9. Januar 2026, 14:18 Uhr | Lesezeit: 7 Minuten
Einige Hunde verstehen mehr als nur „Sitz“ und „Platz“ – sie lernen neue Wörter einfach durchs Zuhören. Eine Studie zeigt: Sogenannte „Gifted Word Learner“-Hunde können durch beiläufige Gespräche zwischen Menschen neue Spielzeugnamen lernen – und das genauso gut wie 18 Monate alte Kinder. Das wirft faszinierende Fragen zur Entwicklung von Sprachverständnis auf – nicht nur bei uns Menschen, sondern auch bei unseren vierbeinigen Begleitern.
Es gibt Begriffe, die mein Mann und ich nicht mehr aussprechen, seit wir unsere Hündin haben. Dazu zählen etwa „Ball“, „Frisbee“, aber auch „Brezel“. Entweder wir umschreiben die Objekte („Wollen wir heute ein Laugengebäck vom Bäcker holen?“) oder wir buchstabieren sie („Wo ist denn der B-A-L-L?“). Denn wenn eines dieser Wörter fällt, wird Yumi – unsere fünfjährige Zwergspitzhündin –, ganz aufgeregt. Und dabei haben wir ihr das Wort „Brezel“ nie beigebracht. Sie muss den Begriff einfach aufgeschnappt haben.
Diese Fähigkeit besitzen offenbar viele Hunde, wie eine Studie nun erstmals wissenschaftlich nachweisen konnte.
Lernen Hunde auf ähnliche Weise wie Kinder?
Ein Forschungsteam unter der Leitung von Shany Dror und Kolleginnen von der Eötvös-Loránd-Universität in Budapest hat untersucht, ob Hunde mit außergewöhnlichen Sprachfähigkeiten neue Wörter lernen können, indem sie einfach Gespräche belauschen. Die Ergebnisse wurden im Fachjournal „Science“ veröffentlicht.
Die Forscher orientierten sich an Methoden aus der Kleinkindforschung, um herauszufinden, ob Hunde auf ähnliche Weise wie Kinder aus sozialen Situationen lernen können. Dabei zeigte sich: Einige Hunde verstehen nicht nur gezielte Anweisungen, sondern können auch aus indirekt aufgeschnappten Wörtern – ohne direkte Ansprache – neue Begriffe aufnehmen und korrekt zuordnen.1
Zuhören und Lernen erfordert eine Reihe sozialer Fähigkeiten
Schon 18 Monate alte Kinder können neue Wörter lernen, indem sie Gesprächen zwischen anderen Menschen zuschauen und zuhören – selbst dann, wenn niemand direkt mit ihnen spricht. „Bei Kleinkindern ist es so, dass sie mit etwa 1,5 Jahren durch ‚Belauschen‘/Zuhören von Gesprächen zwischen zwei anderen Menschen neue Bezeichnungen von Dingen (‚objects‘) lernen, also, ohne dass man ihnen die Sache selbst zeigt“, erklärt Prof. Dr. Christoph Klienschnitz, Direktor der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Essen, auf Anfrage. Das erfordere eine Reihe sozialer Fähigkeiten wie das Erfassen der Blickfolge der belauschten Person, einer Unterhaltung zuzuhören, sich in jemand anderen hineinversetzen zu können, oder die Intention einer Person zu erfassen.
Hunde gelten als besonders empfänglich für menschliche Kommunikation
Zwar gilt Sprache als rein menschliche Fähigkeit, doch manche Tiere zeigen erstaunlich ähnliche Lernstrategien. Besonders Hunde, die über Jahrtausende an das Leben mit Menschen angepasst wurden, gelten als besonders empfänglich für menschliche Kommunikation.
Frühere Studien zeigten bereits, dass einige sogenannte „Gifted Word Learner“-Hunde – also hochbegabte Wortlerner – spontan die Namen von Objekten erlernen können. Ob sie dies auch durch bloßes Zuhören bei Mensch-zu-Mensch-Interaktionen schaffen, war bisher unklar. Genau dieser Frage ging die vorliegende Studie nach.
10 talentierte Hunde vs. 10 typische Familienhunde
Die Forscher führten mehrere Experimente mit zwei Gruppen von Hunden durch:
- zehn „Gifted Word Learner“-Hunden mit nachgewiesenem Wortschatz und
- zehn typischen Familienhunden ohne spezielle Sprachkenntnisse.
Zunächst wurde getestet, ob die begabten Hunde neue Objektbezeichnungen lernen können, wenn ihre Besitzer sie direkt ansprechen (Experiment 1a). Im Anschluss wurde untersucht, ob dieselben Hunde auch durch „Overhearing“ – also durch das bloße Mithören eines Gesprächs zwischen zwei Menschen – neue Wörter lernen (Experiment 1b).
Zusätzlich wurde geprüft, ob typische Hunde unter denselben Bedingungen ebenfalls lernen können (Experiment 2). In einem dritten Experiment (3a und 3b) wurde getestet, ob die begabten Hunde Wörter lernen, auch wenn Objekt und Bezeichnung zeitlich voneinander getrennt präsentiert werden.
Alle Hunde erhielten über vier Tage hinweg kurze Lernsitzungen, bestehend aus Benennung, gemeinsamem Spiel (ohne Benennung) und freiem Spiel. Anschließend wurde getestet, ob die Hunde die neuen Objekte auf Kommando korrekt erkennen und bringen konnten.
