21. Oktober 2025, 6:11 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten
Es war ein Internetphänomen mit Kultstatus: ein betonierter Gehsteig in Chicago, in dem sich ein rattenförmiger Abdruck befand – das sogenannte „Chicago Rat Hole“. Alle wollten ein Foto mit dem Rattenloch, warfen Münzgeld oder sogar Kartoffelchips in den Abdruck. Doch wie sich nun herausstellt, steckt hinter dem mysteriösen Umriss vermutlich gar kein Nagetier mit dünnem Schwanz und schlechtem Image. Die Wissenschaft hat sich der ungewöhnlichen Spur angenommen – mit einem überraschenden Ergebnis, das sogar Rückschlüsse auf urzeitliche Fossilien zulässt.
Ikonischer Abdruck in der „rattigsten Stadt Amerikas“
Chicago gilt regelmäßig als „rattigste“, sprich dreckigste Stadt voller Schadnager in den USA. Umso besser passte das „Chicago Rat Hole“ ins Bild: eine vertiefte Kontur auf einem Gehsteig im Stadtteil Roscoe Village, die für manche unverkennbar einer Ratte ähnelte. Niemand wusste genau, wann oder wie sie entstanden war. Der Ursprung reicht wohl rund zwei bis drei Jahrzehnte zurück, doch erst durch einen Tweet des Komikers Winslow Dumaine wurde es Anfang 2024 zu einem viralen Phänomen.
Das Loch – eine auffallend detailreiche Tierimpression im Beton – wurde zu einem inoffiziellen Wahrzeichen. Fans hinterließen Blumen, Münzen oder Chips in der Vertiefung, machten Fotos, einige heirateten sogar direkt daneben. Zusätzlich gaben sie ihm den Namen „Splatatouille“ nach dem Disneyfilm „Ratatouille“ und dem englischen Wort „splat“ für „Platscher“. Sogar ein Softball-Team übernahm das Symbol als Maskottchen.
Trotz des öffentlichen Interesses war die vermutete Urheberschaft durch eine Stadtratte (Rattus norvegicus) nie wissenschaftlich geprüft worden. Diese Lücke schloss ein Forscherteam nun und nutzte das Beispiel auch, um zu zeigen, wie wissenschaftliche Neugier aus Alltagsbeobachtungen entstehen kann.
Analyse widerlegt Rattentheorie
Die Legende besagte, dass eine Ratte nach Straßenarbeiten über den noch weichen Gehsteig gelaufen, steckengeblieben und gestorben war. Während des Aushärtens im Beton hinterließ sie eine Spur für die Ewigkeit. Doch genau das konnte ein Forschungsteam um Michael Granatosky von der University of Tennessee in Knoxville nun widerlegen. „Wir können mit Sicherheit sagen, dass dieser Abdruck nicht von einer Ratte stammt“, erklärte Granatosky gegenüber der „New York Times“.
Laut der im Fachjournal „Biology Letters“ veröffentlichten Studie liegt die Wahrscheinlichkeit, dass es sich bei dem Verursacher des „Chicago Rat Hole“ tatsächlich um ein Eichhörnchen handelt, bei 98,67 Prozent. Wahrscheinlich war es ein Grauhörnchen (Sciurus carolinensis), möglicherweise auch ein Fuchshörnchen (Sciurus niger). Ganz sicher lässt sich die Tierart jedoch nicht bestimmen.
Digitale Spurensuche
Für ihre Untersuchung griffen die Wissenschaftler auf die App iNaturalist zurück, um infrage kommende Tierarten der Umgebung zu identifizieren. Entscheidender Bestandteil der Analyse war der Abgleich von Fotos mit dem Umriss – insbesondere mithilfe der von Fans hinterlassenen Münzen, die als Maßstab für Gliedmaßen und Schwanzlänge dienten. Auch die schmale Form des Schwanzabdrucks passt besser zu einem Eichhörnchen.
Trotz des ungewöhnlichen Ansatzes betont das Team die Relevanz der Methode für die Paläontologie. Granatosky, spezialisiert auf die Evolution tierischer Bewegungen, zog Parallelen zu sogenannten Spurenfossilien, etwa Fußabdrücken von Dinosauriern, die sich in schlammigem Untergrund verewigt haben. Auch hier könne man oft nur die Gattung, aber nicht die exakte Art bestimmen.
Die Wissenschaft entkräftete auch den Spitznamen „Splatatouille“ der Struktur. Dieser entstand aufgrund der Annahme, eine Ratte (oder alternativ ein Flughörnchen) sei in den frischen Zement geklatscht und stecken geblieben. Stattdessen deuten die Ergebnisse darauf hin, dass das besagte Tier wohl von einem Baum auf den (noch) weichen Gehweg gefallen ist.
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Kein Flughörnchen, sondern Sturz aus dem Baum
Besonders bemerkenswert: Die vermeintliche „Ratte“ muss höchstwahrscheinlich ein tagaktives Tier wie das Eichhörnchen gewesen sein, weil dies am ehesten mit frischem Beton in Berührung kommen konnte. Ganz im Gegensatz zur nachtaktiven Ratte, die vielleicht nur noch Pfotenabdrücke hinterlassen hätte, weil der Zement dann schon angezogen hätte.
Allerdings deutet die Position der Impression darauf hin, dass das Tier aus größerer Höhe, wohl aus einem Baum auf den Beton fiel – was bei Stadteichhörnchen keine Seltenheit ist. Untersuchungen zeigen, dass diese in Städten 4,5-mal häufiger Knochenbrüche durch Stürze aufweisen als ihre ländlichen Verwandten. Zwar war an der Fundstelle zunächst kein Baum erkennbar, doch laut Aussage eines Anwohners stand dort früher tatsächlich einer.
Heute kann man das berühmte Loch nicht mehr vor Ort betrachten. Bereits als der Hype 2024 begann, schütteten Unbekannte die Vertiefung zu – vermutlich, weil ihnen der Rummel zu viel wurde. Die Stadtverwaltung wies jede Beteiligung von sich. Doch Freiwillige ließen das nicht auf sich sitzen und legten das „Rattenloch“ wieder frei.
Spur mit Geschichte – und Zukunft
Letztlich griff die Stadt doch ein – und sicherte das ungewöhnliche Artefakt: Der Betonblock mit dem intakten Abdruck wurde entnommen und befindet sich seit April 2024 nun in städtischer Verwahrung. Bis ein geeigneter Ort gefunden ist, um das zufällige Kunstwerk öffentlich auszustellen, bleibt „Splatatouille“ im Rathaus untergebracht.
Zwar war die Studie humorvoll motiviert, folgt aber strikt wissenschaftlichen Methoden. Sie verdeutlicht die Grenzen der Spurenzuordnung: Selbst mit gut erhaltenem Abdruck und vergleichbarem Material aus Museen ist keine eindeutige Artbestimmung möglich.
Auch ob das Tier den Sturz überlebt haben könnte, wurde diskutiert. Allerdings gibt es keine Hinweise darauf, dass es nach dem Eindruck weitergelaufen ist. Das spricht eindeutig gegen ein Überleben des Eichhörnchens. Stattdessen wird angenommen, dass das Tier durch den Sturz starb. Im besten Fall war es eine Weile bewegungsunfähig und konnte dem Zement am Ende doch entkommen. So ist das „Chicago Rat Hole“ wohl auch ein Mahnmal dafür, Tiere in urbanen Umfeldern zukünftig besser vor Baustellen zu schützen. 1