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1000 Jahre altes Missverständnis

Warum das Wort „Eidechse“ durch einen uralten Rechtschreibfehler entstand

Madagaskar-Taggecko auf einem Ast
Große Madagaskar-Taggeckos haben keinen sonderlich klangvollen Namen im Deutschen. Und auch die Bezeichnung Eidechse ist sprachlich gesehen eigentlich ein Schreibfehler. Foto: Getty Images
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

24. Oktober 2025, 10:24 Uhr | Lesezeit: 3 Minuten

Im Englischen heißen Tiere oft herrlich schräg – von „butterfly“ bis „ladybug“. Die deutschen Bezeichnungen dagegen klingen meist nüchtern und ordentlich, ganz wie es Zoologen lieben. Doch bei der gesamten Zuordnung „Eidechse“ ist etwas gründlich schiefgelaufen. Wie aus einem sprachlichen Missverständnis ein offizieller Tiername wurde, erklärt PETBOOK-Redakteurin und Sprachwissenschaftlerin Louisa Stoeffler im Folgenden.

Warum eigentlich alle Eidechsen „Dechsen“ sind

Kaum jemand ahnt, dass das Wort „Eidechse“ in seiner heutigen Form gar kein Zufallsprodukt der Natur, sondern eines der Sprache ist. Tatsächlich verdanken wir die Schreibweise einem Missverständnis – und einem gelehrten Mann, der beim Versuch, Ordnung in die Tierwelt zu bringen, selbst ein Stück sprachliche Unordnung hinterließ.

Wenn man es streng sprachgeschichtlich nimmt, ist das Wort „Eidechse“ eine Fehlentwicklung – denn eigentlich müsste das Tier schlicht „Dechse“ heißen.

Der zweite Wortteil „-echse“ stammt nämlich vom griechischen echidna (für „Schlange“) beziehungsweise vom lateinischen lacerta (für „Echse“). Im Althochdeutschen hieß das Tier ursprünglich agidahsa oder egidehsa – eine Zusammensetzung aus „egis“ (Schlange, Reptil) und einem Suffix dehsa oder dahsa, je nach Schreibweise, was „Tierchen“ bedeutete. Über die Jahrhunderte wandelte sich das Wort für „Schlangentierchen“ lautmalerisch, wurde vereinfacht und schließlich im Mittelhochdeutschen zu eidehsa.

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Ein Schreibfehler, der Geschichte schrieb

Und hier passierte der folgenschwere Irrtum: Schon früh nahmen Schreiber an, das erste Wortglied „ei-“ habe tatsächlich etwas mit einem Ei zu tun – also mit der Fortpflanzung der Tiere. Das „Ei“ blieb, obwohl es mit der ursprünglichen Bedeutung nichts zu tun hatte.

Anfang des 19. Jahrhunderts war es dann der Naturforscher Lorenz Oken (1779–1851), der den sprachlichen Irrtum endgültig festschrieb, indem er Ei-Dechse falsch trennte. Für ihn war das nur logisch – schließlich legen Eidechsen Eier, oder? Aus dem ursprünglichen „Dechsen“-Tier wurde also durch einen simplen Worttrennungsfehler das, was wir heute selbstverständlich als „Eidechse“ kennen.

Doch die ursprüngliche Wurzel war eben nicht das „Ei“, sondern eben dieses alte germanische Lautgebilde, das später verschwunden ist. Das Wort hätte sich also eigentlich zu „Dechse“ weiterentwickeln müssen – und das wäre nach der Lautenwicklung zum Hochdeutschen völlig logisch gewesen. Nur: Der Irrtum war schneller, durch falsche Wortteiltrennung zu „Ei“ und „Dechse“.

Der Fehler wird offiziell – dank Lorenz Oken

Damit machte Oken, der einer der ersten war, die versuchten, deutsche Namen für Tierarten zu standardisieren, den mittelalterlichen Irrtum amtlich. Oken übernahm viele Begriffe aus der volkstümlichen Sprache – und schrieb sie in seinen zoologischen Werken nieder.

Nur: Oken war Biologe und kein Sprachwissenschaftler. Als er den Namen „Eidechse“ verwendete, hielt er ihn schlicht für korrekt. Und so fand der mittelalterliche Schreibfehler seinen Weg in die Fachliteratur – und schließlich in den allgemeinen Sprachgebrauch. Ein Fehler, der überlebt hat, weil er so plausibel klingt.

Und so kriecht die „Eidechse“ bis heute mit einem sprachlichen Anhang durchs Leben, den sie eigentlich nie hatte. Heute ist das Wort fester Bestandteil der deutschen Sprache – obwohl die ursprüngliche Form „Agidahsa“ ganz ohne „Ei“ auskam. Sprachgeschichtlich ist das Wort ein Paradebeispiel dafür, wie sich Sprache nicht nach Logik, sondern nach Missverständnissen und mündlichen Überlieferungen entwickelt. Das Ergebnis: Ein Schreibfehler, der über tausend Jahre überdauert hat – und sich noch immer auf jedem warmen Stein sonnt.

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