Nicht alle Hunde lernen beim Lauschen
Die „Gifted Word Learner“-Hunde konnten in allen drei Experimenten neue Objektbezeichnungen erfolgreich lernen. Im direkten Lernkontext (Experiment 1a) lag die Trefferquote bei 92 Prozent, beim bloßen Mithören (Experiment 1b) bei 83 Prozent – beide Werte lagen signifikant über dem Zufall. Dabei war kein deutlicher Unterschied zwischen aktivem Lernen und passivem Mithören erkennbar.
Auch bei der ersten Abfrage jedes neuen Begriffs lagen die Erfolgsraten bei 80 Prozent (direkt) und sogar 100 Prozent (Overhearing), was zeigt, dass die Hunde die Wörter bereits vor dem Test gelernt hatten.
Typische Familienhunde zeigten hingegen kein klares Lernverhalten. Zwar wählten sechs von zehn Tieren häufiger ein neues Spielzeug als erwartet (bei einem Ausgangswert von 9 Prozent Zufallstreffern), doch bei genauerer Analyse zeigte sich, dass dies eher auf Vorlieben für neue Gegenstände als auf echtes Lernen zurückzuführen war. Im dritten Experiment (3a) konnten die begabten Hunde auch dann neue Wörter lernen, wenn zwischen Benennung und Sichtbarkeit des Objekts eine zeitliche Lücke bestand – mit einer medianen Trefferquote von 79 Prozent. Zwei Wochen später (Experiment 3b) erinnerten sie sich weiterhin zuverlässig an die neuen Begriffe.
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Besonders talentierte Hunde lernen allein durch Zuhören
Die Ergebnisse zeigen: Manche Hunde verfügen über ein bemerkenswertes Maß an sozial-kognitiven Fähigkeiten, das dem von Kleinkindern ähnelt. Sie können nicht nur durch direkte Ansprache, sondern auch durch Beobachtung von Mensch-zu-Mensch-Interaktionen lernen. Diese Fähigkeit, sogenannte triadische Interaktionen zu beobachten und daraus Informationen zu gewinnen, galt lange als exklusiv menschlich.
Dass bestimmte Hunde auf diese Weise neue Begriffe lernen können – und dies ohne aktives Training, sondern allein durch Zuhören – deutet darauf hin, dass einige der kognitiven Grundlagen menschlicher Sprachentwicklung auch bei anderen Arten vorhanden sein können.
„Bisher wusste man nur, dass Hunde Aktionskommandos (‚Sitz‘, ‚Platz‘) zuordnen können“ ordnet Prof. Dr. Christoph Kleinschnitz die Ergebnisse ein. Diese Studie zeige nun, dass das auch für Objekte zutrifft („Das ist ein Spielzeug“). Die Performance der Hunde für diese Verknüpfung war zum Teil sogar besser als bei der Vergleichsgruppe der Kleinkinder.
„Die Studie zeigt also, dass Hunde (bei Bonobos und bestimmten Papageien wusste man das auch schon) komplexe soziale Fähigkeiten ähnlich von Menschen/Kleinkindern erlernen können“, so der Experte. „Zudem ist das Erlernen von Objektbezeichnungen durch Belauschen offensichtlich unabhängig von der Fähigkeit zu sprechen (Hunde können nicht sprechen), es scheint sich also um einen entwicklungsbiologisch sehr alten sozioökonomischen Mechanismus zu handeln. Kurzum: Hunde sind eben wahnsinnig schlau und dem Menschen ähnlicher als gedacht, aber das wussten Hundebesitzer wohl schon immer.“
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Warum nur manche Hunde dieses Talent besitzen, ist unklar
Die Studie liefert überzeugende Hinweise darauf, dass einige wenige Hunde unter bestimmten Bedingungen ähnlich lernen wie Kleinkinder. Dabei wurde sorgfältig kontrolliert, ob die Tiere tatsächlich ein neues Wort-Objekt-Mapping gelernt hatten oder nur nach dem Ausschlussprinzip wählten. Besonders hervorzuheben ist das differenzierte Studiendesign mit mehreren experimentellen Bedingungen, Wiederholungstests und angemessenen statistischen Analysen.
Allerdings bleibt unklar, wodurch genau diese Lernfähigkeit bei den „Gifted Word Learner“-Hunden entsteht. Die Autoren weisen darauf hin, dass diese Fähigkeit sehr selten ist und vermutlich auf individuelle Besonderheiten zurückzuführen ist – möglicherweise genetische Faktoren, Umweltbedingungen oder eine besondere Motivation. Auch wenn die Stichprobengröße mit jeweils zehn Tieren relativ klein ist, sind die Ergebnisse konsistent.
Fazit: Sprachähnliches Lernen ist keine ausschließlich menschliche Fähigkeit
Ein kleiner Kreis hochbegabter Hunde kann neue Wörter lernen, indem sie Gesprächen zwischen Menschen einfach zuhören – vergleichbar mit Kleinkindern. Diese Entdeckung liefert faszinierende Einblicke in die sozialen und kognitiven Fähigkeiten mancher Hunde und wirft Fragen zur Evolution sprachähnlicher Lernmechanismen auf.
Für typische Familienhunde gelten diese Ergebnisse jedoch nicht. Dennoch zeigt die Untersuchung: Sprachähnliches Lernen ist keine ausschließlich menschliche Fähigkeit – zumindest nicht in jeder Hinsicht. Künftige Forschungen sollten untersuchen, welche Faktoren diesen besonderen Lerntyp beim Hund ermöglichen und ob gezieltes Training solche Fähigkeiten fördern kann.