20. April 2026, 11:24 Uhr | Lesezeit: 10 Minuten
Immer wieder finden Schornsteinfeger Nester und Kadaver von Vögeln und Kleinsäugern. Tauben, Amseln und sogar Eichhörnchen fallen nicht selten in Schornsteine. Meist überleben sie die Abstürze nicht. Dohlen hingegen nutzen Kamine sogar als Nistplatz, was wiederum zur Gefahr für Hausbewohner werden kann. Wie man die Tiere vor dem Tod im Kamin schützen kann, erläutert eine Schornsteinfegerin im Gespräch mit PETBOOK.
Schornstein als Todefalle
Manch Hausbewohner mag es schon gehört haben: ein kratzendes Geräusch, Scharren oder ein Gurren, das irgendwie aus dem Schornstein zu kommen scheint. Manchmal ist tatsächlich ein Vogel oder gar ein Eichhörnchen in den Kamin gestürzt und versucht verzweifelt, aus seinem dunklen Gefängnis zu entkommen. Werden die Tiere nicht rechtzeitig entdeckt, bedeutet ein Sturz in den Kamin ihren sicheren Tod. „Sie verhungern und verdursten in der Regel“, so Iris Dohmen, Schornsteinfegermeisterin und Sprecherin des Bundesverbands des Schornsteinfegerhandwerks.
Fallen die Tiere im Winter in den Kamin, können sie auch ersticken oder verbrennen. Denn Tauben, Amseln, Eulen oder auch Eichhörnchen schaffen es nicht, aus den schmalen Schächten einfach wieder herauszufliegen oder zu klettern. „Ihre Überreste finden wir dann bei unseren Inspektionen“, so Dohmen. Jungvögel, die noch nicht richtig fliegen gelernt haben, können ebenso in Schornsteine fallen wie Alttiere, die sich den Rand eines Schornsteins als Sitzplatz aussuchen, den Halt verlieren oder von austretenden Gasen bewusstlos werden.
Tiere fallen bewusstlos in den Kamin
„Die Abgase sind in der Regel geruchlos, die Vögel merken nicht, wenn sie etwas einatmen“, erläutert Dohmen. Wenn sie dann ohnmächtig werden, stürzen sie nicht selten in den Schlot. „Dann fallen sie bis zur Sohle des Kamins, von wo aus sie nicht mehr herauskommen, sollten sie wieder zu sich kommen.“ In Städten fänden sich häufig Tauben in den Kaminen, die sich zum Wärmen auf Schornsteinen niedergelassen haben.
Genaue Zahlen, wie viele tote Tiere sie aus Kaminen bergen, kann Dohmen zwar nicht nennen. „Aber gerade in Städten zieht man im Schnitt pro Jahr etwa einen toten Vogel pro Haus aus einem Schornstein, meist Tauben.“ Vor allem Schornsteine von Gasfeuerstätten können zu Todesfallen werden. Aus Schornsteinen, an die Kamine angeschlossen sind, werden hingegen weniger tote Tiere geborgen – der austretende Qualm hält Vögel eher fern.
Dohlen brüten gerne in Schornsteinen
Vögeln, die unfreiwillig in Schornsteine fallen, droht ein qualvoller Tod. Wenn sie bis zur Sohle des Kamins fallen, den Schornstein nicht verstopfen und beim Besuch des Kaminkehrers entfernt werden, geht von ihnen meist jedoch keine größere Gefahr für die Bewohner eines Hauses aus. Anders dagegen sieht es aus, wenn der Schornstein regelrecht verschlossen ist – etwa, weil ein Vogel dort sein Nest hineingebaut hat.
