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Geheimnisvolle Reise

Aale brauchen das Bermuda-Dreieck zur Fortpflanzung – und keiner weiß, warum

Ein Aal schwimmt durch einen Fluss
Aale leben lange in Flüssen, doch zur Fortpflanzung zieht es sie ins Bermuda-Dreieck Foto: picture alliance / imageBROKER | Reinhard Dirscherl
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Louisa Stoeffler
Redakteurin

23. Oktober 2025, 16:49 Uhr | Lesezeit: 5 Minuten

Er ist schleimig, geheimnisvoll und eine der rätselhaftesten Tierarten Europas: der Aal. Seit Jahrhunderten versuchen Forscher herauszufinden, wo und wie sich diese Fische vermehren – doch bis heute weiß es niemand mit Sicherheit. Nur eins ist sicher: der Aal benötigt eine lange Reise ins Bermuda-Dreieck, um sich fortzupflanzen. Warum das so ist, und weshalb der Fisch es heute besonders schwer hat, erklärt dieser PETBOOK-Artikel.

Niemand hat je gesehen, wie Aale sich fortpflanzen

Der Europäische Aal (Anguilla anguilla) lebt in heimischen Flüssen, Teichen und Seen – aber irgendwann, meist nach mehreren Jahren, verschwindet er. Er wandert ab in Richtung Atlantik, genauer gesagt in die Sargassosee, westlich der Bermudas. Dort, mitten im legendären Bermuda-Dreieck, sollen die Tiere ihren geheimnisvollen Fortpflanzungstanz vollführen.

Doch gesehen hat das noch nie jemand. Kein Forscher, keine Kamera, kein U-Boot.
Was man weiß: Die erwachsenen Aale sterben nach der Eiablage, und winzige, durchsichtige Larven machen sich auf den jahrelangen Weg zurück nach Europa. Sie werden durch den Golfstrom getragen – über 5000 Kilometer weit durch den Atlantik. Erst an den Küsten verwandeln sie sich in kleine Glasaale, dann in Gelbaale und schließlich in die Tiere, die wir hier kennen.

Warum ein Süßwasserfisch ins Salzwasser zieht

Warum es den Europäische Aal als Süßwasserfisch nach Jahren in Flüssen, Seen und Teichen zur Fortpflanzung ins Salzwasser des Atlantiks zieht, ist faszinierend. Das liegt an seiner einzigartigen Lebensweise: Der Aal gehört zu den sogenannten katadromen Fischen. Das bedeutet, dass er im Süßwasser aufwächst, aber im Meer laicht – also genau umgekehrt wie zum Beispiel der Lachs, der aus dem Meer in Flüsse wandert (anadrom).

Bevor der Aal seine lange Reise antritt, verändert sich sein Körper drastisch:

  • Seine Augen werden größer, um in der Tiefe des Ozeans besser sehen zu können.
  • Seine Haut wird silbriger, um im Meer getarnt zu sein.
  • Der Salzhaushalt seines Körpers stellt sich um – er kann plötzlich Salzwasser ertragen, das für normale Süßwasserfische tödlich wäre.

Diese Umwandlung vom Gelbaal (im Süßwasser) zum Silberaal (auf Wanderung) ist ein biologisches Meisterstück – und Voraussetzung dafür, dass er überhaupt das Bermuda-Dreieck erreichen kann.

Wissenschaft weiß nicht, warum alle Aale zielsicher das Bermuda-Dreieck ansteuern

Seit Jahrhunderten ist das Fortpflanzungsverhalten des Europäischen Aals also ein Mysterium. Zwar vermutete der dänische Meeresbiologe Johannes Schmidt bereits Anfang des 20. Jahrhunderts anhand von Larvenfunden die Sargassosee als Laichgebiet – doch ein direkter Nachweis von erwachsenen laichenden Aalen oder Eiern blieb aus. Diese Lücke erschwert das Verständnis der komplexen Wanderung dieser Tiere, die insgesamt bis zu 10.000 km vom europäischen Süßwasser über den Atlantik ziehen.

