
Neben der Panzerproblematik gibt es für Hummer aber auch andere Gefahren. Unfälle, Kämpfe mit Artgenossen, Fressfeinde oder der Mensch sind häufige Todesursachen. Vor allem durch den Fang für den Verzehr endet das Leben vieler Hummer frühzeitig – ganz unabhängig von ihrer Zellgesundheit. Solange Hummer also weiterhin als Delikatesse gelten, wird man wohl nie herausfinden, wie alt die Tiere wirklich werden können.