Wer denkt, ein Vogel werde sich wohl kaum einen womöglich noch benutzten Schornstein als Nistplatz aussuchen, der irrt. Vor allem Dohlen, eine Rabenart, die nahezu in ganz Europa in ländlichen Regionen, aber auch vermehrt in Städten beheimatet ist, brüten sogar gerne in Kaminschächten. Die kaum 40 Zentimeter kleinen Dohlen sind übrigens anhand ihres dunkelgrau-schwarzen Körpers und ihres deutlich hellgrauen Nackens gut zu identifizieren. Sie haben helle Augen, einen spitzen, kräftigen Schnabel und einen kurzen Hals, was sie leicht gedrungen aussehen lässt. Vor dem Hineinklettern in die dunklen Schächte fürchten sich die Tiere nicht, wie die Schornsteinfegerin weiß. „Dohlen können Kamine und Rohre richtiggehend untersuchen und laufen dazu in ihnen entlang.“1, 2
Dohlennester können wie ein Korken wirken
Iris Dohmen weiß aus eigenem Erleben von einem besonders bizarren Fall zu berichten. Dabei waren drei Dohlen in einen Schornstein gelangt und von dort aus den Rohren gefolgt, bis sie direkt in der Feuerstätte angekommen waren. „Sie sind offenbar den Rohren und dem Licht gefolgt, bis sie in der Feuerstätte saßen.“ Dort seien die Vögel allerdings verendet, weil sie nicht wieder den Weg zurückgefunden hätten. „Und so ein drastischer Fall ist mir auch nur ein Mal begegnet“, versichert die Schornsteinfegermeisterin. Dennoch komme es vor, dass Dohlen Kamine gründlich dahingehend erkunden, ob sie als Nistplatz geeignet sind. „Die Vögel sind sehr intelligent und können danach meist auch wieder unbeschadet aus einem Schornstein herausklettern.“
Da Dohlen Höhlenbrüter sind, greifen sie in Städten mangels geeigneter Nistmöglichkeiten häufig auf Schornsteine zurück. Das Problem: Sie bauen derart große und stabile Nester, dass diese Schornsteine wie einen Korken verschließen können. Selbst Schornsteinfeger haben Mühe, solche Bauten aus den Schächten zu entfernen, wie die Sprecherin des Bundesverbands, Iris Dohmen, berichtet.3
Reichen tief in den Schacht hinein
„Wenn wir verlassene Nester finden, sitzen sie oft richtig fest, sodass man sie nur mit Aufwand entfernen kann.“ Im Internet berichten Kaminkehrer, dass mitunter sogar Schornsteine von außen aufgestemmt werden mussten, um festsitzende Nester entfernen zu können. Bevorzugt bauen Dohlen ihre Brutstätten in sogenannte gezogene Kamine, wie Dohmen sagt. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass sie nicht schnurgerade nach unten verlaufen, sondern einen Knick machten. „Das erleichtert den Nestbau.“ Doch auch ein gerade verlaufender Schornstein schützt nicht zwingend vor der Besiedelung durch die Rabenvögel.
Um ein Nest bauen zu können, müssen die Tiere eine Art Basis schaffen. „Dazu werfen sie zunächst Stöcke, Zweige und Ähnliches in den Kamin“, sagt Dohmen. Verkantet sich ein Zweig, können sie darauf mit dem Nestbau beginnen. Das führt dazu, dass Dohlennester häufig sehr tief und trichterförmig in den Schacht hineinreichen und dort fest verankert sind, bevor die eigentliche Nistfläche beginnt. Für ihr Nest nutzen die Vögel zudem unterschiedlichste, stabile Materialien. „Wir haben schon Nester herausgeholt, in denen außer Zweigen, Laub, Tierhaaren und Federn auch Stoffreste und Lappen verarbeitet waren.“
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Dohlennester können gefährliche Folgen haben
Auch Müll und Handtücher wurden schon in Dohlennestern gefunden, wie Schornsteinfeger berichten. All diese Materialien sorgen für ein stabiles und kompaktes Gebilde, das wie ein Pfropfen im Kamin sitzt. Der Nistplatz im Schornstein ist für die Vögel selbst in der Regel übrigens nicht gefährlich. Ohnehin brüten sie im Frühjahr, wenn Häuser und Wohnungen kaum noch beheizt werden.
Und selbst wenn der Kamin, den sie sich ausgesucht haben, doch wieder genutzt werden sollte: Durch die kompakte Bauweise des Nests kommen kaum Abgase hindurch, wie Dohmen berichtet. Die Vögel ersticken in der Regel also nicht. Allerdings bauen Dohlen ihr Nest, wenn sie es nach Aufzucht ihrer Jungen verlassen, nicht wieder ab, so Dohmen. „Das steckt dann auch noch im Schornstein, wenn die Heizsaison wieder losgeht.“ Und für die Bewohner eines Hauses, in dessen Schornstein sich Dohlen niedergelassen haben, kann so ein Nest dann gefährliche Folgen haben.4
Kohlenmonoxidvergiftung durch verstopften Schornstein
Weil Abgase und Rauch nicht oder nicht mehr ausreichend abziehen können, drohen Abgasstau und der Ausfall der Heizanlage. Bei unvollständiger Verbrennung in Kaminen und anderen Heizanlagen kann zudem Kohlenmonoxid entstehen. Das Gas ist geruchlos, aber hochgiftig und kann auch bei Menschen rasch zu Bewusstlosigkeit und sogar zum Tod führen, wenn es eingeatmet wird.
2008 starben eine Mutter und ihre beiden Kinder im nordrhein-westfälischen Herne, weil ein Dohlennest den Kamin ihres Hauses verstopft hatte und Abgase aus der Gasheizung nicht mehr ins Freie gelangten. 2014 starben in Ahlen im Münsterland ein junges Elternpaar und seine beiden kleinen Kinder im Schlaf an eingeatmetem Kohlenmonoxid. Ein Sachverständiger fand schließlich die Ursache: Ein anderthalb Meter tief im Kamin des Hauses gebautes Dohlennest hatte den Abzug des Gases verhindert.