Denn seit den 1980er-Jahren ist der Aalbestand drastisch zurückgegangen – die Zahl der Jungtiere sank um 95 Prozent. Ursachen liegen im Unverständnis über den marinen Lebenszyklusabschnitt der Aale. Die Forschung konzentriert sich daher zunehmend auf die Ozeanmigration. Neue Technologien wie satellitengestützte Pop-up-Tags ermöglichen es nun erstmals, die letzten Etappen dieser Reise nachzuvollziehen – mit dem Ziel, das Laichverhalten endlich direkt zu dokumentieren und damit Schutzmaßnahmen fundierter zu gestalten.

Der Weg ist klar, doch wo ist das Ziel?

2022 gelang Forschern erstmals der direkte Nachweis: Mithilfe von Satellitentechnik konnten sie verfolgen, wie ausgewachsene Aale tatsächlich bis ins vermutete Laichgebiet wandern. Diese Entdeckung bringt Licht in ein jahrhundertealtes biologisches Rätsel und ist ein Hoffnungsschimmer für den Schutz dieser stark gefährdeten Art.

Die Forscher setzten 26 weiblichen Silberaalen im Azoren-Archipel Satellitensender ein und konnten so ihre Wanderung bis in den Atlantik dokumentieren – eine wissenschaftliche Premiere. Maßnahmen erfolgten unter ethischen Standards, Narkose und mit Genehmigung der Behörden der Azoren.

So zeichneten die Satelliten-Tags die durchschnittliche Tiefe, Temperatur und Position auf und sendeten diese Daten, sobald sie sich nach einer programmierten Zeit (oder bei Signalverlust) vom Tier lösten. Sie blieben zwischen 40 und 366 Tagen an den Fischen und ermöglichten erstmals die Verfolgung der Wanderroute über den Atlantik hinweg.

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Alle Aale steuern zielsicher das Bermuda-Dreieck an

Diese Studie liefert erstmals den lang ersehnten direkten Beweis, dass europäische Aale ihr vermutetes Laichgebiet in der Sargassosee tatsächlich erreichen. Damit wird eine wesentliche Lücke im Verständnis ihres Lebenszyklus geschlossen. Die Beobachtung, dass kein Tier innerhalb des ersten möglichen Laichfensters ankam, unterstützt die Hypothese einer über längere Zeiträume gestreckten Migration.

Die Daten stärken zudem frühere Annahmen, dass Azoren-Aale dieselbe Route wie Kontinentaleuropäische Aale wählen. Dies spricht dafür, dass alle Aale zielsicher das Bermuda-Dreieck ansteuern, um sich dort fortzupflanzen. Die Erkenntnisse sind ein Meilenstein in der Aal-Forschung und liefern wertvolle Grundlagen, um Schutzprogramme und Managementstrategien besser auf die Bedürfnisse dieser hochbedrohten Art abzustimmen.

Der Mensch blockiert den Weg der Aale

Dass der Ursprung der Aale ausgerechnet in der Region liegt, die als Bermuda-Dreieck bekannt ist, passt irgendwie: Dort, wo angeblich Flugzeuge und Schiffe verschwinden, geschieht vielleicht etwas ähnlich Unerklärliches – nur im Wasser. Während die Aale dort ihr Leben beenden, beginnt zugleich ein neues. Ein Kreislauf, den wir Menschen mit unseren Bauwerken und Eingriffen in die Natur immer mehr zerstören.

Denn diese uralte Wanderung der Aale, die wir bis heute noch nicht ausreichend verstehen, wird heute an unzähligen Stellen unterbrochen. Flüsse sind verbaut – durch Schleusen, Wehre, Dämme und Wasserkraftwerke. Für die Aale gibt es oft kein Durchkommen mehr. Sie sterben an Turbinen, stranden in Kanälen oder finden schlicht keinen Weg zurück ins Meer.

So gefährden wir eine Art, deren Geheimnisse wir bislang nicht lüften konnten. Denn der Europäische Aal gilt inzwischen als vom Aussterben bedroht. Wohl auch, weil er wider alle Vernunft trotzdem für viele immer noch ein beliebter Speisefisch ist, ohne dass eine effektive Möglichkeit gefunden wurde, die Art weiter bestehen zu lassen. 1

Quellen

  1. Wright, R.M., Piper, A.T., Aarestrup, K. et al. First direct evidence of adult European eels migrating to their breeding place in the Sargasso Sea. Sci Rep 12, 15362 (2022). https://doi.org/10.1038/s41598-022-19248-8 ↩︎

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