5. November 2025, 15:24 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Einige betrachten sie als architektonische Wunderwerke der Natur, andere können bei ihrem Anblick kaum hinsehen: Spinnennetze faszinieren und gruseln zugleich. Während sie in mitteleuropäischen Gärten meist nur einige Zentimeter messen, gibt es Spinnenarten, deren Netze ganze Landschaften überspannen – und neuerdings sogar Höhlen füllen. Ein spektakulärer Fund an der Grenze zwischen Albanien und Griechenland hat nun alle bisherigen Rekorde gebrochen.
Neuer Rekord: Spinnenkolonie mit über 111.000 Tieren entdeckt
Laut dem Guinness-Buch der Rekorde galten die Netze der sogenannten Darwin’s bark spider als größte der Welt. Doch ein spektakulärer Neufund übertrifft alles bisher Dagewesene: In der „Sulfur Cave“, einer schwefelreichen Höhle an der albanisch-griechischen Grenze, stießen Forscher auf ein gigantisches Spinnennetz mit einer Fläche von über 100 Quadratmetern. Die Kolonie umfasst mehr als 111.000 Spinnen – verteilt auf zwei Arten: Etwa 69.000 Individuen von Tegenaria domestica und über 42.000 Exemplare von Prinerigone vagans wurden gezählt.
„Wir berichten über die Entdeckung und detaillierte Analyse einer außergewöhnlichen kolonialen Spinnenansammlung in der Sulfur Cave“, heißt es in der am 17. Oktober veröffentlichten Studie im Fachjournal „Subterranean Biology“. Die Forscher gehen davon aus, dass das außergewöhnliche chemische Milieu der Höhle – geprägt durch schwefeloxidierende Mikroorganismen – das Zusammenleben der Spinnen in dieser ungewöhnlichen Dichte begünstigt hat.1
Die ersten Hinweise auf die Megakolonie stammen von Mitgliedern der tschechischen Höhlenforschungsgesellschaft, die das Netz bereits 2022 entdeckten. Im Frühjahr 2024 begannen dann umfassende Untersuchungen durch ein internationales Forscherteam.
Einzigartige Anpassung an schwefelreiche Umgebung
Die Sulfur Cave liegt in einem Bereich völliger Dunkelheit, geformt über Jahrhunderte durch Schwefelsäure-Erosion. Die Spinnennetzstruktur besteht aus trichterförmig ineinandergreifenden Netzen, die sich in einem niedrigen, engen Höhlengang erstrecken. Studienautor István Urák von der Sapientia-Universität in Siebenbürgen schilderte seine Eindrücke gegenüber dem Wissenschaftsmagazin „LiveScience“ mit den Worten:
„Wenn ich versuchen müsste, all die Emotionen in Worte zu fassen, die in mir aufkamen [als ich das Netz sah], würde ich vor allem Bewunderung, Respekt und Dankbarkeit nennen. Man muss es selbst erleben, um wirklich zu begreifen, wie es sich anfühlt.“
Stabile Isotopenanalysen zeigen, dass die Spinnenkolonie von einer sogenannten chemoautotrophen Nahrungskette profitiert, die auf Mikroben basiert, die sich von Schwefel ernähren. Diese Mikroorganismen bilden die Nahrungsgrundlage für Zuckmückenlarven, die wiederum als Beute für die Spinnen dienen. Genetische Analysen ergaben, dass die Populationen von Tegenaria domestica in der Höhle genetisch von oberirdischen Vorkommen derselben Art abweichen. Es handelt sich also um eine einzigartige Spinnenart, die – im Gegensatz zu vielen uns bekannten Arten – in riesigen Kolonien lebt, die das Rekordnetz erst möglich machen.
Spinnen-Großprojekt in Texas: 180 Meter Netz aus Teamarbeit
Aber auch über der Erde gibt es Spinnen, die in sozialen Verbänden gigantische Netze weben. Dazu gehören Arten wie Stegodyphus mimosarum doch dass verschiedene Arten ein Netz gemeinsam nutzen, ist extrem selten. Im Jahr 2007 entdeckten Forscher im Lake Tawakoni State Park in Texas ein Spinnennetz von unglaublicher Größe: Es erstreckte sich über 180 Meter durch Bäume und Büsche – ein Gemeinschaftswerk von rund 250 Spinnen aus zwölf verschiedenen Arten. Besonders häufig vertreten war die Familie der Streckerspinnen (Tetragnathidae).2,3
Solche sozialen Netzwerke sind eine Ausnahme im Spinnenreich, das normalerweise von Einzelgängern dominiert wird. Forscher vermuten als Ursache ein besonders hohes Nahrungsangebot, das territoriale Abgrenzungen in den Hintergrund treten ließ.
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Warum es manchmal Spinnen „regnen“ kann
So riesig sind die größten Spinnen der Welt
Seidenspinnen: Künstler mit stabiler Seide und großem Netzradius
Die bisher genannten Netze entstanden als Großprojekt mehrerer Spinnen. Betrachtet man das Werk einzelner Tiere, gehören Spinnen der Gattung Nephila, auch Seidenspinnen genannt, zu den bekanntesten Großnetzbauern. Ihre Netze sind nicht nur beeindruckend groß, sondern auch extrem robust. Sie sind sogar so stabil, dass sie gelegentlich sogar kleine Vögel fangen. In manchen Regionen wird ihre besonders reißfeste Spinnseide sogar von Fischern geerntet und zur Herstellung von Fangnetzen verwendet.
Die größte Vertreterin dieser Gattung ist Nephila pilipes. Weibliche Tiere erreichen bis zu fünf Zentimeter Körperlänge – das macht sie zu den größten Netzspinnen außerhalb der Vogelspinnenfamilie. Ihre Netze erreichen Durchmesser von bis zu einem Meter. Andere Seidenspinnenarten schaffen es sogar auf mehr als zwei Meter Spannweite.
Klein, aber rekordverdächtig: Die „Darwin’s bark spider“
Ein Spitzenplatz im Netzbau gehört jedoch einer ganz anderen Spinne: Caerostris darwini, bekannt als „Darwin’s bark spider“, lebt auf Madagaskar – und webt Netze mit bis zu 25 Metern Spannweite. Damit überspannt sie ganze Flussläufe.4
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Größe, sondern auch die Qualität der Seide: Sie gilt laut Forschern als das zäheste je untersuchte Biomaterial der Welt – doppelt so stark wie andere Spinnenseide. Ihre Netze spannen die Tiere über Flüsse oder Seen, wo sich besonders viele Insekten aufhalten – ideale Jagdgründe, die jedoch ein außergewöhnlich belastbares und ausladendes Netz erfordern.5,6
Laut Experten sollen die Spinne ihre Netze direkt über dem Wasser eines Flusses oder Sees spannen, ein Lebensraum, den keine andere Spinne nutzen kann. Doch gerade an und über Wasseroberflächen halten sich meist viele Insekten auf. Damit die Bauten einen ganzen See überbrücken, müssen die Netze dementsprechend groß sein.7