Aufmerksamkeit sei daher angesagt, wenn sich Dohlen am Haus und in der Nähe des Kamins aufhalten, so Dohmen. In Panik geraten müsse aber niemand. Wichtig sei jedoch, auf erste Anzeichen zu achten, dass eine Feuerstätte womöglich nicht mehr richtig arbeitet. Werden Heizungen nicht mehr ausreichend warm und bliebe das Wasser kühl, sollte nachgesehen werden. Nicht immer steckt dann zwar ein Nest im Schornstein dahinter. „Möglich aber ist es, vor allem in Regionen, in denen Dohlen siedeln und es gezogene Schornsteine gibt.“ Auch plötzlich auftretender, modrig-feuchter Geruch im Haus und Feuchtigkeitsablagerungen könnten Anzeichen dafür sein, dass die Heizanlage und der dazugehörige Schornstein nicht mehr richtig funktionieren. 5, 6, 7
Dohlengitter verhindern Nestbau
„Und wenn sich beim Öffnen der Rußklappe am unteren Ende des Kamins Stöcke und ähnliches finden, können ebenfalls Dohlen am Werk gewesen sein“, sagt Iris Dohmen. Auch dann sollte man den Schornsteinfeger informieren. Schornsteinfeger wissen jedoch auch, in welchen Regionen Dohlen auftreten, und kennen die Anzeichen, anhand derer sich eine Besiedelung erkennen lässt. „Wichtig ist daher, dass Kamine regelmäßig gekehrt und begutachtet werden.“
Da Nester meist erst mit Beginn der Heizperiode entdeckt werden, wenn die im Frühjahr brütenden Bewohner bereits ausgeflogen sind, ist das Entfernen unproblematisch, wie auch das Landesamt für Natur, Umwelt und Klima Nordrhein-Westfalen (Lanuk) auf Petbook-Nachfrage erläutert. Zwar gehören Dohlen in Deutschland zu den geschützten Tierarten. Allerdings: „Dohlennester in Schornsteinen können ohne weitere Konsultation und Genehmigung der unteren Naturschutzbehörde entfernt werden“, so eine Behörden-Sprecherin. Das mache am besten der Schornsteinfeger.
Sollten sich beim Entdecken eines Nests jedoch Eier oder Küken darin finden, „sollte das Ende der Brutzeit abgewartet werden, bis das Nest entfernt wird, um Konflikte mit dem Tötungsverbot nach dem Bundesnaturschutzgesetz zu vermeiden“, heißt es abschließend aus dem Lanuk. In solchen Fällen kann es unter Umständen passieren, dass die betroffene Heizanlage vorübergehend stillgelegt wird, wie aus einem Bericht des WDR hervorgeht. Die Brutzeit geht erfahrungsgemäß bis Ende Juni, im Winter muss also niemand frieren. 8, 9
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Maßnahmen, um den Kamin dohlensicher zu machen
Wer nicht möchte, dass die Vögel ihre Nester in den Schornstein bauen oder der Kamin für andere Tiere zur Todesfalle wird, kann eine einfache und günstige Vorsorge treffen: Sogenannte Dohlengitter gibt es passend für jede Schornsteingröße. Die fest montierten Gitter, die optisch an Grillroste erinnern, verhindern, dass Dohlen in den Schacht klettern und dort ihr Nest bauen können. Dennoch sind sie grobmaschig genug, um Abgase hindurchzulassen. Unter anderem übernehmen Schornsteinfegerbetriebe die Bestellung und Installation solcher Gitter, die es je nach Größe für weniger als 100 EUR im Internet gibt. „In der Regel ist das preisgünstiger, als wenn wir regelmäßig ausrücken und den Kamin von Dohlennestern befreien müssen.“
Denn: „Dohlen kommen gerne wieder“, weiß die Schornsteinfegerin. „Wenn man einmal ein Nest entfernt hat, heißt das nicht, dass die Tiere nicht im Jahr darauf an der gleichen Stelle wieder ein neues bauen.“ Wenn die Vögel gute Bedingungen vorgefunden und sich wohl gefühlt hätten, ließen sie sich von einem entfernten Nest nicht abhalten.10, 11
Fazit
Dohlengitter schützen zuverlässig vor Nestbau und davor, dass andere Tiere im Kamin qualvoll verenden. Sie können den Dohlen allerdings trotzdem etwas Gutes tun – und zwar mit Nestmöglichkeiten. Wer handwerklich ein wenig geschickt ist, kann Dohlenkästen sogar selbst bauen. Anleitungen dazu gibt es unter anderem beim Naturschutzbund.
Wichtig: Dohlenkästen müssen in geeigneter Höhe angebracht sein. Dazu eignen sich neben Fassaden von Gebäuden und Türmen auch hohe Bäume.